Schattengewächse

Bernt Müller
15.04.2010
 
Es war an einem sonnigen Nachmittag im Mai, als Margarethe Rattenhuber nervös in ihrer Stube saß und an ihrer Schürze nestelte. In wenigen Tagen würde das Mönchsbartfest stattfinden und ihr Alois hatte ihres Wissens nur wenig vorbereitet!

In ihre Unruhe mischte sich Wut. Schon seit Tagen war ihr Alois merkwürdig entrückt. Ansonsten maulfaul, fabulierte er über die segensreichen Geschenke der Natur und verspeiste Unmengen an Brot, Speck und Käse. Was war bloß in ihn gefahren? Sie verzog die Mundwinkel voller Ekel in Erinnerung an den gestrigen Abend, als Alois beim Abwasch versucht hatte sie zu küssen.

Sie schob den Gedanken beiseite und zwang sich, sich wieder auf das Fest am Sonntag zu konzentrieren. Einheimische und Gäste des Ferienortes würden sich auf dem Festplatz versammeln, um das schmackhafteste Gericht und den betörendsten Likör Südtirols zu verkosten - beides hergestellt aus dem Kraut des Mönchsbartes. Der Sieger würde wie in den 49 Jahren zuvor mit dem "Silbernen Barthaar" geehrt.

Schon seit Anbeginn dieser Tradition hatte Margarethes Familie erfolgreich an diesem Fest teilgenommen, und die Tatsache, dass Alois noch kein einziges Blatt des großkelchigen Mönchsbartes gesammelt hatte, trieb Ihr die Zornesröte ins Gesicht. Nur zwei Tage blieben Alois, seinen Likör fertig zu stellen! Margarethe hingegen war wie üblich schon bestens präpariert und hatte das Mönchsbart-Pesto zur Kühlung im Erdkeller gelagert.

Margarethe löste ihren Blick von den Trophäen auf dem Holzregal in der Stube, strich Ihr ergrautes Haar zurück und fragte sich, wo sich Alois wieder herumtrieb. Kurz vor Mittag hatte er sich auf den Weg in den Wald gemacht. Dabei wussten schon die Erstklässler in Lana, dass das zartblättrige Kraut nur in frühsten Morgenstunden und bei absoluter Stille aus dem Boden spross! Jeder Sonnenstrahl, jedes noch so leise Brummen der Aeroplane am Himmel, vertrieben das zarte Gewächs tief ins Erdreich. Und warum bloß, fragte sich Margarethe, hatte Alois die langstielige Forke mitgenommen?

Alois pfiff ein Liedchen und schritt über den unteren Quellenweg durch den Wald. Er frohlockte beim Gedanken an den bevorstehenden Festtag, und daran, wie sehr er Margarethe überraschen würde. Sein Ziel war eine Wiese oberhalb der abgelegenen Radonquelle. Auf dieser von wild lebenden Kühen begrasten Lichtung würde Alois die letzte für seine neue Likörkreation so immens wichtige Zutat finden. Nach exakt 2945 Tagen der Freudlosigkeit wusste er, das sich sein Leben bald ändern würde.

Als Alois die Lichtung endlich erreichte und einen besonders großen Kuhfladen gefunden hatte, war er sich seiner Sache endgültig gewiss. Hier, und nur hier lohnte es sich zu graben!

Der Herrgott war ihm doch wohlgesonnen! Nun gut, Großvaters Handbuch über Wirkung und Fundorte von Kräutern, Wurzeln, Knollen, Knospen, Blätter und Blüten war seinem Vorhaben zweckdienlicher als die Fürbitten an den Vater im Himmel in der Vergangenheit. Im letzten Winter hatte er das so überaus kostbare Buch in einer auf dem Dachboden versteckten Kiste gefunden und nach intensiver Lektüre öffneten sich ihm neue und bis jetzt lange verschlossene Türen.

Wie dem auch sei, ohne zu zögern machte sich Alois mit der langstieligen Forke ans Werk und schnell entlockte er die ersten der wohl schmackhaftesten und betörendsten Psylobinpilze dem Erdreich. Er grub wie ein Besessener und nach gut einer Stunde hatte er eine Handvoll dieser aphrodisierenden Nachtschattengewächse beisammen. Er wischte sich den Schweiß von seiner hohen Stirn und rückte seine Brille zurecht um seinen Fund erneut zu begutachten. In der Tat; kleine, schwarzkappige, champignonartige Schattengewächse gaben bereits durch Ihren Duft die auf den Menschen so magische und anregende Wirkung preis. Halleluja! rief Alois laut aus um sich aber gleich mit einem demütigem Blick gen Himmel zu entschuldigen.

Als Alois in der blauen Stunde wieder den Hof erreichte war Margarethe bereits mit dem Nachtmahl beschäftigt und würdigte Alois keinen Blickes. Er war darüber überaus dankbar und verzog sich nach einer kurzen rituellen Waschung in seine Werkstatt. Er widmete seine ganze Energie auf die Fertigstellung des Likörs wobei er die Rufe seiner Frau zum Mahl geflissentlich überhörte. Es gab Wichtigeres für ihn zu tun.

Leider kann der Autor hier nicht näher auf die Rezeptur und das Mischungsverhältnis der verwendeten Ingredienzien eingehen, dies würde Urheber- und Markenrechte der Familie Rattenhuber nachhaltig beschädigen. Nur soweit, neben Lorbeer, Wachholderbeeren, Petersilienwurzel, Schwarz- und Kreuzkümmel, verschiedenen Gemüsesorten, kam natürlich auch das Mönchskraut sowie eine nicht geringe Anzahl der psylobinhaltigen Pilze in den Destillateur. Über die weitere Verwendung der übrig gebliebenen und überaus anregenden Zutaten gebe ich Ihnen gerne im Anschluss dieser Lesung Aufschluss.

Nun gut, es war Brauch, dass sich am Vorabend des Festes die Eheleute mit einer Mönchskrautspeise und einem Likör auf das bevorstehende Ereignis einstimmten. So hielten es auch die Rattenhubers.

Margarethe bereitete ein Nudelgericht mit Mönchskrautpesto vor, während Ihr Mann in der Werkstatt das finale Destillat abseihte. Ihr war nicht wohl bei dem Gedanken wie der diesjährige Likör wohl ausfallen würde. Hatte sie Alois unterschätzt oder würde er sie enttäuschen?

Alois schlug entgegen der üblichen Gepflogenheiten vor, den Likör doch vorab in der Stube am Kamin zu verkosten. Margarethe widersprach nicht lange und so machten es sich beide auf dem Sofa bequem. Mit einer ihr nicht gewohnten Freundlichkeit schenkte Alois beiden ein großes Glas Likör ein.

Sie schaute ihm tief in die Augen und so leerten beide die Gläser in einem Zug. Margarethe lehnte sich angenehm entspannt zurück, während Alois den schon fast vergessenen Bolero von Ravel auflegte. Ihre Sorgen verflogen und machten einem wohligen Gefühl der Leichtigkeit Platz und so genoss sie das Farbenspiel des prasselnden Feuers.

Alois legte seinen Arm um Margarethe und sie kuschelte sich eng an seinen warmen Körper. Oh, wie behaglich sich dies anfühlte! Margarethe wunderte sich über das prickelnde Gefühl in ihrer Brust, an ihren Armen und Beinen aber als Alois sich ihr weiter näherte, zögerte sie nicht und gab sich ihm mit Leidenschaft hin.

Und so fand heuer das Mönchsbart Fest ohne die Rattenhubers statt, wenn sie nicht am Pilz gestorben sind, so wirkt dieser auch heute noch.


 
 
 
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