Montags am Meer

Jürgen Flenker
05.04.2016
 
Montags am Meer
An einem Montag im Sommer traf ich Gott auf seinem Fahrrad. Es war auf einem Deich unweit von Cuxhaven, und Gott schien es eilig zu haben, denn er trat fest in die Pedale, und seine Waden glänzten rund und kräftig in der Sonne. Sein Haar, das wie erwartet schlohweiß war, und ein blauer Umhang, den er trotz der Wärme trug, flatterten wie ein Focksegel in der von Süd leicht auf Südwest drehenden Brise. Ich rief ihm im Vorbeigehen ein „Wohin des Weges?“ zu und er blickte kurz hoch, um mir ein mildes, sonnengebräuntes Lächeln zu schenken, und für ein paar Sekunden waren wir Zeitgenossen, Gott und ich. Dann bedeutete er mir mit einer Handbewegung, dass er keine Zeit für einen Plausch habe, beugte sich über die Lenkstange und legte seinen drahtigen Körper wieder in den Wind.
„Nun, er wird seine Gründe haben“, dachte ich im Stillen und blickte ihm noch eine Weile hinterher, bis er, ein winziger blauweißer Punkt, an einem imaginären Horizont, genau dort, wo sich der Deich und die parallel verlaufende Kreisstraße zu treffen schienen, aus meinem Gesichtsfeld verschwand.
Anschließend ließ ich meinen Blick über das flache Land wandern. An den steilen Abhängen des Deiches standen Schafe und Lämmer ganz unbeeindruckt in Kleingruppen beieinander und sprachen dem für seinen Salzgehalt berühmten Küstengras zu. Dazwischen tüpfelte scheu und orange der Sanddorn. Möwen durchschnitten mühelos den schmalen Streifen zwischen Meer und Himmel. Darüber lieferten sich versprengte Wolkengebilde vereinzelte Scharmützel, prallten lautlos zusammen, lösten sich auf, um kurz darauf in veränderter Formation erneut aufeinander loszugehen. Die Schlacht plätscherte lustlos vor sich hin und endete unentschieden.
Ohnehin ging es auf Abend zu, und es war Zeit, den Dorfkrug aufzusuchen. Der Dorfkrug heißt neuerdings „Günni´s Tränke“ und hat neben dem Apostroph im Namen noch ein paar weitere Neuerungen erfahren. Neben Bier und klaren Getränken werden dort jetzt auch Cocktails ausgeschenkt, eine Neuerung, die nicht ohne Misstrauen beobachtet wird. Ich persönlich kann mit diesen Änderungen gut leben. Freilich gibt es die ewigen Skeptiker, die bereits von einer Verwässerung unserer Küstenkultur und einer billigen Anbiederung an den Zeitgeist sprechen. Große Worte, die unser Günni mit der ihm eigenen Gelassenheit an sich abprallen lässt. Wichtig ist doch nur, dass für ein gepflegtes Pils und für ein gepflegtes Gespräch an diesem Ort noch Platz ist, und daran hat es nie gemangelt. In diesem Wissen steuerte ich auf die Theke zu, die jetzt Bar heißt, klopfte zum Zeichen der Begrüßung auf die spiegelnde Edelstahlfläche und ließ den Blick schweifen. Was ich sah, war ein Stilleben mit halb leeren Gläsern. Hinter der Theke, zapfend und schweigsam wie immer, unser Günni, davor, von links nach rechts: der alte Jansen, dem schon wieder Bierschaumreste in seinem Seehundschnurrbart hingen, Thea Henrich mit frisch blondiertem Haar, Roloff, ein blasser Kosmetikvertreter, den Musterkoffer zwischen den Beinen eingeklemmt, und schließlich Thies Samland, der, weil er nicht mehr so gut hörte, seinen Oberkörper mit dem zerfurchten Gesicht immer so weit wie möglich nach vorn beugte und auf diese Weise eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Galionsfigur hatte.
Eben setzte ich an, von meiner Begegnung mit Gott zu erzählen, da bemerkte ich an den betretenen Gesichtern, dass etwas nicht stimmte. Fragend blickte ich in die Runde.
So erfuhr ich, dass der alte Lüders das Zeitliche gesegnet hatte. Soeben trank man das dritte oder vierte Glas auf ihn, was angesichts der von ihm erreichten achtundneunzig Lebensjahre nur angemessen erschien. Klötterig sei er ja schon eine ganze Weile gewesen, meinte Thea, klötterig und so irrsinnig dünn und ausgetrocknet, wobei sie das letzte Wort besonders betonte und dabei den Kopf ganz leicht in meine Richtung drehte. Ich verstand den Wink und bestellte eine weitere Runde auf den alten Lüders.
„Wat het se secht?“, fragte Thies Samland, indem er versuchte, mit der Hand seine Ohrmuschel trichterförmig zu vergrößern.
„Klötterig“, schrie Thea ihm ins Ohr, und Samland nickte bedächtig, bevor er seinen Korn kippte.
„Ja, so geht es dahin“, meinte der Kosmetikvertreter Roloff, nachdem er sein Glas geleert hatte. Und es blieb im Dunkeln, ob er damit auf das menschliche Leben oder die Getränke anspielte.
Der alte Jansen schwieg zu diesem Thema, wie er im Übrigen zu den meisten Themen zu schweigen pflegte. Dafür trank er, was in diesem Fall Aussage genug war.
So ging es noch eine Weile. Unser Günni schenkte aus, der alte Jansen ertränkte seinen Schnurrbart, Thea ihren Kummer im Bier, denn es war bekannt, dass sie einst, als die Haare noch naturblond waren, ein Krösken mit dem Verstorbenen gehabt hatte. Der Kosmetikvertreter Roloff betrachtete mit glasigen Augen seine akkurat manikürten Fingernägel und Thies Samland nickte von Zeit zu Zeit mit dem Kopf, immer darauf gefasst, dass vielleicht irgendwer etwas Bedeutendes sagen würde, was seines Kommentars bedurft hätte.
Schließlich wurde es dunkel, und die Reste des Tages tröpfelten aus einer orangefarbenen Sonne langsam ins Meer. Ich hatte meine Begegnung mit Gott schon fast vergessen, doch als ich meine Jacke vom Haken nahm und durch die Butzenscheiben von „Günni´s Tränke“ nach draußen sah, glaubte ich die Gestalt mit dem flatternden Umhang noch einmal zu sehen. Schemenhaft glitt sie auf ihrem Fahrrad über den Deich, und auf dem Gepäckträger wähnte ich eine dürre Gestalt, eine Hand hoch in der Luft, und es war nicht auszumachen, ob sie uns nun zuwinkte oder bloß versuchte, das Gleichgewicht zu halten.
Ich blickte noch einmal in die Runde, aber anscheinend hatte niemand das gesehen, was ich gesehen hatte. „Gottes Wege“, dachte ich noch, und als ich vor die Tür trat, grasten die Schafe weiter ungerührt auf dem Deich und alle Sterne verharrten unverändert an ihrem Platz.
 
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