Prothesanos

Karin Lang
11.02.2014
 
Prothesanos
“Nun geht es los”, denkt Barbara, als sich die Schleuse hinter ihr schließt. Die Stimme aus dem Lautsprecher fordert sie auf, sich nun zu entkleiden, was sie sogleich macht, auch, wenn es ihr unangenehm ist. Zwar weiß sie, wie “der gläserne Patient” funktioniert, aber kann sie sich wirklich sicher sein? Vertrauen, sie muss vertrauen.
Immerhin hat sie damals im Studium selbst dafür plädiert. Ist auf die Straße gegangen und hat gegen diejenigen gewettert, die dieses System als “menschenunwürdig” und “unpersönlich” verdammen wollten.
Nein, auf das neue Gesundheitswesen lässt Barbara nichts kommen. Viel eher verschafft es ihr ein Gefühl der Sicherheit. Jedes Jahr lässt sie einen Check machen. Hinterher weiß sie, dass sie gesund ist.
Und wenn es denn so sein sollte, dass man bei ihr doch einmal etwas findet, das nicht der Norm entspricht, dann wird es eben ausgemerzt.
Auch hier ist mittlerweile so viel möglich. Alleine das, was die Prothesenindustrie in den letzten zehn Jahren geleistet hat, ist außerordentlich. Nur weiniges gibt es das sich nicht austauschen lässt.
Doch heute ist Barbara nervös, denn es geht um viel für sie. Sie hat die Erlaubnis bekommen ein Kind auszutragen. Es ist ja nicht mehr so, dass jedes Paar mal eben so ein Kind zeugen darf. Es muss schon Platz in der Gesellschaft sein. Und da die Menschen im Allgemeinen dank Prothesanos ein langes, erfülltes Leben haben, muss man unter Umständen lange warten, bis man den Bescheid bekommt. Barbara weiß sogar von Paaren, die irgendwann zu alt waren, ehe sie eine kleine Familie gründen konnten. Die meisten haben sich gefügt, aber nicht alle.
Doch über die Konsequenzen einer nicht erlaubten Schwangerschaft mag sie sich jetzt keine Gedanken machen. Muss sie zum Glück auch nicht.
Glück, das ist überhaupt ihr Stichwort, über das sie nachsinnt, während sie sich die Haube überstülpt. Ein leises Brummen ist vernehmbar, während ihr Kopf genau unter die Lupe genommen wird. Schließlich muss die Schaltzentrale ihres Körpers einwandfrei funktionieren wenn sie ein Kind austragen will.
Und Barbara bildet sich zumindest ein, dass sie sehr gute Werte erzielen kann, wenn sie positiv denkt. Da ist das Glück, welches ihr bislang widerfahren ist, doch genau das Richtige.
Vor ihrem geistigen Auge lässt sie Kenneth entstehen, ihren Mann. Ihn kennen zu lernen war etwas teurer, als sich einfach einen passenden Partner zuweisen zu lassen. Doch sie hat gespart und durfte dann immerhin zwischen drei Kandidaten auswählen.
“Bitte nehmen sie die Haube nun wieder ab und begeben sie sich durch die nächste Schleuse.”
Die mechanische Stimme reißt Barbara aus ihren Gedanken. Sie öffnet eine kleine Klappe in der ansonsten glatten Wand und legt die Haube zum Desinfizieren hinein. Dann wartet sie, bis die Leuchte über der Schleuse grün aufblinkt.
Schnell tritt sie ein und muss kurz warten, bis die Papierunterlage auf dem Stahltisch mechanisch abgerollt wird. Vorsichtig, um sie nicht zu zerreißen, legt sie sich hin.
“Position gut, bitte nicht bewegen”, scheppert es aus dem Lautsprecher. Dann senkt sich auch schon ein wannenartiges Gebilde von der Decke herab und umschließt Barbaras gesamten Körper. Nur der Kopf schaut noch heraus.
Jetzt wird jede Faser ihres Körpers gescannt. Das dauert eine Weile, deshalb läuft auf einem Bildschirm ein Film von Prothesanos. Menschen, die ohne die Wunder der modernen Medizin ein eingeschränktes Leben führen würden, berichten mit strahlenden Augen von ihren Erfahrungen.
Barbara hat diesen Film schon in ähnlicher Form gesehen, und kann sich nicht darauf konzentrieren. Statt dessen merkt sie, dass sie immer wieder an ihre Mutter denken muss.
War Barbara eine Verfechterin der gesundheitlichen Neuerungen, so stand ihre Mutter diesen immer kritisch gegenüber. Doch auch sie musste sich eines Tages einem Scan unterziehen, wie jeder andere auch. Danach wurde sie wochenlang in einer Klinik rundumerneuert, aber es war wohl schon zu viel im Argen. Und möglicherweise ging auch etwas schief, wenn Barbara das auch nicht glauben wollte. Da lag sie dann, die Mutter, mit einem wieder kräftigen Herz, doch leider mit einer Lähmung der unteren Extremitäten. Und sie konnte nicht sterben, obwohl sie es wollte, wie sie betonte.
“Das, was wir machen konnten, haben wir doch sehr gut hinbekommen”, sagte einer der Ärzte. “Zaubern können wir allerdings nicht.” Dann war er mit wehendem Kittel aus dem Raum geeilt.
Endlich hebt sich die Wanne. Barbara richtet sich auf, dann tappt sie barfuß zu der Klappe, in der ihre Kleider liegen. Sie rüttelt am Griff, aber die Klappe öffnet sich nicht.
“Bitte bleiben sie ruhig, bei ihnen wurde ein CXP23OL festgestellt.”
Barbara wird kalt. Der Scan hat etwas ergeben. Aber was? Und was bedeutet das für ihren Kinderwunsch?
“In Kürze öffnet sich eine Schleuse. Bitte gehen sie weiter, damit der CXP23OL sofort entfernt werden kann. Ihre Angehörigen werden informiert, dass sie nicht sofort wieder entlassen werden können.”
Barbara fühlt sich schutzlos, ausgeliefert. Und schrecklich nackt. Weil sie genau das alles ist. Und wenn ihr nicht sofort jemand sagt, was ein CXP23OL ist, dann dreht sie durch!
“Hilfe!”, schreit sie. “Kann bitte jemand kommen und mir erklären, was hier los ist?”
Doch nichts passiert. Auch nicht, als sie gegen die Schleuse hämmert. Lediglich ein grünes Licht leuchtet auf.
Nein, sie wird dort nicht hindurchgehen. Wer weiß, was die ihr da wegschneiden. Man muss sie doch vorher informieren, ihr eine Wahl lassen.
“Bitte betreten sie nun den nächsten Bereich.”
Barbara schüttelt den Kopf, weicht zurück. Es muss doch jemand reagieren.
“Sie halten den Betrieb auf”, ist alles, was aus dem Lautsprecher ertönt, neutral und ohne Emotionen.
“Das ist mir scheißegal. Ich gehe nicht eher von hier fort, bis mir jemand gesagt hat, was mit mir los ist!” Sie schreit und tobt, hämmert auf die Liege ein, will etwas kaputt machen, aber da ist nichts, was kaputt gehen könnte.
Plötzlich hört sie ein Zischen und entdeckt eine kleine Düse neben der Schleuse. Sie nimmt einen süßlichen Geruch wahr. Dann wird ihr schwindlig.

Als Barbara aufwacht, liegt sie in einem weißen Bett. Neben ihr sitzt Kenneth und blättert in einer Broschüre von Prothesanos. Bevor Barbara die Hand nach ihrem Mann ausstreckt, betrachtet sie diese genau. Doch, es ist ihre eigene und keine künstliche Hand.
“Kenneth, was ist passiert?”
Er sieht sie an wie eine Fremde.
“Das frage ich dich. Den psychologischen Test hast Du gründlich vermasselt. Wer Prothesanos nicht vorbehaltlos vertraut, der darf auch keine Kinder in die Welt setzen. Das war es dann mit unserer kleinen Familie.”
 
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