Samstags

Emanuele Quindici
03.07.2019
 
Samstags
„Ja, morgen ist Sonntag und ich weiß nicht recht, was ich unternehmen soll. Einerseits habe ich tausend Ideen: ich möchte Bäume ausreißen, möchte mich aber entspannen; ich möchte Freunde treffen, aber auch ein bisschen allein sein. Es ist immer so schwierig zu entscheiden, wie man den Sonntag verbringt … Es müsste zwei davon geben. Wenigstens jede zweite Woche.“

Das Zimmer strahlt im Stil einer neu eingerichteten Wohnung, die bereits mit Leben und Dingen gefüllt ist, Zeitschriften auf der Glastischplatte und Merkzettel an der Pinnwand voller Termine und Rechnungen, das iPad aufgeklappt mit vielen geöffneten Apps und motorbetriebene Dachfenster, halb geöffnet zum halb weißen und halb blauen Himmel hin am Samstag Nachmittag des Viertels. Stille hatte geherrscht im weißen Wohnzimmer, doch da war das Gesurre der samstäglichen Gedanken, und in der jeweiligen geistigen Stimmung der beiden wurden Interessen, Wünsche, Langeweile abgewogen. Sie hatte die Stille unterbrochen.

„Zum Beispiel, ich hab’s dir noch nicht gesagt – ich weiß ja nicht, ob du dich darüber freust –, da ist jedenfalls meine Freundin Jenny, weißt du … Das heißt, sie ist keine richtige Freundin von mir, wir sind uns sympathisch, wir haben zwei Mal miteinander gesprochen, glaube ich. Ich habe ihr meine Nummer gegeben. Jetzt ruft sie mich jeden zweiten Tag an. Sie organisiert sich gern mit vielen Leuten. Es ist, wie wenn man viele Follower hat, das heißt, du bist ‚populär’. Kurz und gut, sie wollte wissen, ob wir morgen zu ihr kommen, sie macht etwas auf der Terrasse, da ist ein Freund, der von auswärts kommt, und sie will ihn uns vorstellen … Hörst du mir überhaupt zu?“

„Doch, doch … Was sagst du: diese Jenny will dich einladen, mit ihr irgendwohin zu gehen? Geh nur, geh, wenn du Lust hast, geh … Ich möchte lieber frei sein, morgen; meinem Sonntagskarma nachgehen, genau am Ende meines Tageszyklus aufwachen; tagsüber die Sonne auf dem Gesicht spüren und, wenn ich keine Lust habe, auf Sonne, mir die kleine Schirmmütze aufsetzen; oder vielleicht den Balkonvorhang zuziehen … Die Quadratur zwischen Saturn und Uranus spüren, ein bisschen aus der Stadt hinausgehen, weil der Sonntag in der Stadt ist bedrückend, wir haben nicht einmal einen Hund zum Ausführen.“

Sie lässt für einen Augenblick vom Handy ab. Das Viertel wiegt sich langsam und gedämpft in der Sechzehn-Uhr-Trägheit eines beliebigen Samstagnachmittags im Sommer der Wohnperipherie. Ach ja, vielleicht hatte ein Hund eine Weile gebellt, niemand hatte ihn aber beachtet, nicht einmal sie beide, oder vielleicht war es dem, der diese Geschichte erzählt, so erschienen, oder vielleicht war es die Alarmanlage eine Autos unten auf der Straße gewesen …

„Also was gibt es morgen? Die Sonnenwende? Oder war es Saturn, der in die Stadt herabsteigt? … War nur Spaß, los, ich habe aber wirklich nicht verstanden, weißt du? Kurz und gut, diese Jenny hat mir geschrieben. Sie hat uns eingeladen, morgen zu ihr zu kommen, da ist auch ihr Freund, der aus Kuba. Sie sagt, er macht wunderbare Aperitifs, ich kann dir nicht sagen, kurzum, ihr wäre es wichtig. Du weißt doch, wie Jenny ist, sie hat diese Freunde, sie zeigt sie gern den anderen, wie Raritäten. Der da kommt aus Santiago de Cuba, ist dunkelhäutig, weißt du, er gefällt ihr auch deswegen, sie fühlt sich radical chic, wenn sie den farbigen Freund vorführen kann. Ich weiß aber nicht … Außerdem kommen sicher auch Giorgia und ihr neuer Kleiner zu Jenny: ich möchte ihm lieber nicht begegnen, er macht mich verlegen, wir grüßen uns nicht mehr seit dieser Sache damals. In Wirklichkeit haben wir nie miteinander geredet: alles über Facebook, aber vor den Augen der Welt. Er hat mich aber nur nervös gemacht, das weißt du!“

„Hör zu, für mich morgen nichts Anstrengendes, mein Biorhythmus ist auf Null, meine Alchimie muss Kupfer und Kalium kompensieren. Ich muss überlegen; oder vielmehr: nachdenken; ein paar Dinge, die mir auf dem Magen liegen, wieder auf die Reihe bringen. Die Barthaare auf dem Kinn wachsen spüren. Das Selbst mit dem Ich in Einklang bringen. Ich muss den Willen zum Wollen wiederfinden. Habe ich dir doch gesagt, oder?“

Die Sonne zieht langsam auf ihrer Bahn über dem Dunst der Stadt dahin und steigt in ihrer Sommerekliptik tiefer. Es war ein Hund, der vorhin bellte; wer erzählt, vernimmt ihn jetzt deutlich, man braucht nur hinzuhören.

Jetzt kommt ein Fahrrad vorbei: ein Pedal schrammt bei jedem Tritt ein wenig am Kettenkasten; es handelt sich offensichtlich um ein Fahrrad aus vergangenen Tagen. An der Kreuzung hat jemand die Straße überquert, oder vielleicht war es nur ein Gruß an einen Freund auf der anderen Seite, oder vielleicht der Hund: es hat zwei Mal geklingelt, es war eine originale Klingel, mit Zahnradmechanik, Ding-Dong-Klang, und auf dem Deckel das Markenzeichen in Reliefguss. Die Straße ist in das Wohnzimmer eingedrungen; ein echtes Fahrrad ist unter dem Balkon vorbeigekommen, und in ihre und seine Nasenlöcher ist einen Augenblick lang der Geruch des mit Staub vermischten Schmierfetts gestiegen, der für immer an den Bremsbacken haftet, und der Geruch des Rußes an den alten Kratzern des Rahmens. Auf der Straße ist das Fahrrad vorbeigekommen, dem der Hauch der saisonalen Ruhezeiten anhaftet, den jeder als Kind verspürt hat, wenn er nur in seine Nähe kam, wenn er es im Halbschatten des Gemeinschaftskellers streifte, oder im Abstellraum unter der Treppe, oder in der Garage, und es war das Fahrrad des Onkels, des Großvaters, des Vaters des Freundes, das darauf wartete, eines Tages wieder eine Straße unter den Rädern zu haben, das metallischen Klingeln seiner Glocke ertönen zu lassen.

Das Fahrrad ist vorbeigekommen, und die weißen Organza-Gardinen haben sich bewegt, und die flüchtigen Strukturen der Komplexität in ihrem, in seinem Denken sind zusammengebrochen in der absoluten Stille, hinweggefegt von der frischen Brise, die durch das träge Wohnzimmer wehte, das aufgebläht war mit verwickelten Gedanken. Eine Stille hat vom Zimmer Besitz ergriffen, minutenlang. Er hat den Rauch des Zigarettenstummels beobachtet, der im Aschenbecher erlosch, ohne sich von der Couch zu erheben. Er hat gespürt, wie sie sich näherte, wie das Rot ihrer Haare seinen Hals streifte, dann die Wangen; er hat die Augen geschlossen gehalten. Er hat ihre Stimme gehört: „Weißt du, was ich dir sage? Ich gehe bestimmt nicht zu dieser Jenny. Ich gehe mit dir in die Berge, morgen; kein Ort wie jeder andere, weißt du? Ein magischer Ort, einer von denen, die uns gut tun, der „das Ich mit dem Du verbindet“, gefällt dir das? Himmel, der die Erde berührt, und wenn es ein paar Wolken gibt, ist es noch schöner; Geruch von Kühen. Das beste Brötchen der Welt, das man auf einem Stein sitzend isst, wenn der Schweiß an der Luft trocknet. Und die Schokolade im Rucksack, vergiss sie nicht! Kommst du mit?“

„Ja, ich komme mit. Ich liebe dich!”

Übersetzung: Werner Menapace
 
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