OB-LA-DI-OB-LA-DA

Emanuele Quindici
05.04.2016
 
OB-LA-DI-OB-LA-DA
„Ciccio! Wie dick du bist?” Ciccio ist vierzig Jahre alt und heißt eigentlich nicht Ciccio, sondern Gianluca oder vielleicht Gianfranco. Wie dem auch sei, die Welt kennt ihn als Ciccio, seit jeher. Aber was ist das für eine Welt? Ganz einfach: Ciccios Unterschlupf ist ein Krankenhausbett, schon seit seinen allerersten Lebenstagen. Er kann es nicht verlassen, sonst würde er sterben. Maschinen atmen für ihn, Tag und Nacht. Auch wenn er es wollte, könnte er nicht laufen: Er hat es auch nie versucht. Ciccios Leben ist also nicht das Allerspannendste, möchte man meinen. Sein Alltag ist hart, aber er kann auch heiter sein. Die Maschine, die für ihn atmet, ist sein Schneckenhaus, das Gehäuse, das ihn schützt, sein kleines Stahlhaus. Und seine Welt ist das Zimmer, in dem er liegt, wo das Bild der Pimpa inzwischen den Bildern der NBA-Basketballspieler, später dann dem Max-Kalender gewichen ist, und all diejenigen, die dort eintreten – die wenigen – sind Mitglieder seines Stammes: ganz einfach, aber rein künstlich. Mit einem Wort: Es ist Ciccios einzig mögliche Welt.

Es ist gut, dass Ciccio gelernt hat, sich nicht allzu viele Fragen übers Leben zu stellen, oder zumindest keine Antworten zu erwarten. Ciccio fragt sich auch nicht, wie die Welt nun wirklich aussieht, deren Schatten bis in seine Höhle der Ahnungslosigkeit, ins Untergeschoss eines beliebigen Krankenhauses durchdringen: Die Geschichten aus dem Fernsehen, die Sonne, die sich jenseits des Fensters erraten lässt, der Widerhall einer Diskussion, die auf dem Korridor zu hören ist … es sind alles Schatten – und Ciccio weiß das: Was er braucht, um die Welt wirklich kennenzulernen, das ist seine Jenny, Jenny mit ihren Geschichten.

Ach ja, … Jenny. Wenn das überhaupt ihr richtiger Name ist – doch ihm gefällt er, absolut! Ciccio glaubt fest an Fernsehserien, an die Popmusik der 60er-Jahre und an Schutzengel, und Jenny ist seiner: Sie liebkost und neckt ihn, macht ihn wahnsinnig, lässt sein krankes und fettes Herz auflachen. Von ihr weiß man mit Sicherheit nur, dass sie als Krankenschwester auf seiner Abteilung arbeitet. Jenny hat ihn groß werden gesehen, diesen Jungen von über hundert Kilo mit seinem übergroßen Herz, sie hat ihn nie allein gelassen. Und Ciccio liebt sie, ganz und gar, er liebt diese Frau, die immer schon da war in seinem Leben, und es ist ihm auch ziemlich egal, dass sie etliche Jahre älter ist als er, und außerdem, wie viele sind es nun wirklich, manchmal zehn, sagt sie, dann wieder zwanzig …

Von Jenny abgesehen ist Ciccio allein, kein Verwandter hat sich je bei ihm gemeldet. Eine Leere, die Jenny mit ihrem unglaublichen Leben Tag für Tag gefüllt hat. Sie kennt alles bei Ciccio, seine Fimmel, seine Launen, seine Fantasien. „Ciccio, wann gibt’s denn mal eine Freundin bei dir? Da hörst du dann endlich auf, diese Schweinereien zu lesen, die du unter dem Kopfkissen versteckst! Bist ja ganz besessen, du Pornofreak! Hättest ja schon weiße Haare, wenn du nicht total glatzköpfig wärst!“ Darauf droht sie, ihn bei der Lonely-Hearts-Band von Sergeant Pepper anzumelden. Ciccio erstickt dann fast an seinem eigenen Gelächter, das leicht mechanisch klingt, als sei es eine Maschine, die an seiner Stelle lacht. „Aber Jenny, du bringst sie mir doch, die Zeitschriften! Und außerdem weißt du, dass ich dich will, nur dich!“ Schließlich, so denkt er, ist Jenny viel hübscher als diese Mädchen. Und unverheiratet noch dazu! „Stimmt es, dass du noch nicht verheiratet bist, Jenny?“ Darauf schneidet sie Grimassen und sieht ihn streng an, und das Thema ist vom Tisch.

Manchmal findet es Ciccio komisch, dass Jenny so lange Schichten schiebt. Schließlich verbringt sie hier mehr Zeit als zu Hause. „Ich muss Überstunden machen, das weißt du doch, wie könnte ich mir sonst den Urlaub auf den Krokodil-Inseln und in Karpathien leisten?“ Offenbar, denkt Ciccio, hat Jenny all diese langen Reisen gemacht als er noch zu klein war, um sich daran erinnern zu können. So weit sein Gedächtnis reicht, war Jenny nämlich nie länger als zwei Tage weg, höchstens mal drei Tage. An manchen Tagen kommt es Ciccio so vor, als sei es Jennys einzige Aufgabe, ihm das Leben zu erleichtern. Er fragt sich etwa, warum sie manchmal nur zur Arbeit kommt, um ihm eine Dose Cola zu bringen, eine halbe Stunde seiner Zeit mit ihren übertriebenen Geschichten zu füllen, während sie sich die Fußnägel bemalt, ihn die durch diese Intimität hervorgerufenen Fantasien genießen lässt, und dann verschwindet.
Doch wir sagten es bereits, es liegt Ciccio nicht sich Fragen zu stellen, die ihm das Leben erschweren könnten. Vielmehr mag es Ciccio, wenn ihm Jenny von der Zeit erzählt, als sie in einer Rockband sang und der Obsthändler sie heiraten wollte. Oder als sie mit dem Scheich aus Jordanien verlobt war. „Er war Ägypter, ihr Blödmänner!“ Doch Ciccio ist sich sicher, er kam aus Jordanien, er weiß es ganz genau! Ganz ungezwungen wird Jennys Leben jedes Mal zu etwas anderem, wenn sie davon erzählt, und für Ciccio ist es ein unfassbarer Regenbogen, vom Rot eines Sonnenaufgangs in der Wüste bis hin zum Blau einer Marine in den Tropen, auf dem Jenny ihr erfundenes Lebens abspielen lässt. „Ist ja ganz gleich, die Gefahr ist überstanden, dieser Mann liebte dich gar nicht, du sagst es ja selbst die ganze Zeit!“

Sein etwas altmodisches Herz hat Ciccio Jenny zu verdanken, zweifelsohne. „Sing mir doch ein Lied von den Beatles vor, bevor du weggehst!“ – „Mein Gott Ciccio, schon wieder! Immer dasselbe …“ Sie würde ihm vielleicht lieber Michelle vorsingen, aber nein, bei Michelle heult Ciccio gleich, besonders abends, wenn ihm noch wehmütiger ums Herz ist, also heißt es: „Sing mir das Lied vor, in dem es um uns beide geht, Ob-La-Di – Ob-La-Da ... Life goes on, bra ...” Jenny täuscht etwas Widerwillen vor, beugt sich dann aber über Ciccios fetten und glänzenden Kopf, streift ihn mit den Lippen sanft am Ohr, so dass der Abteilungsleiter sie nicht hören kann: „Ciccio has a barrow in the market place, Jenny is the singer in the band …“ – „Wie wussten die nur unsere Namen, Jenny? Ist ja wirklich ein unglaublicher Zufall, oder Jenny ...?“

Vielleicht gibt es noch andere Zufälle, die die beiden verbinden. Scheinbar hat Ciccio am 14. März Geburtstag; aber auch Jenny, ja, auch Jenny hat genau an diesem Tag Geburtstag. „Was für ein Zufall, Jenny, ist doch Wahnsinn, dass der Herrgott uns genau am gleichen Tag zur Welt kommen hat lassen, oder?“ An diesem Tag bringt Jenny also Kuchen für Ciccio und sich selbst und sie verzehren ihn zusammen, ohne sich um den Diätisten auf der Abteilung zu scheren. Dass bloß keiner glaube, sie hätte eine Torte extra für ihn gebacken, um Gottes Willen: „Was würden da die anderen auf der Abteilung sagen? Es ist nun einmal wegen dieses unglaublichen Zufalls, dass wir beide am selben Tag geboren wurden …“

Jenny hat nun erfahren, dass sie in einem Jahr in Rente gehen wird. Es bleibt also nur mehr ein Jahr, um Ciccio leise „Ob-La-Di – Ob-La-Da“ vorzusingen, um ihm ihre Fantasiegeschichten zu erzählen, ihn zu necken und zu reizen, jeden Tag. Ein Jahr noch, um ihre heimliche, kristallklare und unzerrüttbare Mutterliebe zu verbergen. Noch ein Jahr, um ihn zum Lachen zu bringen bis er umfällt, sein Herz aus Zucker zergehen zu lassen, mit einem Wisch die Zweideutigkeit dieser grotesken, einfachen und grausamen Komödie zu löschen und ihm ein für allemal die Wahrheit zu sagen, dass die Dinge so und so stehen, wer genau Ciccio ist und wer Jenny, ihm dann zum Schluss das Fett an den Kinnrollen zu streicheln und ihm zu sagen: „Weißt du Ciccio, ich muss dir auch sagen, dass die beiden im Lied in Wirklichkeit Desmond und Molly heißen. Life goes on, bra!“

Aus dem Italienischen von Lorenzo Bonosi
 
Twitter Facebook Drucken  Mountain Story weiterempfehlen