Raum ohne Tür

Lisa Echcharif
16.02.2017
 
Raum ohne Tür
Ihre Bank ist frei. Noura atmet auf. Wann immer Wetter und Abwesenheit anderer es erlauben, nimmt sie diesen Platz ein. Mittagspause im sicheren Hafen. Nach der Flucht aus Syrien bedeutet sogar eine gewöhnliche, aber gewohnte Parkbank Sicherheit. Noura setzt sich, streicht mit der Hand über Lack und rissiges Holz. Es fühlt sich vertraut an. Alles ist in Auflösung.
Baba Ghanuj in einer Plastikdose. Ein Stück Fladenbrot. Noura tunkt es in das Auberginenpüree.
Vier Frauen schwatzen an ihr vorbei, die Arme untergehakt. Sie kommen öfter. Die Blonde mit den raspelkurzen Haaren verschwindet wie immer fast in ihrem dicken Schal. Obwohl sie mit den anderen lacht, scheint sie für Noura außerhalb der Kette zu sein. Die Frau im Schal sieht sie an und wirft ein leises Lächeln herüber. Noura will es fangen. Der rauchige Geruch des Baba Ganuj steigt ihr in die Nase. Sie sollte die Auberginen nicht mehr räuchern, denkt sie. Der Krieg hat die Tür zu ihrem Raum zugemauert. Noura wendet den Blick ab.

Heute hat Noura Tabuleh in ihrer Plastikdose. Dem Couscoussalat fehlt alles Dunkle und Rauchige. Der Tag schmeckt nach Hoffnung. Als ein Schatten auf ihr Mittagessen fällt, blickt sie hoch. Die Frau im Schal. Sie ist allein. „Darf ich?“ Sie zeigt auf den Platz neben Noura. „Alle Bänke sind belegt.“
Noura nickt. Mit dem Blick der arabischen Frauen, den sie auf der Flucht nicht verloren hat, beobachtet sie die Fremde neben sich. Wie sie ein Käsebrot auswickelt, das Butterbrotpapier glattstreicht und faltet. Ihre Hand zittert leicht. Die Frau im Schal dreht den Kopf. Ihre Blicke treffen und erkennen sich. Noura fragt sich, welcher Krieg den Raum der Frau verschlossen hat.
Schweigend essen beide. Noura rüttelt an ihrer zugemauerten Tür. Sie bewegt sich nicht.
„Das riecht gut“, sagt die Frau im Schal.
Nouras Dose ist fast leer. „Die Minze“, sagt Noura.
Mit ihrem leisen Lächeln steht die Frau auf. Diesmal fängt Noura es auf und wirft es zurück.
„Schönen Tag noch.“
„Dir auch einen schönen Tag“, antwortet Noura.

Die zweite Dose Tabuleh in Nouras Tasche lässt ihr Herz härter klopfen. Sie wünscht sich, dass die Frau im Schal kommen wird. Eine Viererkette Frauen schwatzt heran. Die Frau im Schal lächelt ihr leises Lächeln und winkt Noura zu. Ein gutes Stück entfernt setzen sich die Frauen auf eine Bank.
Die zweite Dose Tabuleh drückt gegen Nouras Oberschenkel. „Geh!“, drängt sie. „Gefahr!“, brüllt der Raumwächter.
Ihre Hand bebt, als Noura die Tasche nimmt, aufsteht und tief Luft holt. Dann geht sie entschlossen auf die Frauen zu.
Auch durch ein Fenster gelangt man aus einem Raum.
 
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