Sehnsuchtsberg

Sieglinde Rupsch
11.02.2014
 
Sehnsuchtsberg
Der Luftröhrenschnitt war endlich geschlossen. Daniela brauchte schon lange keine Magensonde mehr. Sie verschluckte sich nur noch selten. Wir konnten es wagen, ins benachbarte Ausland zu fahren. In den Herbstferien reisten wir ins sonnige Südtirol. Lana liegt in der Ebene. Dort konnten wir Daniela im Rollstuhl ebenerdig bis in die Ferienwohnung schieben. Die beiden Kleinen schwärmten vom Wohnzimmer aus über den Rasen zum Sandkasten, zur Schaukel und zur Rutsche. Daniela saß neben uns auf der Bank. Ob sie sich sehnte, auch zu rutschen und zu schaukeln? Sie äußerte keine Wünsche.
Und ich fragte sie lieber nicht; denn wir hätten es auch zu zweit nicht geschafft, sie auf die Schaukel zu setzen.
An einem Vormittag wanderten wir auf der Straße nach Niederlana. Anna mit ihren vier Jahren lief damals gern und ausdauernd. Tina war erst zwei und saß oft auf Danielas Schoß. Diese hielt ihre Schwester gut fest und fühlte sich als Große. Bei der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt warteten die Kinder, dass die Eidechsen aus den Ritzen des Fundaments hervor kämen, um sich auf den hellen Steinen zu sonnen. In der Kirche wartete der Schnatterpeck-Altar auf meine bewundernden Blicke. Auf dem Friedhof weckten die schmiedeeisernen Grabkreuze und die zumeist ovalen Bildnisse der Verstorbenen mein Interesse. So etwas hatte ich daheim noch nie gesehen.
Um zum Waldweg zu gelangen, musste Daniela aussteigen. Wenn Vater sie stützte, konnte sie einige Meter auf den eigenen Füßen gehen. Ich schob inzwischen den leeren Rollstuhl den steilen Weg hinauf. Nach vielen Verschnaufpausen ließ sich Daniela oben erschöpft in ihren Rollstuhl hieven.
Wir liebten diesen Pfad entlang des alten Bewässerungskanals hoch über den Dächern der Häuser, über den Gärten, über den Apfelplantagen des Etschtales am Hang entlang. Er war fast immer eben und breit genug für den Rollstuhl. Besonders mochten wir die Stellen, die wie Balkone wirkten, über uns und unter uns Bäume. Nur wurde hier der Steg so schmal, dass wir mit dem Rollstuhl sehr aufpassen mussten. Ich konnte diese „Balkone“ gar nicht richtig genießen. Je mehr wir uns dem Ortskern näherten, desto häufiger mussten wir mit Steinen, Wurzeln und abschüssigen Wegstrecken kämpfen.
Inzwischen wechselten wir uns mit dem Schieben ab. Mühsam kamen wir voran. Da stiegen Wanderer mit kleinen Rucksäcken leichtfüßig vom Tal herauf, grüßten und verschwanden nach oben zwischen den Büschen. Ein hölzernes Schild verriet uns die Richtung: Völlan stand darauf.
Zu seufzen erlaubte ich mir nicht. Im Stillen wünschte ich mir, auch einmal auf den Völlan zu steigen, so leichtfüßig, ohne Rollstuhl. Aber diese Sehnsucht konnte ich gleich begraben. Kurzzeitpflege oder „entlastende Dienste für pflegende Angehörige“ gab es noch nicht. Und Danielas Großeltern trauten sich nicht zu, sie für mehr als zwei Stunden zu betreuen.
Den Völlan sollte ich mir wirklich aus dem Kopf schlagen. Genau wie meinen anderen Sehnsuchtsberg.
Mit acht Jahren hatte ich ihn entdeckt. Vom Torfhaus aus, wo ich als kleinstes Mitglied einer Jugendgruppe eine Sommerfreizeit verbrachte. Abgezeichnet habe ich diesen Berg „nach der Natur“. Dass er ein Sehnsuchtsberg blieb, lag nicht etwa an den elfhundert Höhenmetern, die ich hätte überwinden müssen. Auch mein Lebensalter war nicht daran schuld. Die Zonengrenze war das unüberwindbare Hindernis. Doch selbst wenn ich in der Deutschen Demokratischen Republik gewohnt hätte, wäre ich nie bis auf den Brocken gelangt. Er war militärisches Sperrgebiet.
Vom Balkon unserer Mietwohnung aus konnte ich mit etwas Glück zweimal im Jahr den Brocken in der Sonne leuchten sehen. Immerhin rundete sich seine Kuppe in etwa vierzig Kilometer Entfernung über dem Harz. Dann wurde auf der anderen Straßenseite ein Hochhaus errichtet. Zufällig standen im nächsten Sommer an einem warmen Nachmittag die Türen im ersten Stockwerk offen und ich konnte quer durch das Hochhaus „meinen“ Brocken erkennen. Meine Freundin verstand meine Aufregung und meine Freude nicht. Wie hätte ich ihr meine Sehnsucht erklären sollen?
Wieso weckte allein der Wanderpfad zum Völlan meine Sehnsucht? Vielleicht weil ich mir von dort oben eine noch schönere Aussicht versprach? Vielleicht weil ich glaubte, auf solch einen Berg aus eigener Kraft hinauf und auch wieder hinab steigen zu können? Das war ein Wunsch, den ich schon viele Jahre hegte.
Ich weiß ihr Einheimischen könnt euch kaum noch das Lachen verbeißen. Denn ihr wisst längst, warum meine Sehnsucht unerfüllbar ist. Ich meine nicht den Brocken mit seinen 1.142 Metern. Seit der Eiserne Vorhang gefallen ist, steht mir der Weg offen. Es fährt sogar wieder eine Bahn hinauf. Nein, ihr lacht, weil Völlan gar kein Berg ist, sondern ein kleiner Ort auf halber Höhe, wohin eine Fahrstraße von Lana aus führt.
Übrigens meine ich inzwischen, dass meine Sehnsucht weniger dem Berg galt als der Leichtfüßigkeit.
Diese Sehnsucht wird sich ebenfalls kaum erfüllen; mit siebzig werde ich nicht mehr leichtfüßig. Wie gut, dass es schon seit hundertundeinem Jahr eine Seilbahn aufs Vigiljoch gibt! Da habe ich gute Aussichten.
 
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