Nachhaltige Leichtigkeit

Barbara Gramegna
05.04.2016
 
Nachhaltige Leichtigkeit
Der Chef hatte es uns bei einer trockenen und angespannten Versammlung mitgeteilt.
„Ihr werdet es wohl gehört haben … tja, es sind harte Zeiten, tja … wir haben interessante Ansprechpartner kennengelernt ...“, und Ähnliches.
Barzetti war nie ein begnadeter Redner gewesen, doch wir hielten ihn für eine ehrliche Person, die ihre Grundsätze hatte.
Auch hier mussten wir uns eines anderen besinnen.
Die Versammlung, an der wir alle sowie Barzetti selbst und zwei andere Typen teilnahmen, dauerte etwas länger als eine Stunde.
Auf der Tagesordnung stand der Punkt „Neuordnung“, ein an sich neutrales Wort, das jedoch in der Businesssprache soviel bedeutet wie: „Die Dinge stehen eher schlecht, wir müssen jemanden aus dem Spiel werfen, heute wird bekannt, wer es ist und welche Folgen das hat.“
Nach ein paar Gelegenheitsworten hat Barzetti das Wort an die neuen Daiakis weitergegeben, die jedoch, anders als die furchterregenden Ureinwohner Borneos, anstelle der Kopftücher und Röcke modische Anzüge von Ermenegildo Zegna trugen.
Ich selbst, Govetti, die Bruschi und Florio wurden zu den ersten Opfern derjenigen, die einem „den Boden unter den Füßen wegziehen“, einem „einen langsamen aber sicheren Tod bescheren“, dieser Leute, die als Verfechter des Kahlschlags auftraten, ohne auch nur eine Ahnung von Waldwirtschaft zu haben.
Als die beiden der Reihe nach das Wort ergriffen, fing die Bruschi, deren Sohn ewig seinen Uni-Prüfungen hinterher hing, hastig an, Notizen auf ein Blatt Papier zu kritzeln.
Govetti, der gleich zwei Familien unterhielt, fummelte weiter auf seinem Smartphone herum, wie er es immer tat, wenn seine Frau ihn – zurecht – wegen seiner Reisen nach Thailand beschimpfte, wo eine stattliche Vierzigjährige seit inzwischen sieben Jahren auf ihr Monatsgeld wartete, um Ten, das Erzeugnis einer eher turbulenten Reise nach Samui, großzuziehen.
Ab und zu sahen Florio und ich uns an oder ich schrieb ihm auf WhatsApp etwa: “Flory, das war's, wir sind weg vom Fenster!” oder “ich spring gleich aus dem Fenster.”
In Florios Leben war kaum etwas gut gelaufen, außer eben dieser Stelle, die er dank eines späten Studiums und eines Mindestmaßes an Ehrgeiz, das ihm in seiner Jugend gefehlt hatte, erlangen konnte. Seit einigen Jahren war er sich auch hinsichtlich seiner sexuellen Orientierung im Klaren, was einerseits eine Erleichterung war, andererseits tausend neue Hürden schuf, nicht zuletzt finanzielle Probleme mit der Familie und sein Parallelleben mit Antonio.
Kurz, nach Monaten heimlichen Geredes sollte uns unsere Zukunft ohne jegliche Vorwarnung in einer Stunde erklärt werden.
Allen schien es länger zu dauern als die nur knapp 60 Minuten, die es dazu gebraucht hatte, denn, abgesehen von den Keywords, die es abzufangen galt – Fusion, Abbau, Neuordnung – hatten wir alle abgeschaltet und den Ton der Szene, der wir stumm beiwohnen mussten, auf Null gestellt.
Die beiden „Daiakis“ bewegten sich gemessen und erklärten Graphiken, die dank der „netten“ Einschub- und Löschoptionen unseren professionellen Tod zu einer angenehmen Präsentation verharmlosten, die mit aller Wahrscheinlichkeit in der U-Bahn bei der Suche nach der passendsten Farbe für das Histogramm schnell fertig gestellt wurden.
Jedem von uns gingen wohl seine Jahre im Unternehmen durch den Kopf, die unzähligen Geburtstagsfeiern im zehnten Stockwerk, alle gleich verlogen, aber jedes Mal absolut ehrlich aussehend, Barzettis ungeschickte Weihnachtskarten, auf denen er mit irgendwelchen Kerzen und Schneeflocken schöntat, lizenzfreie Bilder, die von Sapporo bis Calcutta, wo es ja bekanntlich viel schneit, gleich sind!
Wir hatten eben erfahren, dass „unser“ Unternehmen einem deutschen Koloss verkauft werden würde, wie gehabt.
In meinem Fall waren es „nur“ 25 Jahre, die ich dabei war, jetzt wo ich 55 bin und in jenem ungemütlichen Alter stehe, in dem du weißt, was zählt, du dich aber umbringen könntest bei dem Gedanken, dass du für niemanden mehr etwas zählst.
Doch von all den Worten, die sie während des einstündigen Vortrags abgefeuert hatten, und den paar Begriffen, die mir wie Neoninschriften vorkamen, die im Dunkel eines Todesurteils vor meinen Augen angingen, kam mir eines am größten und grellsten vor:


S-T-E-L-L-E-N-A-B-B-A-U


Während ich mir bei den Begriffen „Fusion“ und „Neuordnung“ keine allzu großen Gedanken gemacht hatte, hatte „Abbau“ für mich stets eine positive Bedeutung, etwa „Befreiung von Last und Bürde“, wie es mit Florios Outing gewesen war.
Jetzt aber hörte ich bei diesem so gut klingenden Wort, dessen Leichtigkeit auf Italienisch auf den verdoppelten 'l' und 'g' beruht, einzig die Last meiner 55 Jahre und 60 Kilo heraus, die der Welt als Ballast galten, von dem man sich zu befreien hatte.
Nach dem Lob der Langsamkeit, von slow-food bis hin zum slow-life, ist nun die Leichtigkeit dran, die alles durchforstet, uns hoch fliegen lässt, ohne die Last der Familie, von der man sich etwa durch eine Schnellscheidung befreit hat; die uns ein leichtes Leben verspricht, um etwa anmutende Sylphiden zu werden, die uns ins Rampenlicht schießt und uns dabei der irdenen Schwerkraft beraubt, der angeborenen Last, die uns Erdbewohnern anhaftet.
Wir ersehnen die nachhaltige Leichtigkeit, die Sublimierung der Probleme, und man sagt uns, dass Leichtigkeit nicht gleichviel ist wie Oberflächlichkeit, sondern nur bedeutet, dass man den Dingen nicht allzu viel Bedeutung beimisst, dabei erhaben wird, vom Minimalen zum Wesentlichen gelangt, bis hin zum Himmlischen: reiner Geist.
Für einmal wäre es mir aber lieber gewesen, wenn man meinen 55 Jahren und 60 Kilogramm das ihnen gebührende Gewicht beigemessen hätte, kurz, meinem Leben, dem von Florio, Govetti und dem der Bruschi, denn für uns ist diese „Leichtigkeit“ ganz und gar nicht nachhaltig.

Aus dem Italienischen von Lorenzo Bonosi
 
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