Schicksalsspiel

Achim Amme
11.04.2015
 
Schicksalsspiel
Ich erinnere mich an den Tag, als ob es gestern gewesen wäre. Es war Sommer und ich arbeitete als junge Aushilfskraft in einem Modege-schäft. Plötzlich stand er vor der großen Fensterscheibe und sah mich an. Ich wusste sofort: „Der ist es!“
Ich warf ihm eine Kusshand zu und zog mich in den hinteren Geschäfts-raum zurück. Er muss aus allen Wolken gefallen sein, jedenfalls betrat er den Laden und fragte nach mir. Aber die Verkäuferin war beschäftigt und hörte nicht richtig hin. Zu verwirrend klangen ihr die Worte dieses jungen Mannes im Ohr. Und ich, ich ließ mich nicht blicken. Ich war hin und weg. Doch ich wusste, wir würden uns wieder sehen.
Noch am selben Tag traf ich mich mit meinen Freundinnen im Park. Ich schäumte über vor Glück, schwärmte ihnen vor, wie romantisch ich al-les fand und dass wir uns sicher erneut begegnen würden. Ich musste nur auf mein Schicksal vertrauen. Meine Freundinnen meinten, eine Te-lefonnummer wäre auch nicht schlecht gewesen. Doch damit konnte ich nicht aufwarten. Sie sprachen vom Zufall, der nötig wäre. Aber ich ver-ließ mich voll und ganz auf mein Schicksal.
In der Zwischenzeit hat er sich wohl irgendwo mit seinem besten Kum-pel getroffen. Ich kann’s mir richtig vorstellen. Der nahm sicher nicht so viel Anteil an der Geschichte wie meine Freundinnen. Ach, was war ich froh und stolz, dass ich so gute Freundinnen hatte!
Schon am nächsten Tag sah ich ihn wieder. Alles kam, wie’s kommen musste. Mein Weg führte mich an einer Kirche vorbei. Von fern sah ich ihn auf dem Bürgersteig entlanggehen. Bevor sich unsere Wege kreuzten tat ich so, als hätte ich ihn nicht bemerkt. Ich nutzte die Gelegenheit, um ihn in die Kirche zu locken. Kaum hatte er mich erkannt, schlich er mir nach.
Es machte mir Spaß, die Geheimnisvolle zu spielen, ihn zu verwirren und dabei zu beobachten. Ich wollte sehen, wie er damit umging – mit seiner wachsenden Sehnsucht ...
Vor dem Altar setzte ich mich auf die nackten Fliesen, dorthin, wo die Sonne durch die bunten Kirchenfenster fiel. Der Staub zeichnete sich im Lichtstrahl ab. Vielleicht sah ich aus wie von einem Heiligenschein um-geben. Jedenfalls kniff er die Augen zusammen. Entweder war er ge-blendet oder er musste sich vergewissern, nicht einer Erscheinung auf-zusitzen. Schnell nutzte ich die Gelegenheit mich davonzustehlen. Vor-her streifte ich noch geschwind meine Halskette mit rotem Herzen über den Kopf und ließ sie im Lichtkegel des Kirchenschiffs zurück. Ein An-denken. Und schon war ich fort.
Meine Freundinnen hielten mich für verrückt. Spätestens jetzt hätten wir unsere Telefonnummern austauschen sollen. Aber ich setzte ganz auf mein Schicksal. Das würde dafür sorgen, dass wir uns wieder be-gegnen würden.
Ich sah die nächste Szene direkt vor mir – wie sein bester Freund auf den Fortgang der Geschichte reagierte. Es ließ ihn völlig kalt. Heimlich sah er auf die Uhr, während mein Auserwählter ihm sein Herz aus-schüttete.

Eine Woche später trafen wir uns unten am Hafen. Das Schicksal hatte es – wie immer – so gewollt. Er trug meine Kette um den Hals: als Zei-chen ewigen Verbundenseins. Wir setzten uns nebeneinander, ließen die Beine über die Kaimauer baumeln und sahen den ein- und ausfahrenden Schiffen zu. Glücklich war ich, glücklich wie nie! Wir kannten noch nicht einmal unsere Namen.
In unserer Nähe stand ein voller Papierkorb. Daran lehnte eine leere Flasche. Der Korken lag daneben. Und in Reichweite befand sich ein Kiosk. Plötzlich hatte ich diese Idee.
„Warte!“, rief ich.
Hals über Kopf lief ich hin, um Papier und Schreibstift zu kaufen. Auf dem Rückweg hob ich die Flasche mit dem Korken auf und brachte bei-des mit.
Er fingerte an meiner, nun seiner, Halskette herum, während ich mich wieder zu ihm setzte und ihn beschwor: „Ich werde meinen Namen und meine Telefonnummer auf dieses Blatt schreiben, in die leere Flasche stecken, sie verschließen und dann in die Elbe werfen. Und wenn du wissen willst, wer ich bin und wie ich heiße, dann wirst du diese Fla-schenpost finden.“
Wenn die Macht des Schicksals uns wirklich für immer zusammenfüh-ren wollte, dann würde er auch diese letzte Probe bestehen. Ich war mir sicher, dass er die Flasche finden würde. Und dann wären wir ein echtes Paar – nicht nur so zum Spaß. Der endgültige Beweis, dass wir zusam-mengehörten!
Danach erklärten mich meine Freundinnen für völlig durchgedreht: „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass das funktioniert ...“
Aber ich ließ mich nicht davon abbringen. Wahre Liebe musste sich an-ders zu erkennen geben, als durch eine Telefonnummer. Ich schrieb meinen Namen und alles Wichtige auf einen Zettel, steckte ihn in die Flasche und verschloss sie mit dem Korken. Dann warf ich sie in die Elbe.
Gemeinsam beobachteten wir, wie sie auf dem unruhigen Wasser schaukelnd dahintrieb und sich von uns entfernte. Allmählich ver-schwand sie als winziger Punkt in den Wellen. Der Himmel schenkte uns sein strahlendstes Blau, ehe wir uns trennten.

Wir haben uns nie wiedergesehen. Das ist jetzt beinahe sechzig Jahre her. Ach, was gäbe ich dafür, wenn dieser Augenblick noch einmal zu-rückkehrte! Ich würde alles ungeschehen machen. Aber das Schicksal hat es so gewollt. Die Flaschenpost, die wir dem Fluss anvertrauten, blieb für immer verschwunden. So haben wir uns verloren. Aus den Augen – aber nicht aus dem Sinn. Das Fenster der Erinnerung stand immer offen.

Damit beendete die würdige, alte Dame ihre Geschichte. Eine junge Pflegerin schob die Seniorin vom Balkon in ihr Zimmer. Der freundliche Nachbar, ein alter Herr, der still und aufmerksam gelauscht hatte, stütz-te sich auf seinen Rollator. Langsam und zittrig, aber immer noch auf eigenen Füßen, zog er sich vom gemeinsamen Balkon in seinen Wohn-raum zurück.
Mühsam begab er sich zum Wandregal, wo er in seinem Safe wertvolle Erinnerungsstücke aufbewahrte. Vorsichtig öffnete er die darin enthal-tene alte Pappschachtel und entnahm ihr eine Kette mit einem roten Herzen daran. Behutsam wog er das Schmuckstück in seiner Hand. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

 
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