Shakehands

Joseph Zoderer
09.11.2010
 
Diese junge Frau war ihm auf der Restaurantterrasse aufgefallen, er hatte ihr Gesicht angelacht, und lachend oder sprechend und später eher nur mehr zuhörend hatte er ihr Gesicht ausgeforscht, die winzigen Sommersprossen noch später zu zählen versucht, irgendwann auch den fleischig gewölbten Lippenbereich nach Annäherungslust ausgeforscht, auch ihre Spielbereitschaft. Sie bestellte Spaghetti à la Bolognese und er, ohne nachzudenken, auch. Danach aßen sie Fisch. Sie hätte sich nach dem Kaffee zurückziehen können, aber anscheinend wollte sie dieses zufällig zustande gekommene Zuzweitsein nicht jäh abbrechen. Sie überließ sich seinen Vorschlägen und folgte ihm in eine Bar, mit einer Straßenfront aus Glas. Sie tranken Wodka Lemon, schnell nacheinander jeder zwei Gläser, während sie Tangorhythmen lauschten. Warte, ich weiß noch nicht, sagte sie vor dem dritten Glas und trank es dann doch aus. Trotz des Halbdunkels, in dem sie saßen, wusste er, dass sie ihn – wie er sie – unentwegt beobachtete. Sie wartete ab (oder war dieses Warten ein zweifelndes Lauern?), während er ohne Ungeduld auf sie hinsah. Von ihm ging kein drängendes Begehren aus und nichts von ihrer zurückgelehnten Haltung rief ihn. Als sie lange nach Mitternacht auf die Straße traten, begann es zu regnen. Er spürte die Regentropfen auf seinem Kopf geradezu aufschlagen. Zeitweilig blieben sie stumm, und je länger ihr Schweigen dauerte, umso mehr fiel ihm seine unsichere Gangart auf. Nicht, dass er wirklich schwankte, aber sein Gehen erschien ihm unentschlossen. Es wurde ihm bewusst, dass er nicht darauf brannte, jetzt stehen zu bleiben und diese junge Frau zu umarmen.

Vielleicht erwartete sie dies auch nicht; immerhin wünschte er ihre Wärme zu spüren, er wünschte sich wenigstens für eine kurze Weile die Wärme eines Vergessens hier unter den hohen, uralten Bäumen des Parks, in den sie eintauchten. Auf der anderen Seite des Parks hatten sie ihren Wagen abgestellt.

Es war fast zwei Stunden nach Mitternacht, er begleitete sie durch das Halbdunkel der sparsam beleuchteten Grünanlage, schritt oft einen Meter oder mehr seitlich von ihr, sie hatte – das spürte er – keine Angst vor ihm. Doch nichts oder fast nichts zog sie zueinander. Als sie vor ihrem Auto standen, streckte er ihr die Hand entgegen, und sie nahm sie kurz in ihre und lächelte.

Am nächsten Tag war er sich nicht einmal mehr dieses Lächelns gewiss. Entweder hatte er das Gefühl dafür vergessen oder er hatte es in der Eile des Händedrucks nicht lange genug bemerkt, hatte es vielleicht nur gewünscht und es sich eingebildet. Der Parkplatz lag ja auch im Halbdunkel. Besser als an ihrem Gesichtsausdruck konnte er sich an sein Davongehen erinnern, er sah geradezu scharf umrissen seinen Rücken, seine Jacke von hinten und wusste noch, dass er zufrieden war mit seinem Weggehen, er war damit einverstanden, dass er sie nicht an sich gezogen und nicht den kleinsten Versuch unternommen hatte, ihr Gesicht zu berühren. Er gehörte nicht zu ihr, und so war es gut, dass er sich nicht in ihre Welt hineingedrängt hatte. Fremd, wie sie ihm geblieben war, dachte er doch mit einem guten Gefühl an sie.

Erschienen in mountain stories Edition 2010/11
 
 
 
Twitter Facebook Drucken