Neue Geschichte

Lucia Munaro
09.04.2018
 
Neue Geschichte
Seit Tagen hatte sie etwas mit dem Hals. Vielleicht war es der warme, klebrige Atem des Schirokko, vielleicht der Biss des Meeres, das unablässig an die Küste schlug, dort unten. Und das Meer war ein Gott, der sich in einem immerwährenden Spiel mit der gefügigen Erde vereinigte.
Auch er, so schien ihr, verwickelte sie in ein Spiel. Das Spiel, ernst zu sein, die Wahrheit zu sagen, nicht nur mit Worten, sich vereinigen zu wollen, zum Strand zu werden, zum Meer zu werden und sich gierig zu umspülen, um die Begegnung zu besiegeln.
Sie wussten beide – ihr sagten es die Haut, die Lippen und die Kehle, die sich ausgetrocknet anfühlten, als ob glühende Lava sie streichelte und nicht eine harmlose Brise mit dem Geruch, dem Gestank des Meeres –, sie wussten, dass sie sich besitzen mussten. Nichts weiter. Und sie gingen auseinander mit der Gewissheit, sich wiederzusehen. Bald würde es eine Gelegenheit dazu auf dem Festland geben, sagte er zu ihr. Nur mit diesem Gedanken war sie imstande, die Insel zu verlassen, und auf der Reise war sie im Kopf ständig unterwegs zu jener bevorstehenden Begegnung. Sie gab sich im Geist dem Mann hin und fühlte sich als Frau, nur das war wichtig, und bald würde sie ihn berühren und lecken können, so wie es die Pferde tun, die Tiere, und seine Liebkosungen empfangen, überall, und seine Körperflüssigkeit aufnehmen. Sie bereitete sich wie auf eine Lustliturgie vor, ohne Drehbuch, aber entschlossen, jeden Augenblick zu genießen. Mit grenzenlosem Vertrauen sehnte sie jenen Tag herbei, und sie wagte nicht daran zu denken, dass sich irgendein Hindernis zwischen sie beide schieben und ihre Hochzeit vereiteln könnte. Denn eine Hochzeit würde es sein, zwischen einem Mann und einer Frau ohne andere Bindung als die, sich einen flüchtigen und unbeschwerten Augenblick lang anzunehmen. Inzwischen geduldete sie sich und nahm die Arbeit wieder auf, sie wollte Liegengebliebenes erledigen und erzählte ihren Kollegen ausführlich vom Urlaub, und diese konnten in ihrem Gesicht lesen, aber vielleicht auch nicht, wie sehr sie in die Natur und in die Kunst jenes Landes verliebt war. Sie zwang sich, etwas zu tun, doch das war nur ein Warten auf seinen Ruf. Er hatte sie gewarnt, dass es ihm manchmal Spaß machte, Menschen zu manipulieren, und er meinte die Frauen. Ihr machte das wenig aus, sie hatte nur abgrundtiefe Angst davor, ihn nicht bald, sehr bald zu treffen. Die Tage und Stunden waren nun Rosenkranzperlen, das Gebet nur eines: in Kürze seinen Anruf zu erhalten, eine Nachricht zu bekommen mit den Angaben, wie sie ihn erreichen konnte.
Sie lachte verwirrt und voller Erregung der Welt zu und die Welt lachte ihr zu, so schien es ihr. Auf einer verdreckten Bank in der Nähe des Hauptbahnhofs von Palermo, wo sie sich hingesetzt hatte, um sich einen Moment vom Gepäckschleppen auszuruhen, entschloss sie sich, etwas Obst zu essen, was letzten Endes die Sehnsucht, die sie bereits seit Tagen verzehrte, eher schürte als löschte. Sie wechselte einen Blick und dann einen Gruß mit einem zahnlosen Jungen und die Stadt und die Leute im Dreck und in der Verwahrlosung schienen ihr lebendig, sie selbst fühlte sich darin wohl. Sonderbares Liebesnest, mit dieser ganzen teergetränkten Schönheit, den Statuen, den verfallenen Kirchen und Palästen, und doch, dachte sie, hätte sie dort bleiben können, ein Zimmer und Liebesstunden mit ihm teilen. Und dann hinuntergehen und in den Strom jener erwerbs- und mittellosen Existenzen eintauchen, den Duft des frischen Fisches und des gegrillten Fleisches eines improvisierten Marktes entführen, mit einem gezuckerten Kaffee und einem Schluck Wasser aufwachen und abreisen, um dann nur wiederzukommen.
Um die Zeit bis zum Treffen mit ihm zu vertreiben, machte sie unterdessen eine Bestandsaufnahme der Dinge, die sie zusammenpacken und mitnehmen wollte. Sie war wie besessen von einer zugleich wilden und nüchternen Kraft und erstellte mit Sorgfalt die Liste. Sie würde seinen Geruch riechen, sich das Profil seines Gesichts einprägen, das ihr an jenem Abend im Auto mitunter raubtierhaft erschienen war. Wie ein Lügendetektor würde sie den Ton seiner Stimme registrieren, seine Worte, um darin einen Schmerz zu entdecken, der auch für ihn neu war, der auf seine Distanziertheit, seine Frostigkeit stolz zu sein schien, aber im Grunde war auch das nur eine Schutzmaßnahme, davon war sie überzeugt.
Für sie war das in Ordnung, auch sie war es nicht gewohnt, sich hinzugeben, sich zu entblößen und auflesen zu lassen. Eine Sache war es, sich mit Worten zu öffnen, nach den angemessenen und aufrichtigen zu suchen, die Hinweise des Logos zu benutzen, um sich zu offenbaren und mitzuteilen, sich selbst und dem anderen. Diesmal aber waren es andere Sedimentationen des Ich, Signifikanten der Seele, die sie beseitigen, überwinden musste, um einen Garten Eden zu betreten und sich gänzlich einem Wesen anzuvertrauen, das ein anderes war als sie.
Sie sah die Welt als Freund in jenen Tagen. Nichts Erstaunliches, aber während sie die Menschen gewöhnlich auszuklammern pflegte, als wären sie nebensächlich für die Projekte, mit denen sie sich gerade beschäftigte, und sich deshalb für eine Realistin hielt, sah sie sie nun an, wenn sie ihnen auf der Straße begegnete, ja wirklich, sie achtete darauf, sie nicht anzurempeln, und sie nahm den Blick der Männer ohne Bedenken auf. Schubweise überkam sie wieder die Erregung, während die wenigen Tage nach und nach vergingen, und sie war ihm dankbar für den Vorschlag nach einem baldigen Wiedersehen, der ihr inzwischen die Trennung versüßte, nicht nur von ihm, sondern auch von jenem heiteren Herumstreifen in den Stätten des Mythos. In Sizilien hatte sie das Gefühl, im Mythos zu versinken, die logischen Prozesse, denen man üblicherweise die Entschlüsselung der Wirklichkeit anvertraut, zeigten sich nämlich an jenen Stätten auf entwaffnende Weise ineffizient.
Sie hatte sie nicht gezählt, die Tage. Sollte sie vertrauen und warten? Sie bekam Zweifel: ob sie sich als Erste melden konnte oder sollte. Womöglich dachte er, dass es für sie nicht mehr wichtig war, nun, da sie nicht mehr der Atem des Schirokko irritierte, möglicherweise lohnte es sich für ihn nicht mehr, das Treffen zu arrangieren. Wie kompliziert doch der Umgang mit den anderen war, für sie, die sich seit Langem an einem verlassenen Ufer verschanzt hatte und die Tage mit Emotionen füllte, ohne daran zu denken, sie mit jemandem zu teilen.
Wie damals bei der Aufführung des Idiotas, dem Bühnenstück von Nekrosius nach Dostojewski, die über fünf Stunden dauerte und in litauischer Sprache angekündigt war. Sie ging allein hin, kein Freund und keine Freundin wollte sie begleiten, das machte ihr aber nichts aus. Tagelang hütete sie das Gefühl, das sie empfunden hatte, und nährte sich davon. Und es störte sie wenig, dass es niemanden gab, der es mit ihr teilte, stattdessen war sie fast eifersüchtig darauf.
In diesem Fall aber schien ihr die Aussicht unerträglich, zu ihm hinzufahren, dann aber eine Nacht allein zu verbringen, in einem anonymen Zimmer. Sie bewahrte noch den Rausch ihrer letzten Begegnung als etwas Wertvolles, wie ein Altarfeuer versuchte sie ihn in ihrem Inneren am Leben zu erhalten, aber nur, um ihn in eine neue, noch intensivere und engere Begegnung einfließen zu lassen, dachte sie. Seine geschäftige, fast fröhliche Stimme, als er sie dann am Telefon erreichte, entlockte ihr ein Lächeln und verhinderte schließlich, dass ihr Erlebnis ins Pathetische abglitt.
Sie würde jedenfalls zu diesem neuen Abenteuer aufbrechen. Das hatte sie im Grunde an jenem Abend auf der Insel beschlossen, als er zum ersten Mal kurz mit ihr darüber gesprochen hatte. Jetzt ging es nur darum, ein paar Schutzmaßnahmen zu treffen, denn man weiß nie, was der andere vorhat. Sie war dabei, sich auf ein althergebrachtes und stets neues Spiel einzulassen, und sie wollte nicht darauf verzichten, was auch immer sie erwartete.

Übersetzung: Werner Menapace
 
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