Schafes Bruder

Wolfgang Machreich
27.02.2019
 
Schafes Bruder
Wenn Norberts Bergschuhe gewusst hätten, wo sie mit ihm hingeraten, sie wären lieber Flip-Flops geworden. Ich verstehe die Schuhe. Die Sohlen abgegangen, die Form eingegangen, das Leder ausgegangen, stehen sie vor dem Holzofen und trocknen dem Frühdienst entgegen. Ich sitze daneben, fühle mich genauso abgegangen, eingegangen, ausgegangen und fürchte mich vor dem nächsten Tag, vor der Steilheit, vor dem Abstieg. Feierabend für die Schuhe. Galgenfrist für mich.
Abendbrot für den Hirt. Henkersmahlzeit für mich. Was mache ich da? Was habe ich in einem Adlerhorst, der sich Schäferhütte nennt, verloren?
Das Geld liegt auf der Straße, heißt es. Blödsinn. Das Geld liegt auf diesem Berg: Dieser Schafhirte hat was, sagte der Verlagsleiter, der lebt eine tolle Geschichte, die zieht. Hirtenleben ist entschleunigt, ist bescheiden, ist pur, das gefällt. Das Buch bringen wir groß raus: Schafes Bruder, super Titel, der verkauft sich. Geh da rauf, schau dir das an, mach da was draus!
Vorschuss? Sofort, anständige Summe. Nach Abgabe des Manuskripts noch einmal soviel … Reisespesen? Extra, kein Kleckern, groß denken, groß schreiben…
Überzeugt, sagte ich, den Hirten bring ich dir, bin schon dort, steig schon auf…
Bei der Anreise kam mir zum ersten Mal der Verdacht, dass die Recherche nicht so easy wird. Mein Auto musste ich in Inner-Irgendwo abstellen, 1580 Meter Seehöhe. So hoch bin ich sonst nur mit Ski, so hoch gönn ich mir sonst meinen Mittelstation-Cappuccino. In Inner-Irgendwo gab es nicht einmal Espresso. Inner-Irgendwo war ein Schranken, ein geschlossener Schranken.
Das Wandern ist des Ghostwriters Lust… Ha, ha! Job ist Job, redete ich mir gut zu, zog meine neue Tex-Skin-Fit-Membran-Ausrüstung über – sauteuer, setz ich auf die Spesenabrechnung! – und marschierte los. Forststraße, wunderbar. Wanderweg, passt. Schafsteig, aus. „Steigen ist Norberts Tagwerk“, werde ich später, am Hüttentisch sitzend, ins Notizbuch schreiben: „Wer ihn besuchen will, muss trittsicher sein, muss steil hinauf. Edelweiß, büschelweise, zeigen, dass man am richtigen
Weg ist. Wobei Weg übertrieben ist, eher Pfad, Steiglein, Tritte, Spur. Die Schäferhütte nistet höher als der ‚Stern der Alpen‘, so wie Schäferarbeit weit entfernt von Bergidylle und Heidi-Klischees ist.“ Leider. Ich mag Idylle, ich mag Klischees. Die Steilheit, das Schroffe, das Echte mag ich nicht. Wollte den Hirten anrufen, dass er runterkommt, dass er mir hilft, noch besser, dass er mir herunten von oben erzählt, das schmück ich aus, das blas ich auf, das redigier ich zurecht… Aber kein
Handyempfang. Wollte umdrehen, wollte zum Auto, mir einen Cappuccino gönnen, das Steile vergessen, auf das Echte pfeifen – da fiel mir der Verlagsleiter ein, der Vorschuss, die zweite Überweisung… Da stieg ich weiter, fluchte mich hinauf, fürchtete mich nach oben. Ich muss Norbert bei der Arbeit zuschauen, meldete sich mein Berufsstolz, ich muss mich in den Hirten hineinversetzen. Um sein Writer zu werden, muss ich sein Ghost sein.
Deswegen bin ich da, neben dem Ofen hockend, neben den Bergschuhen trocknend. Sie lieber Flip-Flops, ich so gern am Strand. „Wir sind Hirte!“, würden meine Freunde vom Boulevard titeln. Ha, ha! Die Kollegen kenn ich, alles Schreibtischtäter, die hätten hier oben keine Chance: ohne W-Lan, ohne Klimaanlage, ohne Zustellpizza… By the way, Pizza wär‘ jetzt was. Norbert hat Spaghetti gekocht, garniert sie mit Gurken, isst sie mit Pesto. Eh lieb, aber an eine XL-Americana kommt die Alm-Pasta nicht ran. Zum Frühstück gibt es Müsli. Mit frischen Ribiseln. Die hatte ihm eine
Wanderin rauf gebracht. Norbert strahlte, ich stand dabei, der freute sich echt über den Becher Beeren. Eh lieb, aber nichts gegen frische Croissants, ofenwarm. Und beim Kaffee, fürchte ich, wird es bei der Camping-Pulver oder Oma-Filter-Version bleiben. George Clooney sei mir gnädig! Gemästet werden nur die Schafe. Hier oben ist verkehrte Welt. Hier oben dreht sich alles ums Tier. Hier oben sind die Schafe König. In seinem Buch werde ich Norbert als schlaksigen Bergler zeichnen. Als Eremiten werde ich ihn darstellen. Die Hirtenhütte seine Klause. Die Schafsorge seine Berufung. Das zieht, da hatte der Verlagsleiter schon einen Riecher. Jeden Herbst kommt Norbert ausgezehrt ins Tal, werde ich schreiben. Das flutscht, Entsagung ist in. Aber bloß körperlich, schreib ich, geistig gleicht der Hirt nach dem Almsommer seinen Schafen, steigt er mit fetten Seelenpolstern und dickem Gemütsfell ins Tal. Das fährt, Entschleunigung pur, Einsamkeit total, Einfachheit radikal, der Verlagsleiter wird jubeln. Wenn ich bloß schon unten wäre…
Hinunter, ich mag nicht daran denken. Warum musste er mir von dem Schaf erzählen, das am Vortag abgestürzt ist: „Wenn du dem Schaf zuschaust, wie es stolpert, wie es den Hang runterfliegt, immer schneller wird, dann siehst du dich selbst, dann siehst du was wäre, wenn…“ Ich habe es nicht gesehen, trotzdem kriege ich das Bild nicht aus dem Kopf.
Ich werde Norbert bitten, dass er mich hinunter begleitet, dass er mir vorausgeht, noch besser, dass er mich an ein Seil bindet. Das wird er für mich machen, ich bin ihm nicht unsympathisch. Ich sei halt ein typischer Städter, sagte er zu mir, als ich ihn fragte, wo ich mich duschen könne. Das meinte er nicht böse, eher belustigt, eher überrascht, wie ich nur auf die Idee kommen könne. Ich sagte nichts, finde es aber weder lustig noch überraschend, und meine Freunde vom Boulevard werden mir beipflichten und der Verlagsleiter auch, dass ich nach einem Tag Schweißbad in
Steilhängen zu Recht nach einer Waschgelegenheit frage. Die gab es schließlich in ihrer urtümlichsten Form: Wasserschaff, Quellwasser, Kernseife. Eh lieb, einmal geht das schon so primitiv, morgen um die Zeit bin ich im Hotel. In einem guten, vier Sterne plus, das muss drin sein, nach den Strapazen, nach der Entsagung, nach dem Abenteuercamp, das geht auf die Spesenrechnung. Wenn bloß schon morgen und ich unten wäre. Noch hock ich neben dem Ofen, neben den Bergschuhen. Sie lieber Flip-Flops, ich so gern, wo es flach ist, wo es Dusche gibt, Pizzaservice, W-Lan…
Eine zweite Dose Bier wird geöffnet, ausnahmsweise, weil Besuch da ist. Hier oben musst du gut auf dich schauen, hier gibt es keinen, der dich auffängt, erklärt mir Norbert sein Abstinenzgebot. Erinnert mich an Klosterleben, diese Alm-Kasteiung. War nie im Kloster, aber so stell ich mir die heilige Armut vor. Um nicht an den Abstieg zu denken, schreibe ich meine Notizen weiter: Wenn er unten von seiner Arbeit oben erzählt, wird Norbert gerne Aussteiger genannt. „Stimmt nicht“, sagt
er, „auf der Alm steig ich ins Leben ein…“ Das zieht. Der Verlagsleiter wird zufrieden sein. Ich liefere ihm den Hirten. Auch wenn ich die Schuhe viel besser verstehe, die lieber Flip-Flops wären.
 
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