Nächtliche Reisen

Marie Rossanne
20.02.2018
 
Nächtliche Reisen
Mama beugt sich über mich und ein Duft von Vanille mit Zitrone kriecht in meine Nase. Ich mag ihren Geruch, er erinnert mich an meinen ersten Kuchen, den ich hier in diesem neuen Land gegessen habe. Und Kuchen esse ich für mein Leben gern. Ich mag auch Mama, sie ist sehr lieb zu mir. Wenn sie mich in die Arme nimmt, dann lege ich meinen Kopf oft an ihre weiche Brust und schließe die Augen. So wie ich es bei Mummel getan habe. Mummel ist meine richtige Mama. Sie wohnt jetzt auf demhellsten Stern am Himmel. Mummel hatte immer alle Hände voll zu tun, und ich saß viel zu selten auf ihrem Schoß. Mummel roch nach Kräutern und Erde.
Mama gibt mir jetzt einen Kuss auf die Stirn. Feucht ist er und schmatzt. Und es kitzelt ein bisschen auf meiner Haut. „Wollen wir noch unter dem Bett nach Gespenstern schauen?“, fragt sie. Das fragt Mama fast jeden Abend. Und wie immer schüttele ich den Kopf. „Oder soll ich das Licht brennen lassen bis du eingeschlafen bist? Wieder schüttele ich den Kopf und lächle. Mama lächelt zurück. „Du bist schon ein großes, tapferes kleines Mädchen“, sagt sie und streichelt behutsam über meine Haare. „Gute Nacht!“ „Gute Nacht“, sage ich und kneife dabei die Augen gleich fest zusammen. Mama geht leise aus dem Zimmer. Sie löscht das Licht. Jetzt kann ich die Augen wieder öffnen.
Ich ziehe Meister Petz unter der Bettdecke hervor und lege ihn neben mein Gesicht. „Hallo, wie geht’s?“ Meister Petz sagt nichts und liegt nur stumm neben mir. Ich nehme ihn in beide Hände, knuddele sein zotteliges Fell, stupse seine Nase und knete seine kleinen Ohren. Dann umarme ich ihn heftig. „Oh, oh, nicht so wild“, grummelt er ein wenig beleidigt. Jetzt drücke ich ihn sanft und gebe ihm einen Kuss auf sein Schnäuzchen.
Trotz der Dunkelheit sehe ich, dass seine hellbraunen Knopfaugen ganz traurig ausschauen.
„Was ist los?“
„Nichts“
„Wie nichts?“
„Na, eben nichts. Ich löse mich nur langsam auf.“
„Wie?“
„Jesses, ich werde alt und gehe aus dem Leim!“
Seine Stimme ist schrill und zittert. In diesem Augenblick fühle ich etwas Raues auf seinem Rücken. Ich drehe ihn um und entdecke zwei Fäden Holzwolle, die aus einer Naht dort heraus quellen.
„Das repariere ich gleich morgen, keine Bange Meister Petz.“
„Und das geht so einfach?“
Ein leiser Zweifel liegt in seiner Stimme. Seine Augen jedoch flehen mich an.
„Klar doch! Hast du Mummel nicht versprochen, mein Leben lang bei mir zu bleiben?“ Und jetzt zittert meine Stimme und eine Träne läuft mir über die Wange. Meister Petz kuschelt sich schnell an mein Gesicht und brummelt versöhnlich. Dann fährt er mit seinen Pfoten über meine Augen. Das ist das Zeichen.
„Wir müssen los!“ flüstert er.
„Ja!“ schniefe ich, nehme seine Pfoten fest in meine Hände und zähle bis zehn. Es geht los. Wir steigen zum Himmel empor, ziehen durch das endlose Sternenmeer, bis wir über Afrika das Sternzeichen vom Kreuz des Südens entdecken. Dann sind wir da. Zuhause. Wir landen direkt in unserem kleinen Dorf, in unserer Hütte aus Lehm. Das Dach ist aus Stroh und auf dem gestampften und frisch gefegten Fußboden liegen die Matten zum Schlafen. Es riecht nach gekochtem Maisbrei mit Bohnen, Tee steht zum Trinken bereit. Draußen ist es immer noch sehr warm, obwohl es hier schon fast Mitternacht ist. Mummel schlummert in ihrer Ecke, doch sobald wir eingetreten sind, öffnet sie die Augen und breitet ihre Arme aus.
„Da seid ihr ja!“
Überglücklich liegen wir im nächsten Augenblick neben ihr und schmiegen uns an ihren viel zu heißen Körper. Mager ist sie geworden.
„Mummel, ach Mummel!“
„Ja, meine Kleine“, zärtlich streichelt Mummel mir mit ihrer von der vielen Feldarbeit ganz schwieligen Hand über den Kopf. Eine kleine Weile später fährt sie auch sachte mit einem Finger über Meister Petz´ Wuschelhaar, „Danke, dass du so ein guter Beschützer meines kleinen Mädchens bist!“ sagt sie. Dann schweigen wir alle. Ich höre Mummels Atem. Schwer ist er und gepresst, so als ob ein großes Gewicht auf ihr lastet.
„Geht es euch auch gut, dort wo ihr jetzt seid?“, fragt sie irgendwann sehr leise.
„Ja“, antworte ich ebenso leise, „es ist alles in Ordnung. Unsere Mama hat uns sehr lieb, aber wir würden so gerne wieder für immer bei dir sein.“ Mummel drückt Meister Petz und mich fest an sich. “Ihr wisst doch, eines Tages ...“ Dann schlummern wir gemeinsam ein.
Meister Petz raunt mir etwas ins Ohr. Ich bin noch ganz benommen und verstehe ihn nicht. Da nimmt er einfach meine Hände und ich spüre, wie wir wieder abheben. Ich falle aber sofort in meinen Traum zurück.
Ich liege unter der alten, riesigen Schirmakazie am Rand unseres Dorfes. Das ist mein Lieblingsplatz. Hier schaue ich oft in den weiten Himmel und vertraue ihm all meine Wünsche an. Es ist schön schattig, und wenn ein kleiner Wind weht, dann rascheln die Blätter kaum hörbar. So als ob sie miteinander tuschelten. Von Ferne höre ich meinen Cousin Patrick, der aus Blechbüchsen und Schnüren Stelzen gebastelt hat und damit durch das Dorf schlurft, und Tante Annie, die laut darüber schimpft. Ich muss lachen. Dann denke ich an die Schule. Das ist gerade mein größter Wunsch. Ich bin jetzt sechs Jahre alt und möchte so gerne bald zur Schule gehen. Sie ist im Nachbardorf, und ich muss eine Stunde bis dorthin laufen. Aber das macht gar nichts. Ich will doch ganz viel lernen. Mummel kommt zu dem Baum, unter dem ich liege. Sie hat ihr Sonntagskleid an. Gelb-braun gestreift ist es, wie der schöne Pelz einer Hummel. „Mama Hummel!“ rufe ich freudestrahlend und dann übermütig „Mummel, Mummel!“ und winke ihr zu.
Ich wache auf und liege in dem weichen Bett in meinem eigenen Zimmer. Unten in der Küche höre ich Mama rumoren.
Bestimmt bereitet sie gerade das Frühstück für uns. Meister Petz ist neben mir und schläft noch tief. Zärtlich berühre ich seine Pfote. Da fällt mir ein, dass ich ihn verarzten muss. Leise schlüpfe ich aus dem Bett und hole Nadel und Faden. Ich kann schon nähen, das habe ich von Mummel gelernt. Meister Petz schläft noch immer und ich beginne mein Werk. Vorsichtig repariere ich seine Naht, meine Gedanken wandern dabei zu Mummel. Wie lustig es war, als sie mir das beibrachte. Und sie nahm sich Zeit dafür, obwohl draußen auf dem Feld die Arbeit wartete. „Ach Mummel!“ Sie fehlt mir sehr, und so wird es wohl bleiben, bis wir eines Tages alle wieder zusammen sind dort oben auf ihrem hellen Stern. Einige Zeit wird noch vergehen. Vielleicht bin ich dann selbst schon so alt wie Mummel, wer weiß. Aber bis dahin werden Meister Petz und ich uns jede Nacht auf den Weg in die Erinnerung machen.
Wenn ich gleich in der Küche mit Mama frühstücke, werde ich ihr von unseren nächtlichen Reisen erzählen. Bestimmt wird sie sich mit uns darüber freuen.
Übrigens: morgen komme ich in die Schule.
 
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