Schwarz in Kigali, grau in Koblenz

Gregor Schürer
16.02.2017
 
Schwarz in Kigali, grau in Koblenz
Ständig hatte er das Licht an. Ich konnte das an den Fenstern sehen. Egal, wann ich zu ihm hochsah, nie waren die Vorhänge zugezogen, nie die Rollläden heruntergelassen. Und immer brannte Licht. Ob ich morgens um fünf vom Nachtdienst nach Hause kam oder abends um neun Uhr von der Spätschicht, immer war es hell. Und das Licht brannte in allen Räumen, alle Fenster zur Straßenseite waren erleuchtet, komisch. Überhaupt war er ein komischer Kauz. Wohnte nun schon einige Zeit in unserem Block, aber so richtig kannte ihn keiner. Er grüßte zwar immer, wenn man ihn im Treppenhaus traf, senkte dann aber schnell den Blick und lief rasch davon. Immer in schnellem Schritt, wie gehetzt. Ich wusste gar nicht, wo er eigentlich herkam. Irgendwie sehen die Afrikaner ja alle gleich aus für uns. Bis es mir der Schwerdtfeger erzählt hat, dass er aus Ruanda stammt. Die vom Sozialamt haben ihm das gesagt, weil er dauernd nachgefragt hatte. Er als Hausmeister müsse das schließlich wissen.
Als Busfahrer kriegt man einen Blick für die Menschen. Aber bei ihm tat ich mir schwer. Wusste nicht so recht, wie ich ihn einzuschätzen hatte. Bis letzte Woche. Da habe ich ihn kennen gelernt. Aber wie!
Es war später Vormittag, ich wollte gerade einkaufen gehen. Als ich meine Wohnungstür öffnete und in den Flur trat, kam er mit einer Papiertüte unter dem Arm die Treppe hoch. Er erschrak, wollte ausweichen und ließ die Tüte fallen. Sie fiel zu Boden und zerriss dabei, sieben oder acht Tuben Pattex lagen auf den Fliesen. „Moment, ich helfe Ihnen.“ Ich bückte mich, hob die Tuben auf und tat sie in meine Jutetasche, während er wie erstarrt stehen blieb. Ich stand auf und streckte ihm die Tasche entgegen. „Hier, bitte.“ Er ergriff die Tasche, bedankte sich und lief die Treppe hoch, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Nachmittags, ich hatte gerade Tee gekocht, klingelte es an der Tür. Er war gekommen, um mir die Tasche zurückzubringen. Ich bat ihn herein, zu meinem eigenen Erstaunen. Noch erstaunter war ich, als er annahm. Wir setzten uns an den Küchentisch. Ich schenkte den dampfenden Tee ein. „Wie heißen Sie eigentlich?“ fragte ich. „Peter, wie der Apostel“ antwortete er und sprach den Namen mit einem langen i aus, wie die Engländer. Ich zog die Augenbrauen hoch. „Ich bin ein Tutsi, komme aus Ruanda, da ist der überwiegende Teil der Bevölkerung katholisch“ schob er die Erklärung nach. Sein gutes Deutsch verblüffte mich. Als ob er auch das meinem Gesicht ansehen könnte, sagte er: „Ich lebe schon seit vielen Jahren in Koblenz.“ Wir tranken. In das Schweigen hinein platzte meine Neugier: „Das Licht, warum haben Sie immer das Licht an?“ Er zögerte einen Moment und antwortete dann: „Ich konnte fliehen, damals. Ich habe mich erst in einem Erdloch versteckt, dann in einem Keller in Kigali. Immer im Dunklen, alles schwarz, Tage, Wochen, ich weiß es nicht. Ich kann seitdem keine Dunkelheit mehr ertragen. Wenn ich die Augen zumache, darf es nie ganz schwarz werden. Das Licht muss so hell sein, dass ich selbst mit geschlossenen Lidern grau sehe.“
Jetzt erinnerte ich mich. Natürlich hatte auch ich damals in der Zeitung von den Massakern gelesen. Hutu Milizen waren über Wochen durch die Straßen gezogen und hatten wahllos und mit unvorstellbarer Grausamkeit Menschen ermordet. Männer, Frauen, Kinder, Greise, egal, Hauptsache Tutsi oder was man dafür hielt. 700.000 Tote oder eine Million, wer konnte das schon so genau sagen. „Können Sie denn bei dem hellen Licht überhaupt schlafen?“, wollte ich wissen. „Wenn meine kleine Tochter Kabisa nicht schlafen konnte, hab ich ihr immer ein Wiegenlied vorgesungen. Als sie geboren wurde, war sie so schön, da haben meine Frau und ich sie Kabisa genannt, das ist Suaheli und heißt „vollkommen“. Jetzt singe ich dieses Lied manchmal für mich, wenn ich keine Ruhe finde.“
Er stimmte ein Lied in einer fremden Sprache an, die kehligen Laute und die ruhige Melodie klangen seltsam, doch schön und voller Liebe. Ich saß und lauschte. Ich wollte nicht wissen, wie Kabisa umgebracht wurde, mit der Machete, mit einer Hacke oder einem Schraubenzieher. Aber ich wusste, dass sie nicht mehr lebte, das konnte ich an seinem Gesang hören. Der letzte Ton seiner brüchigen Stimme verklang.
„Und was ist mit dem Klebstoff?“ fragte ich mit tränennassem Gesicht, etwas Besseres fiel mir nicht ein. „Ich schnüffle daran, wenn die Schmerzen zu groß werden“ antwortete er. „Sie wissen schon, dass das nicht gesund ist?“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ja, ja, nicht gesund.“ Er bedankte sich für den Tee und ging.
Zwei Tage später war ich im Baumarkt, um neue Regalbretter zu kaufen. Ich brachte eine Zehnerpackung LED-Lampen mit, die besonders hellen. Die legte ich vor seine Tür.
 
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