Regenbogenblau

Christine F. Wagner
05.04.2016
 
Regenbogenblau
„Nadine, nimm sofort das Federbett von der Brüstung!“, ruft die Mutter. Den Ton mag Nadine am wenigsten. Wie schön die Federn dahingleiten. Eine nach der anderen löst sich aus dem Federbett und schwebt von einem kräftigen Windstoß getragen luftigen Höhen entgegen. Wie hoch können Federn fliegen? Bis zu den Wolken? Oder gar zum lieben Gott? Wie hoch ist hoch? Nadine überlegt. Gestern waren sie mit der Seilbahn hier herauf gefahren. Nachher hatte sie Ohrenschmerzen. „Daran erkennst du, dass das Hotel sehr hoch liegt“, erklärte ihr Papa. Warum das so ist, hat sie nicht verstanden. Aber genickt hat sie, so wie immer, um Papa nicht zu enttäuschen. Ihren gestrigen Ohrenschmerzen nach zu urteilen ist sie nun zumindest in der Nähe der Wolken.
Ich entschlüpfe dem Federbett und breite mich aus, entfalte mich und mache mich frei.Eine Windböe trägt mich nach oben und die Sonne verfängt sich in meinen Federästchen. Ihre Strahlen bringen mich zum Lachen.
Die Bäume von oben sehen. Herrlich! Hinauf. Immer höher.
Eine Feder löst sich von den anderen und treibt nach oben. Nadine, schnell hat sie sich das Fernglas ihres Vaters geholt, blickt der einzelnen Feder bewundernd hinterher. Wie schön sich die Sonne in den feinen Äderchen spiegelt. Wie glänzende Watte sieht das aus. Wie Watte aus Gold. Nadine wünscht sich selbst so eine Feder zu sein. Dann könnte sie der Stimme ihrer Mutter entfliehen. Und nie mehr müsste sie zum Arzt. Träumen könnte sie, wann immer sie wollte. Und Geschichten erfinden, Kobolde malen, die Welt von oben bewundern. Gleiten nach irgendwohin.
Oh, wie schade. Jetzt ist sie weg.
Hilfe! Alles dreht sich. Die Welt rotiert an mir vorbei! Mir wird schlecht! Ich stürze ab!
Ist sie da wieder? Nadine versucht nicht zu zwinkern und drückt das Fernglas so sehr an ihr Auge, dass es zu schmerzen beginnt. Ja, sie könnte es sein. Aufgeregt hält sie den Atem an. Und fällt fast vornüber, weil ihr davon schwindelig wird. Erst neulich hat der Arzt sie gewarnt. Bei ihrer Konstitution ist regelmäßiges Atmen extrem wichtig.
Da. Da ist sie. Mal gold, mal weiß, etwas Gesprenkeltes in der Luft. Das muss ihre Feder sein. Sie wirbelt herum wie ein herunterfallendes Blatt! Hier ist sie, nein dort. Wo? Ist sie? Nadine schwankt auf dem Balkon hin und her bei ihren Bemühungen die Feder wiederzufinden. Nichts. Gerade als sie enttäuscht das Fernglas senken will, bleibt ihr Blick an einem golden glänzenden Punkt hängen.
Dem Himmel sei Dank. Es ist wieder Ruhe eingekehrt. Wo bin ich? Ich baumle an einer Lärchennadel! Sehe die Bäume von unten. Vor mir ein Haus mit vielen Balkonen. Über mir die Sonne. Die noch immer ihre Strahlen zu mir schickt, aber lachen kann ich nicht mehr.
Auf die Mutter hört Nadine nicht, als sie in ihren Hausschuhen die Treppen hinunterstürzt, den Weg sucht. Hinaus. Zu ihrer Feder. Tausend Gedanken überschlagen sich. Ist sie noch da, wie sieht sie aus, ist sie aus Gold? Ihr Brustkorb hebt und senkt sich, die Seite schmerzt und ihr Gesicht ist heiß. Aber für Nadine zählt nur die Feder, vor der sie, endlich angekommen, ehrfurchtsvoll erstarrt. So anmutig und zart. Das Licht der Sonne bahnt sich zwischen den vielen Lärchennadeln einen Weg zu ihnen. Und alles ist golden. Nadine hat einen Schatz gefunden. Und er gehört ihr. Nur ihr.
Wer ist da? Ein Mädchen. Warum starrt sie so? Meint sie mich?„Nadine! Wo bist du?“, die Mutter steht am Balkon, „es ist viel zu kalt, komm sofort herauf!“
Nadine kriecht so unter die Lärche, dass sie ihr Goldstück sehen kann, sie selbst aber vor der Mutter verborgen bleibt. Sie geht in die Knie und betrachtet die Kostbarkeit vor ihr. Juchzen könnte sie, hüpfen vor Freude würde sie, aber dann würde die Mutter sie entdecken. So bleibt sie ruhig hocken, ganz still wird es in ihr und warm. Sie hört den Windhauch, bevor sie ihn spürt. Er streicht über ihre Wange und bringt die kleine Feder auf dem Lärchenzweig in Schwingung, sodass sie sanft hin und her wiegt. Nadine umschlingt sich mit ihren Armen und schwingt mit geschlossenen Augen mit.
Sind alle Kinder so still? Hey Kleine! Alles okay bei dir?
„Nadine, muss ich dich holen kommen?“ Die Angesprochene schreckt hoch, taucht auf aus ihrem Traum, den, den sie immer wieder träumt, am Tag, in der Nacht und zwischendurch. Heute war es die Feder, die mit ihr auf der Bühne stand, sie selbst war gold gekleidet wie ihre Partnerin, und ihre Eltern beklatschten eifrig und stolz von der ersten Reihe aus ihren Erfolg.
Nadine schüttelt sich wie ein nasser Hund.
Hoppla, zuerst lahme Ente und nun wilde Furie, lass dein Haar an seinem Platz und mich auf meiner Lärchennadel!
Dann kommt sie so nah ran, dass nur mehr ein Millimeter zwischen ihrer Nase und der Feder ist. Sie sieht den Flaum, den sie mit ihrem Atem in Bewegung bringt. Kleine Härchen tanzen wild und schmiegen sich gleich wieder aneinander. Bis zum nächsten Atemzug.
Das kitzelt! Du bringst mich zum Lachen! Hey Kleine, das tut gut!
Ein Tropfen, ein Überbleibsel des Morgentaus, löst sich von seinem Platz einen Zweig höher und landet direkt neben der Feder. Sonnenlicht sickert durch den Wassertropfen und zaubert rote, gelbe, grüne, blaue Farben herbei, die sich in der Feder verfangen und sie regenbogenfarbig leuchten lassen.„Wie schön du bist!“, bricht es aus Nadine hervor. Erschrocken verharrt sie. Hat die Mutter sie gehört?
Wie du, mein Kind, so schön wie du! Komm näher ….
Sie hält die Luft an, um die Pracht nicht zu zerstören, mit der Fingerkuppe streicht sie sanft über dies bunte Ding. Atemlos. Steht die Welt nun still? Und dann ist alles und überall blau. Nun spürt sie die Ästchen der Feder an sich. Und die Weichheit der Härchen.
Eine Windböe lässt die Äste zittern und die Nadeln taumeln. Und schon löst sich die Daunenfeder und schwingt nach oben.
Mein Mädchen, jetzt bist du ich. Und ich bin du! Wir tanzen und treiben bunt wirbelnd durch die Lüfte. Von oben sieht die Welt ganz anders aus.
Das Blau ist licht und leicht. Die Zeit verebbt. In diesem Lichtmeer ist Nadine zu Hause. Die Welt ist rund, die Bäume hoch. Sie nah beim lieben Gott. In den Ohren singt´s, kein Schmerz weit und breit. Nur Luft, Lachen, Leben.
„Nadine, mein Gott, Nadine, wach auf!“, dringt die Stimme der Mutter an des Mädchens Ohr. Und Nadine findet sich wieder, am Boden liegend. Unter der Lärche. Den Ton mag sie am liebsten. So lieb, so weich ist er. Noch hält sie die Augen geschlossen, tastet innen nach den feinen Ästchen, atmet die erlebte Höhe ein. Blau tut gut.Nadine, hier oben bin ich, immer hier. Bei dir!
„Mama!“, ruft Nadine. Öffnet die Augen und kuschelt sich an sie. „Kaufst du mir einen blauen Pullover?“
 
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