Paradies

Britta Bendixen
12.04.2015
 
Paradies
Paradies

„Name? Alter? Herkunftsland?“
„Frank Fischer. 54 Jahre. Deutschland.“
„Todesursache?“
„Ich … äh, ja also, Herzinfarkt.“
„Hier.“ Der Empfangsengel überreicht ihm ein Schild mit einer Sicherheitsnadel und Frank versucht, es an sein Jackett zu heften.
„Dauert das noch lange?“, brummt jemand hinter ihm.
Er tritt unbeeindruckt zur Seite. „Bin schon fertig.“
„Das wird auch Zeit, verdammt! Ich warte hier seit … He! Wieso zum Teufel hat meine Uhr keine Zeiger mehr?“
„Meine Herren!“ Der Empfangsengel ist ungehalten. „Uhren brauchen Sie nicht mehr. Und noch etwas …“ Er sieht den Herrn mit den verschwundenen Zeigern an. „Fluchen ist an diesem Ort nicht erwünscht. Wenn Sie aber Wert darauf legen, können Sie der Entscheidung gerne vorgreifen und direkt ins unterste Stockwerk fahren.“
Der Mann ohne Zeiger erstarrt.
„Und was passiert jetzt mit mir?“, fragt Frank.
„Sie dürfen sich umsehen, bis Sie aufgerufen werden.“
Frank nickt dem Engel zu und entschließt sich zu einem Spaziergang in den Wolken. Alles hier ist hell, weich und friedlich. Er hört leise Musik, Geigen und Harfen.
Ein Engel winkt ihn zu sich. Er erinnert Frank vage an jemanden. Zögernd geht er auf ihn zu.
„Hallo Frank!“
„Hi. Kennen wir uns?“
„Allerdings.“ Der Engel sieht ihn prüfend an. „Du weißt es nicht mehr, stimmt‘s?“
Erfolglos wühlt Frank in seinem Gedächtnis. „Tut mir leid“, sagt er. „Ich kann mich nicht erinnern.“
„Sommer 1977, Campingurlaub an der Ostsee?“
Frank sieht ihn ratlos an und der Engel seufzt. „Die Nacht, in der die Imbissbude abgebrannt ist. Na, klingelt es?“
Franks Augen weiten sich. Sein Gesicht wird puterrot. „Tim?“
„Tom!“
„Entschuldige! Natürlich, Tom.“
„Was ist, soll ich dich ein bisschen herumführen?“
Frank zuckt mit den Achseln. „Warum nicht.“
Sie gehen ein paar Schritte.
„Wir haben verschiedene Bereiche. Dies ist der größte.“ Tom weist nach rechts, wo auf Leinwänden Börsenberichte und Nachrichten gezeigt werden und Computer bereit stehen. Jeder hier wirkt rastlos. Augen flackern unruhig, Finger gleiten in atemberaubendem Tempo über Tastaturen, Smartphones und Tablets.
Frank staunt. „Sag bloß, es gibt auf virtuellem Weg noch Kontakt zur Erde.“ Der Gedanke gefällt ihm.
Tom lächelt. „Nein, das wäre zu viel verlangt. Es ist eine Art Placebo. Aber es hilft Neulingen sich einzuleben, deshalb haben wir es vor einiger Zeit eingerichtet.“
„Tolle Idee.“
Sie gehen weiter. Ab und zu erklingt eine Durchsage wie auf einem Bahnhof, nur lieblicher.
„Warum hast du nie angerufen?“, fragt Tom leise. „Ich hab echt gelitten, weißt du? Das mit uns war was Besonderes, hab ich geglaubt.“
Frank hüstelt. „Das war es auch.“
„Unsinn. Du wusstest ja nicht einmal mehr meinen Namen.“
„Entschuldige. Aber nach dem Urlaub damals begann meine Ausbildung“, erklärt er. „Ich hab von da an praktisch nur noch gearbeitet.“
„Ja, du warst sehr erfolgreich, ich weiß. Ich hab dich mal gegoogelt. So, hier ist der nächste Bereich.“
Er wirkt wie ein riesiges Wohnzimmer mit Sitzecken und Sesseln aus knautschig-weißen Wolken. Es gibt Grünpflanzen, Spiele und nur wenige Fernsehgeräte, auf denen Wiederholungen wie ‚Dallas‘ laufen. Die Bewohner wirken zufrieden und entspannt.
„Hier sind all die, die ihr Leben lang hart gearbeitet, aber keine Ahnung von Computern haben. Die Generationen unserer Eltern und Großeltern. Es kommen nur noch selten Neue.“
„Bist du … schon lange hier?“
„Ja, eine Weile. Ein Porsche hat mich umgenietet.“ Tom führt ihn um eine Ecke. „Hattest du nicht auch einen?“
Frank schweigt.
Stolz zeigt Tom den nächsten Bereich. Hier leben Mensch und Tier friedlich Seite an Seite, egal ob Löwe, Hund, Raabe oder Bär. Alle wirken glücklich und vollkommen entspannt. Es gibt keinerlei elektronische Unterhaltung, dafür viel Natur. Dazu Musik und Tanz. Und fröhliches Gelächter.
„Das ist aber schön hier!“ Frank ist begeistert. „Warum ist dies die kleinste Abteilung?“
Eine melodische Stimme ertönt, bevor Tom antworten kann. „Frank Fischer bitte an Schalter 2.“
Franks Lächeln gefriert. „Oje, das bin ich.“ Unsicher schaut er sich um.
„Schalter 2 ist dort. Wir sehen uns später.“
„Warte! Was ist das für ein Aufzug daneben?“
Tom lächelt geheimnisvoll. „Den dürfen nur ganz spezielle Menschen benutzen. Hoffen wir, dass du nicht zu ihnen gehörst.“ Im nächsten Moment ist er verschwunden.
Frank blinzelt verwirrt, dann sieht er wieder zum Fahrstuhl. Davor steht ein großer Mann mit panischem Blick. Franks Augen werden schmal. Das ist doch Karl Abel, der Makler! Von ihm hat er damals den Tipp mit dem Konto bekommen.
Ein weiblicher Engel hält Karls kräftigen Arm und drückt einen Knopf. Die Tür geht auf. Abel versucht sich loszureißen und brüllt: „Nein, ich will nicht! Lass mich los, du Miststück!“
Ohne erkennbare Mühe schiebt der Engel den widerspenstigen Makler in die Kabine und drückt einen roten Knopf. Die Tür schließt sich und ein greller, gespenstischer Schrei erfüllt die Luft.
Auf Franks Armen bildet sich Gänsehaut. Ihm ist reichlich unwohl, als er sich Schalter 2 zuwendet. Der Engel dahinter beugt sich über eine Liste. Frank macht Stielaugen, kann jedoch nichts erkennen. Was mag dort über ihn stehen? Und was hat Abel bloß angestellt, dass er in diesen Aufzug musste?
„Das ist Ihre Statistik, Herr Fischer“, unterbricht eine kühle Stimme seine Gedanken. „Hier steht: 17 gebrochene Herzen, 56.243 Lügen, 378.000 Euro an hinterzogenen Steuern und 13 Feinde.“
Der Engel hebt eine Augenbraue. „Einige waren auf der Beerdigung, um sicherzugehen, dass Sie auch wirklich tot sind.“
„Wie nett, dass Sie mir das erzählen.“ Frank lächelt gequält und schielt hinüber zu dem Fahrstuhl, der ihm vertraulich zuzuzwinkern scheint, als wolle er sagen „Ich warte auf dich …“
Sein Kragen ist viel zu eng. Er kriegt keine Luft.
Auf einmal ist Tom neben ihm und Frank zuckt zusammen. Wo kam der so plötzlich her?
„Und?“, will Tom von seinem Kollegen wissen. „Welche Abteilung?“
Der Engel gibt ihm einen Zettel und Tom wirft einen Blick darauf. „Das dachte ich mir“, sagt er und nimmt Franks Arm.
Frank wird heiß. Sehr heiß. Er zerrt an seinem Krawattenknoten und keucht.
Tom steuert ihn in Richtung Aufzug. Ihm wird übel. Kann einem Toten schlecht werden? Kann sein Herz rasen? Das ist doch unmöglich! Dieses verdammte Schweizer Konto!
Der Aufzug. Er will da nicht rein! Hilfesuchend sieht er zu Tom. Der achtet nicht auf ihn und geht mit ausdruckslosem Gesicht langsam weiter, an dem Fahrstuhl vorbei.
Franks Beine drohen vor Erleichterung nachzugeben. Er fährt nicht in die Hölle!
Als sie bei der großen Computer-Abteilung vorbeikommen, fällt ihm etwas ein.
„Du hast vorhin meine Frage nicht beantwortet. Warum ist der schönste Bereich hier gleichzeitig der kleinste?“
Tom weist in den Raum, in dem die Menschen statt zu kommunizieren auf Bildschirme starren.
„Hier kannst du es googeln. Gib einfach ‚Himmelpedia.god/Paradies‘ ein. Mach’s gut, Frank.“
 
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