Rhododendron und das Niemandsland

Helmut Glatz
20.02.2018
 
Rhododendron und das Niemandsland
„Überall sind Grenzen“, sagte Rhododendron. „Zwischen den Ländern sind Grenzen, zwischen den Provinzen sind Grenzen, zwischen den Landkreisen, den Gemeinden, den Grundstücken...“
„Ja, und?“, fragte Gregor.
„Lass mich doch ausreden!“, sagte Rhododendron. „Sogar zwischen den Menschen sind Grenzen. Auch zwischen dir und mir ist eine Grenze.“
„Ja, und?“, fragte Gregor.
„Lass mich doch ausreden!“, sagte Rhododendron. „Und zwischen all diesen Grenzen ist Niemandsland.“
„Aha!“, sagte Gregor.
„Manchmal breiter, manchmal schmäler“, fuhr Rhododendron fort. „Manchmal einige Meter, manchmal nur wenige Zentimeter. Oder gar so schmal, dass nicht einmal ein Blatt Papier zwischen die eine und die andere Grenze passt. Aber immer lang. Unendlich lang, die ganze Grenze entlang.“
„Und warum erzählst du mir das?“, fragte Gregor.
„Lass mich doch ausreden! Es wäre natürlich ein großer Irrtum anzunehmen, diese Niemandsländer seien unbewohnt. Sie sind bewohnt. Von vielerlei Leuten, den sogenannten Niemandslandbewohnern. Niemandsmännern, Niemandsfrauen, Niemandskindern. In einem größeren Niemandsland sind sie ziemlich dick, in den schmalen Niemandsländern oft nur dünn wie ein Strich. Oder noch weniger.“
„Ja, und?“, fragte Gregor.
„Und ich bin der König eines solchen Niemandslandes.“ Rhododendron drückte die Brust heraus, auf der tatsächlich einige Orden prangten. Hatte er nicht eine Krone auf dem Kopf? Eine goldene Krone, mit kostbaren Steinen besetzt. Klein, aber unsichtbar.
„Du bist ein König?“ Gregor hielt den Kopf schief und schaute ihn aus seinen runden Augen ungläubig an. „Und wo befindet sich dieses Niemandsland, dessen König du sein willst?“
„Hier, direkt vor uns“, sagte seine Majestät Rhododendron der Große. „Es ist so schmal, dass du es nicht sehen kannst. Sehr schmal, aber dafür besonders lang. Der größte Teil erstreckt sich in die Luft. Es sitzt fast gar nicht auf dem Erdboden auf, musst du wissen.“
„Und das soll ich dir glauben?“, fragte Gregor.
„Du kannst es glauben oder nicht“, meinte Rhododendron. „Aber wenn du willst, machen wir einen Ausflug in mein Niemandsreich.“
Da machten sich die beiden ganz platt. Wie Plattwürmer. Und dann zogen sie los. Es war tatsächlich ein sehr plattes Niemandsland. Wenn ihnen jemand begegnete, ein Niemandsmann oder eine Niemandsfrau, mussten sie sich ganz dünn machen, um aneinander vorbeizukommen. Aber jedes Mal zogen die Niemandsleute den Hut und grüßten ehrfürchtig. Und die Niemandsfrauen machten einen Knicks. „Hoch lebe Seine Majestät Rhododendron der Große!“, riefen sie und warfen Blumen, natürlich nur gepresste.
Anschließend waren sie zu einem Pressegespräch gebeten. „Wir sind die effektivste Presse der Welt“, sagte der Redakteur. „Wir pressen jedes Interview in Windeseile auf den Bruchteil eines Millimeters zusammen. Sozusagen Instantgespräche. Auf Wunsch auch mit Gesprächsverstärkern.“
Auf ihrem weiteren Weg sahen sie gepresste Blumen, hörten gepresste Stimmen, kauften beim Metzger Presssack, beim Bäcker hauchfeine Oblaten.
Im Schloss, das, schmal und hoch, ein wenig einem Scherenschnitt glich, hielt König Rhododendron eine Kabinettsitzung ab. Er war ein föderaler, kein absoluter Monarch, muss man wissen. Es ging darum, ob das Niemandsland nachts aus Sicherheitsgründen eingerollt werden sollte. Man könne es auf eine ausreichend große Kabeltrommel wickeln, schlug der Minister für Niemandskinder vor. (Das Wickeln gehörte zu seinem Ressort.) Der Vorschlag wurde vertagt, um die Untersuchungsergebnisse einer zu gründenden Wickelkommission abzuwarten.
Den Rückweg nahmen die beiden in einem Schattentaxi. Es ging schnell wie der Blitz. „Schatten können sich viel rascher bewegen als reale Gegenstände“, erklärte Rhododendron.
Oh, wie wohl das tat, als sie die Grenze überschritten und sich wieder ausdehnen und recken und strecken durften! Gregor flatterte mit den Flügeln und schüttelte das Gefieder und klapperte mit dem Schnabel, während Rhododendron seiner gepressten Stimme ein rundes Volumen gab.
„Alle Achtung“, sagte Gregor. „Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass es so schmale Niemandsländer gibt.“
„Das ist noch gar nichts!“, erklärte Rhododendron, dessen Krone mit den kostbaren Steinen wieder verschwunden war. „Wo zwei Niemandsländer zusammenstoßen, befindet sich ein Niemands-Niemandsland, das noch viel schmäler ist. Schmäler als eine Rasierklingenschneide. Und wo gar ein Niemands-Niemandsland mit einem Niemands-Niemandsland zusammenstößt, befindet sich ein Niemands-Niemands-Niemands-Niemandsland. So schmal, dass es de facto gar nicht mehr existiert.“
„Oh, das glaube ich nicht!“, rief Gregor. „Du schwindelst!“
„Ob du es glaubst oder nicht“, sagte Rhododendron, „ich war einmal in einem solchen Niemandsland hoch vier. Auf Staatsbesuch. (Man drückt die Dimensionen der Niemandsländer in Potenzen aus, musst du wissen.) Das heißt, nicht ich war dort, so dünn hätte ich mich gar nicht machen können, auch wenn ich hundert Jahre lang gehungert hätte, sondern ich habe meinen Schatten hingeschickt. Und auch meine Gedanken musste ich verschlanken, dass sie fast durchsichtig waren.“
„Du hast deinen Schatten hingeschickt?“
„Sage ich doch! Er hat mir berichtet, dass dort nur Schatten existieren, und zwar unsere Schatten. Mein Schatten, dein Schatten, sein Schatten, ihr Schatten, unsere Schatten, eure Schatten. Alle Schatten dieser Erde.“
„Aber wie kann es das geben? Mein Schatten ist doch bei mir!“, rief Gregor und watschelte einige Schritte hin und her, seinen Schatten beobachtend. „Mein Schatten hängt an mir. Und wenn ich gehe, geht er mit mir mit. Er folgt mir sozusagen auf Ort und Wort.“
„Und wo ist er, wenn die Sonne weg ist? Oder in der Nacht?“
Da schwieg Gregor der Kleine.

 
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