Sehnsucht

Claudia Engeler
20.12.2013
 
Sehnsucht
Als ich in meine Mutter eintrete, steht sie wieder am Herd. Ihre gebeugten Schultern lassen auf ein fortgeschrittenes Alter schließen, das sie nie erreichen würde. Ihr Schicksal mochte ihr keine ausgedehnte Zukunft gönnen. Sie würde viel zu früh sterben. Aber das wusste ich damals noch nicht. Damals, als mein Leben noch aussichts- und hoffnungslos in Ordnung schien. Damals, als ich noch dachte, ich lebte eine glückliche Kindheit in einer intakten Familie.
Ihren Blick hält meine Mutter auf das Topfinnere gerichtet. Auf ein Gericht, das die Familie später ohne Dankbarkeit und Hunger, sondern aus Gewohnheit einnehmen würde. Wortkarg bis wortlos verliefen die Mahlzeiten unter dem Licht einer erschöpft über den Esstisch hängenden Lampe.
Ich weiß nicht, was die kochende Mutter vor sich sieht. Insgeheim wünsche ich ihr, sie möge sich ein freieres Leben herbeirühren. Eingesperrt in der Küche, schmutzige Wäsche in der Hand, Staubsauger im Schlepptau, Bügeleisen schwingend. So sehe ich sie, liege ich nachts atemlos in meinem Bett, den Blick auf die Decke über mir gerichtet, als könnte ich dort ein Leben abgelichtet sehen, das ich mir nach eigenem Gusto nachwürzen dürfte. Dieses Essen würde mir wohl ebenso wenig wie meine Kindheit schmecken, aber es würde mir bestimmt besser bekommen. Jene Nächte, in denen ich schlaflos und nervös vor Müdigkeit mich nicht mehr vor meinen eigenen Erinnerungen schützen kann, fürchte ich am meisten. Es eröffnen sich mir jene Schlünde und Sümpfe, in denen ich die Bilder, die sich vor mir auftürmen schlucken muss, wie früher das Essen, das ich nicht mochte: Blumenkohl, rote Beete oder Brotsuppe. Manch einen Brei, der mir eingebrockt wurde, nahm ich Löffel um Löffel tapfer ein.
„Lass den Kochlöffel fallen, den Topf stehen, die Kartoffeln anbrennen und lauf weg“, spucke ich die Worte aus. Der Geschmack nach meiner Kindheit stößt mir auf und ich erbreche Bilder, die ich gerne der Vergessenheit anvertrauen würde. Doch diese verweigert ihre Arbeit und schleudert mir die Erinnerung erbarmungslos ins Gesicht. Immer und immer wieder wie die unermüdlichen Wellen eines aufgebrachten Meeres.
Kein Wunder wurde meine Mutter krank, schwer krank, wie wir das den wenigen Verwandten und Unbekannten erklärten, die wissen wollten, warum sie auf einmal nicht mehr in der Küche stand. Ein sie von innen auffressendes Ungeheuer, das sich mir nie vorgestellt hatte, verwandelte sie in ein unförmiges Wesen, das mir noch fremder erschien, als es mir meine Erzeugerin ein Leben lang geblieben war. Zur Raupe mutiert, sackte sie eines Nachts in sich zusammen, entwischte und entfloh mir wieder, diesmal für immer. Sie setzte sich in eine Welt ab, die nicht besser schmeckte als die hiesige. Denn als ihr verwandelter Körper vor mir lag, zeichnete sich ein bitterer Zug um ihren Mund, als sei die Kost des neuen Lebens, die sie vorgesetzt bekam, noch enttäuschender und widerwärtiger, als sehnte sie sich ihren kleinen Herd, den bekannten Schmutz und ihre enge Küche zurück.
„Mama“, richte ich mich an die Küche, doch ihr gebeugter Rücken bleibt mir abgewandt und ich hänge zwischen dem Topf und der Türe in der Luft. Meine Mutter ist nicht da, sie weilt in ihrer Welt, zu deren Haus mir der Schlüssel fehlt. Und so trete ich wieder hinaus, auf den fensterlosen Korridor.
Drei Schritte weiter liegt mein Bruder, das große Wohnzimmer. Obwohl er kaum Körperlichkeit und keine Lebenskraft besitzt, macht er sich breit auf dem ausladenden Sofa. Jahrelang hätte ich mich auf jenem weichen Möbelstück hinsetzen oder hinlegen wollen. Ich fantasierte sogar, man würde dort und nur dort zur inneren Ruhe gelangen. Selten und nur wenn die Familie weg war, setzte ich mich andächtig aufs Sofa. Die positive Wirkung blieb jedoch aus. Ich saß da, blickte ins Leere. Warten auf das Nichts war angesagt.
Der Bruder blickt herablassend auf, verdreht die Augen zu blinden Kugeln, grunzt mich unwirsch an. Ich soll ihn bloß in Ruhe lassen, aus dem Raum verschwinden. Sofort.
Obwohl er ein eigenes Zimmer hat, reizt es ihn, sein blasses Wesen durch das Erobern anderer Räume auszubreiten. Ich lache auf, denn ich weiß heute, dass er niemals ein Daheim hatte. Er hielt sich nur in Zimmern auf, gestaltete diese jedoch nicht, weil er es nicht konnte. Ihn gab es im Grunde genommen gar nicht. Als Kind lebte er wie ein Geist in einer Familie, die ihn paradoxerweise mehr beachtete als ein echtes Lebewesen.
Ich suche die Toilette auf, weil mir unterdessen schlecht geworden ist. Doch mein Vater hat die Tür von innen verriegelt. Also klopfe ich an, horche in ihn hinein, höre jedoch nichts als Schweigen und gähnende Leere. Bestimmt hat er sich wieder ins Ausland abgesetzt. Jede Woche flog er um die halbe Welt, nur um der Wohnung und seiner Familie aus dem Weg zu gehen. Ich beobachtete ihn als Kind fasziniert, schaute zu ihm auf, hätte ihn gerne begleitet. Dabei verstand ich damals nicht, dass er nicht bei der Arbeit, sondern auf der Flucht war. Selbst wenn er sich zu Hause aufhielt, schloss er sich ein: ins Arbeitszimmer, in den Eisenbahnraum, ins Bad. Und wieder war er weg: in Paris, Amerika oder bei einer seiner Geliebten.
Durch die milchige Türe erkenne ich seinen Schatten, mehr nicht. Der Vater steht am Waschbecken und reinigt sich die Hände in Unschuld. Vielleicht blickt er auch nur dem Fremden im Spiegel in die ausdruckslosen Augen. „Wer bin ich?“
Ich klopfe jetzt eindringlicher an, höre ein gereiztes Murmeln. Stören soll ich nicht, meinen Vater nicht betreten, das Bad benützen schon gar nicht. Denn das ist sein Reich auf dieser kleinen Familienerde, der Ort, an den man sich immer und ohne Begründung zurückziehen darf. Ein Alibi, das nicht überprüft oder in Frage gestellt wird.
Um die Nähe meines Vaters zu spüren, berühre ich mit meinen geöffneten Händen die Scheibe, lege meine rechte Wange dazwischen und schließe die Augen. Kälte macht sich über die Wange, den Hals, die Schultern in mir breit. Langsam sinke ich in mich zusammen, bis ich wie ein schlafender Hund vor dem Bad liege. Die Türe bleibt geschlossen, im Raum herrscht Ruhe. Mein Vater hat sich in seinen nebligen Fantasien aufgelöst.
Später wache ich auf, erhebe mich langsam, wanke den Gang hinunter. Das Schlafzimmer meines Bruders folgt dem meiner Eltern. Beide sind für mich tabu, ich darf sie nicht betreten. Selbst zögerliches Anklopfen habe ich mir abgewöhnt.
In der Wohnung gibt es kein Zimmer, das für mich frei oder gar vorgesehen wäre. Raumlos stehe ich in einem Familienhaus, in dem für mich kein Platz ist. Deshalb öffnete ich eines Tages die Eingangstüre und trat hinaus: in eine fremde Welt. Aber das Fremdsein war mir unterdessen zum Beruf geworden. Heimatlos hieß meine Staatsbürgerschaft, mein Nachname lautete seit meiner Geburt Einsamkeit, mein Vorname Sehnsucht.
 
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