Peppe dreht durch

Cornelia Koepsell
17.01.2014
 
Peppe dreht durch
Peppe Halbmeier war ein Mann von fünfzig Jahren. Er war mittelblond, mittelgroß, mittel schlank und mittel einfühlsam. Ein Mensch, der in keiner Weise herausragte. Er war glücklich.

Wäre Peppe Halbmeier ein Dichter gewesen, ein Beruf, der selbstredend niemals für ihn in Frage kam, weil Wortakrobaten aus der Menge hervorstachen und eben das würde er zu verhindern wissen, komme was da wolle, jedoch für den unwahrscheinlichen Fall, dass er ein Dichter wäre, hätte er eine Ode oder einen Gesang oder eine Ballade auf die Mittelmäßigkeit geschrieben.

Da er nichts dergleichen zu tun hatte, konnte Peppe Halbmeier sein gleichförmiges Leben für sich allein genießen, wo alles und jedes seinen angestammten Platz besaß, die Tage gleichförmig mit Maß und Ziel vor sich hin schnurrten, wie der unverwüstliche Motor seines uralten VW Käfers, den er heiß und innig liebte, wie alles, was alt und jahrzehntelang gebraucht war.

Abends saß er vor dem Fernseher, zappte durch die Programme oder er puzzelte in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung vor sich hin, hörte dabei die immer gleichen Opernarien und dankte seinem Schöpfer für die wundervollen Tage, welche er ihm schenkte.
Kurz vor seinem einundfünfzigsten Geburtstag durchzuckte Peppe Halbmeier ein ungewöhnlicher Gedanke, sodass er zutiefst erschrak und sich fast seiner Mittelmäßigkeit beraubt sah. Vorsichtshalber vergaß er ihn sofort wieder.

Es geschah am darauf folgenden Dienstagabend. Er hatte seinen Schlafanzug bereitgelegt auf die gleiche Art, wie er es immer tat, so dass der hellblaue Frotteestoff des Pyjamas wie eine Vogelscheuche auf dem roséfarbenen Bettüberzug lag, einladend und vielversprechend auf eine weitere Nacht zwischen Kissen, die fast so alt waren wie er selber. Schon seine selige Mama hatte sie für ihn aufgeschüttelt.

Wie immer wollte er Punkt halb zehn zu Bett schreiten. Just in dem Moment, als sein rechtes Bein in der Schlafanzughose steckte, überkam ihn erneut der gleiche ungewohnte Gedanke, welcher ihn bereits am Vortag erschauern ließ. Was sollte er tun?

Schneller als sonst legte er sich zu Bett, durchbrach sein bewährtes Ritual, strich das Kopfkissen nicht ein letztes Mal glatt, bevor er sein in Ehren ergrautes Haupt darauf bettete, weil er es nicht erwarten konnte, mit gefalteten Händen dazuliegen, um diesen Abend gleich zweimal sein Peppe-Halbmeier-Gebet zu sprechen, indem er Gott, den Allmächtigen, darum bat, inständig versteht sich, ihm doch für die nächsten dreißig oder gar vierzig Jahre – falls er sie denn erleben sollte – seine Mittelmäßigkeit zu bewahren.

Gott jedoch – unberechenbar und chaotisch – Eigenschaften, die Peppe Halbmeier fürchtete wie der Teufel das Weihwasser – der Allmächtige hatte anderes im Sinn.

In seiner umfassenden Güte gewährte er Peppe Halbmeier drei Tage lang Schonfrist. Kein einziger unbekannter Gedanke streifte in dieser Zeit sein gemartertes Hirn.

Er wagte zu hoffen, dass Gott sein Gebet erhört habe. Schließlich war seine Bitte um andauernde Mittelmäßigkeit ein bescheidener Wunsch, so meinte er, und Gott–Vater hätte Freude an seinem demütigen Diener Peppe Halbmeier.
Dem war nicht so. Am vierten Tag schickte ihm der Allmächtige einen so neuen, unbekannten, nie dagewesenen Gedanken, dass Peppe in seinem maßlosen Schreck die Schlafanzughose voll pinkelte.

„Oh, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ rief er in höchster Not. „Bin ich nicht immer dein treuer, ergebener Diener gewesen?“

Gott erhörte ihn nicht. Im Gegenteil. Er schickte ihm einen weiteren unbekannten Gedanken, der sich wie ein Schrapnell in seinen Kopf bohrte.
Peppe konnte nicht mehr schlafen. Er wollte nichts Neues denken. Weder heute noch morgen. Hatte er nicht ein Recht auf seine alten, mittelmäßigen Hirnströme. Hatte Gott das Recht, ihn aus seiner Ruhe zu reißen?
Bei dieser letzten, wahrhaft ketzerischen Idee raufte er sich den grauen Haarkranz. Jetzt hatte er gar an Gott – dem Unfehlbaren – gezweifelt.

Wer einmal den Pfad der Mittelmäßigkeit verließ, hatte es zum Wahnsinn nicht weit. Das hatte Mama gesagt. Und natürlich – wie immer – recht gehabt.
Am nächsten Abend setzte Peppe Halbmeier sich vor den Fernseher und flickte ein eingerissenes Hemd mit kleinen, präzisen Stichen. Nähen und Stricken beruhigte ihn zutiefst.

Nicht zuletzt deshalb hatte er niemals geheiratet. Keine Frau sollte ihm jemals in diese Domäne hineinpfuschen.

Heute war alles anders. Mit jedem Nadelstich schossen neue Gedanken durch seinen Kopf. Er konnte das Feuerwerk nicht aufhalten. Das Seltsamste war: Peppe Halbmeier fiel nicht auf die Knie, um Gott erneut um Wiederherstellung seines alten Lebens anzuflehen.

Der folgende Nadelstich landete in seinem Finger. Er hatte vergessen, den alten Fingerhut aus Mamas Nähkästchen aufzusetzen.

Als ein kleiner roter Blutstropfen aus der Fingerkuppe heraustrat, lächelte Peppe Halbmeier, streckte die Zunge heraus und leckte ihn ab. Es schmeckte. Dann nähte er weiter. Ohne den fehlenden Fingerhut zu holen.

„Ich nähe auf meine eigene Art, Mama“, sagte er zu dem gerahmten Bild, das auf der Kommode stand. Jetzt hatte er gar einen seiner neuen Gedanken ausgesprochen. Es klang regelrecht männlich.
Kein Blitz schlug ein. Die Welt drehte sich weiter.

An diesem Abend schlüpfte er verkehrt herum in die wie immer bereitgelegte Schlafanzughose.
 
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