Onkel Jans Suppe

Lucy Bauer
16.02.2017
 
Onkel Jans Suppe
Onkel Jan war kein Onkel im eigentlichen Sinn. Er war ein Angestellter meines Vaters, ein Pole, der mit der Einwanderungswelle, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus über den Kontinent rollte, in den Jahren, als Polen sich auf die Mitgliedschaft in der Europäischen Union vorbereitete, in Großbritannien gelandet war. Als Dad herausfand, dass der immer fröhliche Jan durch die halbe Stadt lief, um im Discountsupermarkt seine Lebensmittel um ein paar Pfund günstiger zu bekommen, bot er ihm an, ihn auf der Heimfahrt von der Arbeit mitzunehmen. Auf diese kleine Aufmerksamkeit folgten zunächst bald Einladungen zum gemeinsamen Abendessen und schließlich zu Wochenend-besuchen, Familienausflügen und dergleichen.

Falls das jetzt Staunen über die Großzügigkeit meiner Eltern hervorruft, die einem verarmten Einwanderer so freizügig ihre Gastfreundschaft zukommen ließen, so sollte ich wohl darauf hinweisen, dass diese Einladungen von beidseitigem Nutzen waren. Mein Bruder George und ich waren fußballverrückt, Jan war ein Klassespieler und Dad war … nun ja, je weniger über Dads Fußballkünste gesprochen wird, desto besser. Zudem hatten George und ich mit Mathe unsere Mühen und, richtig geraten, unser Adoptivonkel war nicht nur eine Art Einstein, sondern auch ein äußerst geduldiger Nachhilfelehrer.

Konnte es also irgendwie verwunderlich sein, dass Jan ein gern gesehener Gast in unserem Haus war? Während Mum mit Klein-Laura im Arm den Tisch deckte und Dad hackte und rührte – was ihm am Sportplatz fehlte, machte er in der Küche wett –, versuchten George und ich hinten im Garten Onkel Jan auszudribbeln. Etwaige Schwierigkeiten mit kniffligen Hausübungsbeispielen waren da schon längst sorgfältig gelöst. Nach dem Abendessen las Jan Laura gewöhnlich eine Gutenachtgeschichte vor (sein Akzent verwirrte und amüsierte sie abwechselnd) oder war beim Abwasch behilflich. Großmutter, die bei uns lebte, seit sie zu senil geworden war, um alleine zu wohnen, hatte nie wirklich verstanden, wer Jan war, war jedoch entzückt von seinen reizenden Manieren und davon, wie bereitwillig er sich jedes Mal zu ihr setzte und sich aufmerksam all die Geschichten anhörte, die sie ihm schon unzählige Male erzählt hatte. Jan behauptete, das wäre gut für sein Englisch, was George und mir damals einleuchtete. Immerhin war es auch unter den Lehrern in der Schule eine bewährte Methode, einen immer und immer wieder mit dem Gleichen zu langweilen. Wenn ich jedoch jetzt so zurückdenke, besteht für mich kein Zweifel, dass Jan keinerlei egoistische Hintergedanken hatte, als er sich Großmutter zuwandte – er hatte ganz einfach sehr viel Verständnis für andere.

Es gab nur eine einzige Sache, die diese idyllischen Zustände trübte: Onkel Jans Suppe. Jan bestand darauf, diese polnische Delikatesse bei besonderen Anlässen mitzubringen, und transportierte sie in dem riesigen Topf, in dem er sie zubereitete. Die Suppe, die einen unaussprechlichen Namen hatte und dem Anschein nach hauptsächlich aus Kohl bestand, wurde dann bei uns noch einmal aufgewärmt und schließlich von Mum in mäßig gefüllten Tellern an uns alle verteilt. Mums Blick schien dabei zu sagen: „Esst das, sonst gibt’s was!“ Wir löffelten folgsam. Kinder gelten gemeinhin eher als pingelig, was das Essen anbelangt, aber offenbar fanden sogar unsere Eltern diese Brühe schwer bekömmlich. Jan war der einzige, der jemals Nachschlag wollte. Immer wieder meinte Mum, er solle sich doch all die Mühen, die Suppe zu kochen und herzuschleppen, nicht antun, doch Jan verstand die Andeutung nicht. Er sagte, es sei das Mindeste, das er tun könne, um sich bei uns dafür zu bedanken, dass wir ihm eine Familie waren, wenn seine Verwandten und all die Menschen, die ihm lieb waren, so weit weg waren, und er bei uns einen Ort fand, an dem er sich heimisch fühlen konnte. Diese kleine Ansprache hat uns stets sehr berührt und wir fanden schließlich Einklang mit dem Gedanken, dass Onkel Jans Suppe einfach der Preis war, den wir für die angenehmen Seiten seiner Gesellschaft zu zahlen hatten. Was Mum mit den Resten machte, blieb ein Rätsel, vor allem da ich sicher bin, dass sie und Dad sie nicht zum Nachtmahl aufaßen, nachdem wir zu Bett gegangen waren, wie sie Jan erzählte.

Dann, am Tag der Feier von Großmutters neunzigstem Geburtstag, als Jan schon seit längerer Zeit ein regelmäßiger Gast in unserem Haus gewesen war, passierte etwas Schreckliches. Da das Wetter für die Jahreszeit außergewöhnlich mild war, schlug Mum vor, draußen zu essen. Onkel Jans Suppe stand dampfend in der Mitte des Tisches, der Deckel war nicht am Topf, die Suppe war servierfertig. George und ich waren kurz davor, unser übliches, ungestümes Herumgekicke mit Jan zu beenden, der Ball segelte dabei trotz Mums mehrfacher Warnungen höher und höher durch die Luft. Und da geschah, was geschehen musste: Wie ein Blitz aus heiterem Himmel sprang der Ball, klebrig und mit Grashalmen überzogen, wie er war, plötzlich Richtung Tisch und landete mit einem lauten Klatschen mitten im Suppentopf, so dass die Suppe ringsherum überall aufs Tischtuch kleckerte. Es folgte ein Moment der Totenstille, als wir alle fassungslos auf den im Suppentopf auf und nieder wippenden Ball starrten. Dann gluckste Großmutter in einem Moment überraschender Klarheit „Guter Schuss!“ und Laura klatschte vor Entzücken in die Hände, als sie „Auf Wiedersehen, ekelige, ekelige Suppe!“ rief.

Hand aufs Herz, wie hätte jemand in dieser Situation ernst bleiben können? Wir lachten alle lauthals los ob dieses Zwischenfalls, der den Nagel auf den Kopf zu treffen schien, wir brüllten und klopften uns die Schenkel vor Lachen. Das heißt alle bis auf Jan. Im Nachhinein wird mir klar, dass in diesem Moment der Groschen gefallen sein musste. Als er uns so anblickte und sah, wie wir versuchten unsere Freude zurückzuhalten, musste er endlich verstanden haben: Seine Geste des Dankes für unsere Freundschaft, alles, was er uns geben und sich leisten konnte, eine Erinnerung an seine Heimat, ein liebevoll zubereitetes Geschenk – es war unerwünscht, ja sogar ganz und gar nicht willkommen. Er zuckte mit den Schultern, lächelte und riss einen Witz, aber seine Verlegenheit und Enttäuschung waren sogar für mich als Zwölfjährigen deutlich zu sehen. Mir behagt die Vorstellung nicht, Tränen in seinen Augen gesehen zu haben, aber ich fürchte, genauso war es.

Nie wieder brachte Jan seine Suppe mit, wenn er bei uns vorbeikam, er kam fortan auch nicht mehr so häufig wie früher. Seine Besuche flauten ab, wurden weniger und weniger, bis sie ganz ausblieben. George und ich vermissten ihn. Als wir Dad fragten, was aus ihm geworden war, antwortete er, dass Jan einem Fußballverein beigetreten war und seine ganze Freizeit mit Trainingseinheiten und Spielen verbrachte. Das erschien uns glaubhaft, wie auch die Tatsache, dass Dad nicht wusste, für welchen Verein Jan spielte – was wusste Dad schon von Fußball? Aber ich hoffe, dass das tatsächlich der Grund war, weshalb Jan keine Zeit mehr für uns hatte. Ich hoffe sehr, dass es Sportverpflichtungen waren, die Jan daran hinderten, weiter bei uns vorbeizuschauen.

Über Jan wurde danach kaum noch gesprochen. Großmutter, da bin ich mir sicher, vergaß, dass es ihn jemals gegeben hatte. Eines Tages, ein, zwei Jahre später erwähnte Dad so nebenbei, dass Jan die Firma und das Land verlassen hatte, um in sein Heimatland Polen zurückzukehren. Dort, so nehme ich an, hatte er das Gefühl, wirklich hinzugehören.
 
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