Schwimmbad

Gabriele Korn
05.04.2016
 
Schwimmbad
Margret streckt den großen Zeh ins Wasser. Zuckt zurück, als ob ein Fisch sie gebissen hätte. Verdammt kalt.

Stell dich nicht so an, redet sie sich zu. Einfach rein und bewegen, dann geht es schon.

Sie tastet sich rückwärts die drei Metallstufen hinunter, die ins Becken führen. Platsch, macht es, als sie die Leiter los und sich ins Wasser fallen lässt. Elegant ist anders, seufzt sie innerlich, aber es sieht ja keiner.

Sie legt sich auf den Rücken, lässt sich treiben, blickt an die Decke des Bades, die in einem hellen Grau gestrichen ist und mit goldenen Sternen bemalt. Als ob man in den Himmel schauen würde.

Sie dreht sich auf den Bauch und beginnt zu schwimmen.
Kein schnittiges Kraulen, das hat sie nie hin bekommen, obwohl sie sogar einen Kurs dafür besucht hatte. Kräftiges Brustschwimmen, wie ein großer Frosch, denkt sie, den Kopf über Wasser.

Sie genießt es, durchs Wasser zu gleiten. Kühl fühlt es sich an, wie Hände, die an ihrem Körper entlang streichen, sanft und absichtslos.

Ein Schweben, ohne die Schwere, die sonst ihren Tag begleitet. Ohne bleigewichtige Sorgen. Und ohne die heimtückischen Kilos zu spüren, in die sich Kummeressen, Verzweiflungswein und Anti-Depri-Medikamente verwandelt haben.

Am liebsten kommt sie um diese Zeit hierher, spät am Abend, eine Stunde bevor das Bad schließt. Dann ist das große Schwimmbecken fast immer leer. Nur wenige Besucher bewegen sich noch im benachbarten Saunabereich. Der ist sowieso nichts für sie, schon lange nicht mehr.

Früher, ja. Vor zehn Jahren und drei Kleidergrößen weniger, da lachte sie die Frauen aus, die sich nicht in die gemischte Sauna trauten, weil sie sich vor kritischen Männerblicken fürchteten. Nicht Margret. Süß wie Schokolade fühlte es sich an, wie sie ihr nachsahen, wenn sie den Bademantel ablegte, im knappen roten Bikini ein paar Schritte auf den Kacheln entlangspazierte und dann mit elegantem Kopfsprung in die Fluten tauchte.

Jetzt ist sie nicht einfach älter, sondern ein völlig anderer Mensch. Keine Frau mehr, sondern ein Neutrum.
Einmal noch die Zeit zurückdrehen. Einen Tag lang noch einmal die Margret mit Dreißig sein. Oder mit Vierzig.

Übel, die kaputte Hüfte. Erst nicht mehr joggen, dann nicht mehr wandern, dann immer langsamer gehen. Selbst Radfahren ist mühsam und funktioniert nur bei Rädern mit tiefem Einstieg. Schwimmen ist fast die einzige Bewegung, die nicht schmerzhaft ist. Also jammere nicht und schwimme, schimpft sie mit sich.

Margret zieht vier lange Bahnen, schaut dabei durch die großen Panoramafenster. Es ist dunkel geworden draußen. Im Schwimmbad modelliert die gedimmte Beleuchtung eine eigene Welt, türkis, blau und golden, ganz für sie alleine.
Jetzt müsste noch Musik von Richard Strauss durch den Raum schweben, dann wäre ihre kurze Seligkeit perfekt.
„Leicht muss man sein, mit leichten Händen halten und nehmen, halten und lassen …“, summt sie vor sich hin. Ihre Lieblingsarie. Obwohl der Text so gar nicht mehr zu ihr passt. Vielleicht gerade deswegen. Die Sehnsucht nach Leichtigkeit.

Der Hagere ist wieder da. Auch er scheint die Abendstunden im Bad zu bevorzugen. Sie begegnet ihm dann und wann, schaut immer weg, wenn er ihr entgegenkommt.

Er okkupiert eine Liege. Trägt Bermudashorts, ein weißes T-Shirt und Stöpsel im Ohr. Er schaut in sein Buch. Außerhalb des Wassers hat er immer ein Buch in der Hand. Heute klemmt er eine Leselampe daran fest.

Sein Gesicht liegt im Dunkeln, nur ab und zu blitzen seine Brillengläser auf, wenn er den Kopf so bewegt, dass sie das Licht reflektieren.

Er stört sie nicht. Er ist auch alt.

Sie schwimmt zur Mitte des Beckens, holt tief Luft und lässt sich sinken. Mit geschlossenen Augen fühlt sie, wie das Wasser sie von allen Seiten umspült, wie die Wellen ihre Haarsträhnen nach oben kämmen. Sie kann gut die Luft anhalten. Früher ist sie leidenschaftlich gerne getaucht.

Etwas packt ihre Schulter, zieht sie heftig an den Armen nach oben. Sie erschrickt, schnappt nach Atem, hat sofort den Mund voll Wasser. Spuckt, als ihr Kopf wieder über der Oberfläche ist. Spuckt dem Mann ins Gesicht, der vorhin friedlich auf seiner Liege saß.

„Was soll das?“, prustet sie ihn an. „Sind Sie verrückt geworden?“

Er starrt sie an, ohne Brille, weiße Haare kleben an seinem Kopf, klatschnass
 
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