Sonntags im September

Anita Hetzenauer
27.02.2019
 
Sonntags im September
Etwa einmal pro Woche, meistens sonntags, schließe ich meinen Briefkasten auf um herauszuholen, was mein oranger „Keine Postwurfsendungen“-Aufkleber nicht abwehren konnte. Fast ausschließlich sind das Rechnungen, doch heute befindet sich ein handbeschriftetes Kuvert darunter. Es ist das einzige Schreiben mit Briefmarke. Lange schon habe ich keine Briefmarke mehr gesehen, die sind wohl auch vom Aussterben bedroht. Ohne es umzudrehen weiß ich, dass kein Absender auf der Rückseite stehen wird, aber welches Kind vergisst schon die Handschrift seiner Mutter.
Warum sie wohl schreibt? Hoffentlich ist es nichts Schlimmes. Ganz schlimm kann es aber auch nicht sein, sonst hätte sie angerufen. Ich reiße das Kuvert gleich mit den Fingern auf. Etwas zu hastig, denn ein Teil des Inhalts fällt heraus. Dunkelbraune Brösel schweben zu Boden. Irritiert suche ich nach dem Brief im Kuvert, finde aber nichts. Das Kuvert ist, abgesehen von den braunen Bröseln, die jetzt zur Hälfte auf dem Boden liegen, leer. Seltsam. So etwas hat sie noch nie getan. Sie ist doch nicht etwa – ich wage den Gedanken gar nicht zu Ende zu denken. Wann habe ich meine Eltern eigentlich zuletzt gesehen? Zu Vaters Geburtstag habe ich angerufen, zum Muttertag auch, Ostern sowieso und zu Mutters Geburtstag ebenfalls, weil das so knapp nach Weihnachten war. Ich werde nachdenklich. Der September hat schon begonnen, ich bin bei meinen Eltern seit Weihnachten nicht mehr gewesen und ich habe das nicht einmal bemerkt. Was mache ich eigentlich die ganze Zeit? Arbeiten, vielleicht etwas zu viel arbeiten. Teils, weil es sein muss, teils weil es mir Spaß macht und wenn ich endlich frei habe, gibt es die Liste der unerledigten Dinge an meiner Kühlschranktür, die ich abarbeite. Im Urlaub will ich etwas erleben und mich erholen und beides vorzugsweise am Meer. Gründe gibt es also genug, doch ich spüre, dass der Unterschied zwischen meinen Gründen und Ausreden nur der Blickwinkel ist. „Wo ein Wille ist, da ist ein Weg, wo kein Wille ist, da ist kein Weg“, würde mein Vater sagen und wissend lächeln. Er hätte recht, natürlich.
Ich bücke mich, um notdürftig mit der Hand die braunen Brösel vom Boden wieder ins Kuvert zurückzubefördern. Immer noch weiß ich nicht, was mir meine Mutter da geschickt hat. Etwas Pflanzliches jedenfalls, wahrscheinlich ein vertrocknetes Blatt. Es erinnert an Tabak, ist aber dunkler. Im Kuvert liegen zwischen den Blattbröseln Teile von Blattstielen und Blattadern. Als ich die Pflanzenreste zwischen meinen Fingern zerreibe, steigt mir ein würziger Geruch in die Nase, den ich seit Jahren nicht mehr gerochen habe. Aber ich erkenne sofort, was hier nach Kindheit riecht und Unbeschwertheit: Es sind Walnussblätter. Sicher vom Nussbaum im Obstanger meiner Eltern. Meine Mutter hat mir ein vertrocknetes Walnussblatt geschickt. Ich habe keine Ahnung weshalb.
Ich gehe die Treppe hinauf in meine Wohnung, nehme mein Handy und rufe an. Natürlich am Festnetz. Die Handys, die ich meinen Eltern vor Jahren geschenkt habe, durften die Küchenschublade nie verlassen, in der sie damals verstaut wurden. Ich lasse es lange läuten, sehr lange. Niemand hebt ab. Das passiert öfters, aber heute beunruhigt mich das.
Es ist Sonntag, ich habe frei, ich könnte hinfahren, überlege ich, verwerfe den Gedanken aber gleich wieder, weil mir einfällt, was ich für heute schon alles geplant habe. Ich beginne Wäsche zu sortieren und plötzlich bin ich so spontan wie seit Jahrzehnten nicht mehr, lasse die Wäsche liegen, nehme meine Jacke, meine Autoschlüssel und fahre los. Noch bevor ich die Autobahn erreicht habe, fällt mir auf, was für ein schöner Altweibersommertag ist. Vorfreude gesellt sich zur Sorge um meine Eltern. Ich freue mich darauf, heim zu kommen. Nach knapp einer Stunde biege ich auf den Schotterweg ein, noch eine Kurve, schon sehe ich mein Elternhaus. Wie immer parke ich neben ihrem VW, der schon alt war, als ich auszog. Als ich die Haustür öffnen will, ist sie verschlossen. Seltsam. Das Auto ist da, weit können sie nicht sein. Im Garten finde ich meine Eltern auch nicht, aber der Schatten, den der Sonnenschirm wirft, fällt auf die zerlesene Sonntagszeitung, die auf der Gartenbank liegt. Eine einzelne Walnuss liegt daneben. Es ist eine Nuss meines Lieblingsnussbaumes, der dort steht, wo der Obstanger am steilsten ist. Mit einem Stein, der unter der Gartenbank liegt, öffne ich die Nuss. Sie ist ganz frisch, der Kern noch weiß, genau so, wie ich Nüsse am allerliebsten mag. Während ich in den Obstanger weitergehe, ziehe ich vorsichtig die bittere weiße Haut vom Kern. Der Aufwand ist es wert. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so etwas Gutes gegessen habe. Der Obstgarten ist groß und unübersichtlich, meine Eltern sehe ich nicht, aber ich stehe vor meinem Lieblingsnussbaum und der ist viel größer, als ich ihn in Erinnerung habe. Er ist gewachsen und vollgeschüttet mit Nüssen, die gerade ihre grünen Hüllen sprengen oder schon am Boden liegen. Ich kann nicht anders. Schon bücke ich mich und hebe eine Nuss auf, zwei, drei, eine ganze Hand voll.
Kurz überlege ich, wo ich die Nüsse hingeben soll, dann werfe ich sie in meine Handtasche und strecke schon meine Hände nach weiteren aus. Wie lange schon habe ich keine Nüsse mehr gesammelt. Ich schaue auf meine makellosen Fingernägel, als ich die grüne Schale von einer Nuss aufbreche. Die nächsten Tage werde ich davon braune Hände und schmutzige Fingernägel haben, aber das ist mir gerade völlig egal. Eine Nuss nach der anderen hebe ich auf. Genau jetzt gibt es kein Lied auf der Welt, das ich lieber hören würde als das Geräusch, wenn Nüsse in meiner Tasche auf andere Nüsse fallen. Das Gras im Obstanger ist wie früher lang und büschelig, die Walnüsse sind darunter oft gut versteckt. Schon ziehe ich, wie an Kindertagen, die Schuhe aus und lasse meine bloßen Füße suchen, obwohl der Monat September ein R enthält. Bei diesem Gedanken fallen mir meine Eltern wieder ein und ich versuche mich loszureißen, nur eine Nuss noch und die da, auf die ich gerade getreten bin.
Es gelingt mir, mit dem Sammeln aufzuhören, weil meine Handtasche überquillt und ich nicht mehr weiß, wohin ich die Nüsse geben soll, die ich noch in den Händen halte. Ich fühle mich glücklich wie das zehnjährige Mädchen, das ich einmal war. Als ich zum Haus sehe, kommen mir meine Eltern entgegen. „Ich wusste, dass du kommst!“ frohlockt meine Mutter und mein Vater fügt hinzu: „Manchmal ist es ganz einfach, jemanden glücklich zu machen!“
 
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