Marie, Sommer 1942

Daniel Mylow
05.04.2016
 
Marie, Sommer 1942
Obwohl ich auch diesmal an einem bestimmten Tag im Juli 1979 zu einer bestimmten Zeit nach R. abgereist war, kam ich dort nie wirklich an. In meinem vorletzten Leben war das leichter. Da konnte ich fliegen, sagte meine Großmutter.
Ich stehe am Fenster und schaue den Vögeln nach. Wo ist der Vogel, der gestern Abend in den Himmel stieg? Ich erinnere mich nur an das Licht, das unter seinen offenen Flügeln im Spiegel der Wellen verschwindet. Ihre Gischt liegt wie ein helles Negativ auf dem Horizont, in dem die Labyrinthe des Abendlichts phosphoreszieren. Allmählich verstummt der Flug der Vögel, als seien ihre Flügel vom Gewicht fremder Leiber beschwert.
Ein Gesicht taucht plötzlich vor dem Fenster auf. Ich öffne die Tür und trete vor das Haus. Es ist niemand da, aber ich weiß, sie ist immer da. Vielleicht wartet sie hier irgendwo auf mich. Wer hier wartet, wartet immer, sagte meine Großmutter. Die Wolken über dem Meer sind keine Wolken, es sind Schiffe, die nie irgendwo ankommen.
Am Abend schließe ich die Fensterläden. Ich sperre die Stille aus. Vor dem Schlafengehen wandert mein Blick auf das Foto neben dem Bett. April 1972. Marga lächelt. Der kleine Junge an ihrer Hand lächelt nicht. Cedrik war ein ernstes Kind. Es ist das letzte Foto, das ich von ihnen besitze. Ich habe es auf dem Flughafen gemacht, kurz bevor die Maschine in den Westen abhob. Etwas auf dem Bild fehlt. Anfangs dachte ich, es wäre die Zeit.
Der Morgen ist ein stilles Zögern. Taue aus Wind haben die Meeresoberfläche festgezurrt. Je länger ich hinsehe, desto weniger bleibt von dem, was ich sehe. Meine Tante ruft an. Als sie erfuhr, dass ich nach R. fahre, sagt sie, dass ich dabei sei, aus der Gegenwart eine Vergangenheit zu machen. Vielleicht macht sie sich Sorgen, dass ich auch noch republikflüchtig werde.
Ich gehe spazieren. Mit jedem Schritt wachsen die Häuser wie eine Schattenschrift entlang des Horizonts. Ich setze mich in das Café am
Strandaufgang und trinke eine Brause. Marga umarmt mich mit einer Geste, die immerzu fragen möchte, ob dies wirklich das Leben ist, in dem wir uns fanden. Ich möchte ihr sagen, dass wir doch alles hatten, wenn wir es schafften, nicht an die Freiheit zu denken. Cedrik winkt vom Strand, seine Schaufel wie einen zerbrochenen Flügel in den Himmel gereckt.
„Sie wünschen, bitte?“
Ich drehe mich um. Ich sehe nicht mehr. Weil die, zu denen ich spreche, seit sieben Jahren nicht mehr da sind.
In meinem ersten Sommer mit der FDJ hier auf Rügen habe ich in einer Schublade im Haus meiner Großmutter die Fotografie eines jungen Mädchens gefunden. Sie saß auf der Bank vor dem Haus und trug ein weißes Kleid. Ich habe meine Mutter gefragt, wer sie ist. Sie erzählte mir, dass Großmutter im Krieg ein junges Mädchen aus Dänemark hier im Haus versteckt hielt. Sie war Jüdin. Ihre Eltern hatten auf einem Schiff das Land verlassen wollen. Aber das Schiff hatte sein Ziel nie erreicht. In den Kriegswirren war es spurlos verschwunden. Großmutter schaffte es, Marie sieben Jahre lang zu verbergen. Niemand auf der Insel ahnte etwas von ihrer Existenz. An dem Tag, als der Krieg vorüber war, saß sie mit Marie am Radio und hörte Nachrichten. Am nächsten Morgen ging Marie wortlos aus dem Haus, das erste Mal. Sie kehrte niemals zurück. Später fand meine Großmutter ihre Sachen am Strand.
Sie sprach nie mit jemandem darüber. Viele Jahre später schrieb sie es auf. Und so hatte meine Mutter davon erfahren.
Aber erst in diesem Sommer auf Rügen verstehe ich das Mädchen. Du bist hier und du bist nicht hier. Wenn sie versucht hätte, dort wieder anzufangen, wo die Zeit vor sieben Jahren ihre Spur verwischt hatte, dann wäre es ihr vielleicht mit ihrer Vergangenheit so wie Orpheus ergangen. Orpheus steigt hinab in die Unterwelt, um Eurydike zurückzuholen. Als sie ihn erblickt, sieht sie ihn verwundert an: Wer ist dieser Mann?
Wie fremd fällt das Licht, es geht, flüstert, schwebt, wie fremd ist das Meer am Mittag in meinem siebten Sommer ohne meine Familie in R. Zurück im Haus versuche ich zu schreiben. Aber ganz gleich in welchen Raum des Hauses ich auch flüchte, es fühlt sich nur an, als ob ich einen Super-8-Film zurückspule.
Am zweiten Tag nach meiner Ankunft auf der Insel klopft es plötzlich an der Tür. Ich sehe in das Gesicht einer jungen Frau. Sie sagt, dass sie an einer Fotoreportage für ein Magazin arbeite. Es gehe um inseltypische Häuser auf R. und das Lebensgefühl der Siebziger. Ich lasse sie ins Haus. Sie macht viele Fotos. Das Haus gefriert in ihrem Objektiv. Aber darunter drängt und stockt und zögert das Licht. Als ich die Fotos später sehe, fallen mir die Schatten auf. Leise Luftspiegelungen, die die Wirklichkeit zu einem hellen Negativ verwischen. Als die Fotojournalistin ein zweites Mal kommt, erzähle ich ihr von Marie. Sie macht keine Fotos mehr. Wir sitzen auf der Veranda. Die leise Stimme der Journalistin erzählt von den Sommerferien, die sie als Kind bei ihren Großeltern in einem Haus wie diesem verbrachte. Alles war Zwielicht und Betörung, aber ich habe nicht gespürt, dass es Verwandlung war, sagt sie.
Das wurde mir erst viel später klar, als mein Sohn und mein Mann bei einem Verkehrsunfall starben. Auch wenn sie mir noch gar nicht begegnet waren, habe ich als Kind schon um sie geweint. Verstehen Sie das?
Ich wünschte mir in diesem Augenblick, ich hätte mit der gleichen Selbstverständlichkeit über die Flucht meiner Familie in den Westen sprechen können. Über die schlimme Zeit danach. Die Besuche der Staatssicherheit. Die Fragen, wer die Frau an meiner Seite überhaupt gewesen war.
Wir sehen auf das Meer. Der Himmel hat für Minuten die Farbe von Schnee angenommen, bevor er müde zu leuchten beginnt. Die Journalistin legt ihre Hand auf meinen Arm. Über dem Meer fächert der Wind die Flügel der Vögel auf. In ihrem Gesicht verbirgt die Frau neben mir einen Ausdruck, den sie vor langer Zeit, in irgendeinem Augenblick ihres Lebens, schon einmal gehabt haben musste.
Übrigens, sagt sie mit einem leisen Lächeln, in meinem vorletzten Leben konnte ich fliegen.
 
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