Sich sehnend

Shannon Wardell
16.02.2017
 
Sich sehnend
Eine Kurzgeschichte über Gruppendruck vs. Gruppendenken und die Sinnlosigkeit von kaputten Reißverschlüssen
oder
Stand-up-Comedy als moderne Form altgriechischer Rhetorik

In ihrem kurzen, roten Nachthemd, saß sie auf der Bettkante, hatte die Arme um ihre angezogenen, verschränkten Beine gelegt und das Kinn auf die Knie gepresst. Ihre Bettfrisur sah unglaublich wild und verwegen aus und dennoch sang sie mit weicher Stimme, die irgendwo zwischen Patsy und Piaf lag:
Ich bin verloren in dieser Welt
und weiß weder ein noch aus,
hab’s satt, mir was einfallen zu lassen,
um‘s Tag für Tag grad so zu schaffen;
ich wünsch‘ mir einen Plan,
der mich packt und an der Hand
führt, hindurch durch dieses Land
des Schmerzes und des Leids –

Aus dem Zimmer nebenan erklang seine Stimme: „Dieses Lied erinnert mich an etwas, das mir ein Chemieprofessor kurz vor der Pensionierung eines Nachmittags erzählte, als er an einem hochproteinhaltigen Roggenstrang forschte, von dem er überzeugt war, dass er einen wesentlichen Beitrag zur Eindämmung der geschmacklosen Reuben Sandwiches in New York City und von echten Hungersnöten in anderen Teilen der Welt leisten würde. Unser Motto war ‚Why Rye? Wry High!‘

Während er sein liebstes Mikroskop reinigte, begann Prof B. mit ihm zu sprechen: ‚Du bist ein Wunder. Du lässt mich Dinge erkennen, von denen ich keine Ahnung hatte, dass sie in dieser Welt existierten. Wenn du ein Mensch wärst, würde ich dich auf der Stelle heiraten. Aber du bist bloß ein speziell angefertigtes Instrument, das mich dazu inspiriert, mikroskopische Welten zu erkunden und zu erobern. Ich wünschte, ich wüsste, wohin du mich führen wirst. Es würde mich zuversichtlicher im Hinblick auf unsere eigene Sicherheit stimmen. Natürlich erkenne ich die poetische Wahrheit des Unschärfegesetzes an. Mein Problem ist nur, dass ich nicht wüsste, was ich sonst wollen könnte, als all das zu erfassen, das du mir ermöglichst, durch dich zu erkennen. Ich fühle mich wie eine dieser weggekoksten Priesterinnenjunkies in Delphi, die in ihren drogeninduzierten Trancezuständen göttliche Offenbarungen erleben. Meine Drogen sind Kaffee und Led Zeppelin. Ich kann nur darauf vertrauen, dass es gut ausgehen wird, was auch immer letztlich dabei rauskommen mag.‘

Ein anderes Mal sagte er zu seinem Mikroskop: ‚Wir forschen nun schon seit 15 Tagen und haben noch immer keine Veränderung der Z-Rate in Probe 34c beobachtet. Du machst mich verrückt, verdammt nochmal. Ich kann mich kaum konzentrieren bei all deinen anzüglichen Blicken und Komm-Hierher-Maschen. Erst sagst du: „Schau doch ein bisschen hierher.“ Zwei Stunden später sagst du dann: „Oh, tut mir leid, ich dachte, das wär‘ was Wichtiges gewesen.“ Weißt du denn, was du wirklich willst?‘
Und wieder ein anderes Mal: ‚Wer sich sozial engagiert, um der Gemeinschaft einen Dienst zu erweisen, hat ironischerweise viel mit einer Laborratte gemeinsam, die sich in einsamer, liebloser Arbeit abrackert. Denn die Tätigkeit der Laborrate bereichert aus der Sicht der ausgezehrten Rattenseele mit Sicherheit die Gemeinschaft der Menschen auf diesem Planeten in gleichem Maße. Der einzige Unterschied ist, dass die Menschen Freunde haben.‘“


Seine Sticheleien ignorierend sang sie weiter:
Ich mag verloren sein in dieser Welt
und weiß weder ein noch aus,
aber eines weiß ich ganz bestimmt,
dass sich letztendlich alles weisen wird;
ich wünsch‘ mir einen festen Plan
und keine Sandburg am Strand
aber alles, wonach mir jetzt gerade ist,
ist ein Stück Pizza im Garten –


Noch immer hielt sie ihre Beine umklammert, legte ihre rechte Wange auf das Knie und schaute gebannt den sanften Bewegungen des Spiels von Kerzenlicht und Schatten an den Wänden und an der Decke zu. Sie fühlte, wie sich ihre angespannte Psyche langsam entspannte, sich räkelte und zu einem Lächeln formte. Sie war die Angst, die es ihr oft so schwer machte, so wahrhaftig zu leben und zu lieben, wie sie es gerne würde, losgeworden.

„Das Ende des Tages entscheidet darüber, wie der folgende Tag beginnt und welchen Lauf er nimmt“, dachte sie. „Das, was ich am Abend mache, bestimmt, wozu ich am nächsten Tag in der Lage bin. Das ist mit Sicherheit so.“

Während sie dem Flackern des Kerzenlichts in der Dunkelheit zusah, begann sie in ihrem Kopf Musik zu hören. Es war eher ein Klangbrei als eine eingängige Melodie: Das Grund-Bumm-Bumm des VW Golf mit den geschlossenen Fenstern, der an der Ampel gestanden war, als sie die Straße überquert hatte; die quietschenden Rollen des Einkaufwagens im Geschäft; die Verkehrslawinen entlang der Straße um die Ecke …

Dann hörte sie, wie er nebenan fortfuhr:

„Was für ein Zufall, du solltest das singen: Magst du etwas von diesem letzten Viertel Pizza? Der Gedanke, es zu essen, frisst mich beinahe auf. Ich weiß nicht mehr, wer hier wen verschlingt. Ich weiß, du bist gerade sehr beschäftigt, aber ich dachte mir, ich frag‘ dich trotzdem. Stell dir vor, was gerade Lustiges passiert ist. Ich zog meinen schwarzen Pullover an und bemerkte, dass der vordere Reißverschluss kaputt ist. Er klemmt am oberen Ende. Jetzt kann ich ihn nicht mehr zumachen. Den ganzen Reißverschluss rauszuschneiden und einen neuen einzunähen, wäre viel zu viel Arbeit. Der Pullover ist an sich noch schön – bis auf das eine Mottenloch. Doch dann fiel mir ein, dass ich ihn drinnen ohnehin nie zumachte, wozu also die ganze Aufregung? Auf einmal kam mir der Gedanke, dass ein kaputter Reißverschluss wie ein gebrochener Weltrekord war – beides war verloren, ein für alle Mal weg, einfach ausgelöscht, völlig bedeutungslos. So musste ich an gebrochene Weltrekorde denken, beispielsweise bei den Olympischen Spielen, oder dem höchsten Gebäude, oder den meisten Hotdogs, die jemand innerhalb einer Minute verdrücken konnte. Im Jahr 2012 maß die größte Pizza der Welt – stell‘ dir das vor – 1261,65 Quadratmeter und füllte eine große Halle in Rom aus. Man gab ihr sogar einen Namen – Ottavia. Das sollte offenbar eine Huldigung an den ersten Kaiser Roms sein. Aber ich wette, diese Pizza war mit null Liebe gemacht, so ganz auf „Lasst-uns-jetzt-diesen-Weltrekord-brechen“, so dass später, als sie in Stücke geschnitten und verteilt wurde, zwar jeder ein Stück von ihr bekam, aber niemand wirklich Freude damit hatte. Ganz wie mit einem kaputten Reißverschluss.“

„Er probiert wirklich alles, um ein Lächeln zu ernten“, dachte sie. „Als ob das eine Art Heilung für alles wäre. Als ob es einem helfen könnte, über etwas, das einen bedrückt, einfach zu lachen.“

Ich war verloren in dieser Welt
Und wusste weder ein noch aus,
aber jetzt weiß ich ganz genau,
was ich tun und machen will;
ich tu‘, was ich zu tun liebe,
schau‘, dass ich stets über die Runden komm‘
und sorg‘ dafür, dass nichts, was ich jemals tu‘,
das Leben eines anderen irgendwie erschwert –


Ihre Stimme sang weiter, allerdings nur mehr in Gedanken: „Ich habe Vertrauen in den Prozess des Lebens. Ich bin bereit für die Veränderung und all das Gute, das sie mit sich bringen wird. Ich bin bereit, mich selbst vom Zwang, diese Veränderung unbedingt zu wollen, zu befreien. Ich blicke voller Liebe hinter mich zurück auf das letzte, vergangene Kapitel in meinem Leben und betrachte die vor mir liegende neue Welt mit Feuereifer. Ich bin frei. Ich bin glücklich. Ich bin geliebt. Ich bin entschlossen und ich bin allzeit geborgen.“

Sie öffnete ihre Augen und ihr Blick blieb an einem Spiegel auf der anderen Seite des Raumes, in dem sie sich selbst erblickte, heften. In Gedanken sprach sie zu ihrem Spiegelbild:

„Verzweifeltes Wünschen, wo dazuzugehören, macht uns zu unausstehlichen Zeitgenossen – mach’s besser so:

Sehne dich nach einem lohnenden Ziel im Leben und du wirst frei sein von allen Dingen, die dich davon abhalten, die Hauptrolle in diesem romantischen und komödiantischen Abenteuerfilm zu spielen – den Film, den du jetzt gerade erlebst, der deine eigene subjektive Realität in jenem größeren Ganzen darstellt, den wir alle das Leben nennen.
Sehne dich nach der Möglichkeit, deinen Traum, wie das Leben sein könnte, wirklich zu leben: ohne Zorn, Hass, Kränkungen und Machtspielchen in berechnender Liebe.
Sehne dich nach einer Möglichkeit, schlechte Angewohnheiten in Quellen produktiver und kreativer Energie umzuwandeln.

Sehne dich nach jemandem, der ein Lied nur für dich allein singt und du wirst zu jenem Kreis der Entdecker in unserer Menschheitsgeschichte gehören, die Leib und Leben aufs Spiel gesetzt haben, um die weitschweifige Küstenlinie der trügerischsten Insel in unserer Psyche zu erforschen: Jener, die nur du jemals gesehen hast.

Sehne dich nach einem sicheren Platz, an dem es warmes Essen, herzliche Verwandtschaft und Freunde gibt, die dir helfen, deine Träume wahr werden zu lassen.“

Plötzlich ruft sie aus vollem Hals: „Hey, Mister Dein-Reißverschluss-ist-offen, hast du noch ein Stück Pizza übrig?“
 
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