Max wird ein neuer Mensch

Thomas Friedt
10.02.2014
 
Max wird ein neuer Mensch
»Hör ma,Paul, ich hab beschlossen, en neuer Mensch zu werden.«

»Du wirst en neuer Mensch?«

»Jo.«

»Wozu?«

»Na, so halt.«

»Was gefällt dir denn am alten Maxe nicht?«

»Schau uns doch an, Paul. Wir sind Mitte fünfzig, haben keinen Job, kein Geld, keine Frau, null Perspektive ...«

»Was heißt da keine Kohle? Für Bier und Kippen reicht die Stütze doch allemal.«

»Das ist alles, was du vom Leben erwartest? Bierund Zigaretten?«

»Ne, natürlich nicht. Da wären noch: Was zu futtern, Fußball auf Sky, ein warmes Bettchen mit Inhalt ...« Paul grinste breit aus kariösen Zahnreihen.

»Das ist erbärmlich.«

»Was für ne Laus ist dir denn heut über die Leber gekrochen, hä?«

»Wir ham nix auf die Reihe gekriegt, Mann! Wenn wir gehn, bleibt nix zurück. Keine Kinder, kein Lebenswerk, rein gar nix. Als hätten wir gar nie existiert.«

»Und?«

»In unserm Alter hat der Beethoven neun Symphonien geschrieben.«

»Dafür hören wir noch gut.«

»Du musst dich über alles lustig machen, was?«

»Dann schreib meinetwegen ne Symphonie, aber hör auf, mich mit diesem Blödsinn von wegen neuem Menschen zu nerven ... Rosa, bringst du uns bitte noch zwei Bier, ja?«

»Das ist kein Blödsinn!« Max verwarf die Hände. »Ach, ich weiß gar nich, warum ich mich mit dir abgeb, du bist so ein Ignorant!«

»Menschen ändern sich nicht, Max.«

»Das ist nicht wahr!«

»Dann änder dich doch.«

»Mach ich.«

»Okay ...los geht’s.«

»Ich tu’s wirklich!«

Paul verschränkte die Arme und lehnte sich zurück.

»Was guckste so dämlich?«, fragte Max.

»Na, ich warte auf den neuen Max.«

»Du bist so
ein ... ein ...«

»Komm schon, leg los. Bin gespannt, wie der Neue aussieht.«

»Halt doch die Klappe!«

»Und was machst du mit dem alten Max? Die künstliche Hüfte, die Leber und die Lunge wirste wohl als Sondermüll entsorgen müssen,
haha.« Pauls krächzendes Lachen ging in einem Hustenanfall unter.

»Geschieht dir recht.«

Nachdem Paul’s Husten abgeklungen war beschlossen die beiden Männer, vor die Tür eine
rauchen zu gehen.

»Gott, ist das kalt!«, sagte Max, als er sich und seinem Kumpel Feuer gab.

»Morgen soll’s noch mal Schnee geben.«

»Und so was nennt sich Frühling.«

»Dir als neuem Menschen kann das ja wurscht sein.«

Max musterte Paul kopfschüttelnd. »Manchmal könnt ich dich echt an die Wand klatschen.«

»Ts, ts, als neuer Mensch solltest du der Gewalt unbedingt abschwören.«

»Merkst du eigentlich auch mal, wenn’s genug ist?«

»Hey, easy, Mann. Sei nicht immer gleich so eingeschnappt. Ich nehm dich doch nur hoch ...Hey, weißt du was? Wir könnten ja gemeinsam neue Menschen werden.«

»Ach, lass mich in Ruhe!«

»Nein, jetzt im Ernst.«

»Hab keine Lust mehr. Wie soll man en neuer Mensch werden, mit so Freunden wie dir?«

»Ach, komm...«

»Nein, ich mag nicht mehr.«

»Dann lass es halt ... mir doch egal.«

»Ich kann‘s nicht ab, wenn man mich bedrängt. Sollteste doch wissen.«

»Is ja okay, Mann, sorry.«

»...«

»Ich find nur, der alte Max ist ganz okay.«

»...«

»Komm, lass uns wieder rein gehen.«

»...«

»Ich geb einen aus. Friede?« Paul knuffte Max in die Seite. Der ließ seinen Kumpel noch einen Moment zappeln und nickte dann.

»Okay. Friede.«

Neuer Mensch, so ein Kokolores!, dachte Paul kopfschüttelnd, als er hinter Max die Kneipe betrat. In unserem Alter ...

 
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