"Ssabiihn?"

Armin Hey
17.01.2014
 
"Ssabiihn?"
Augen auf. Oh Mann. Rotweinschädel. Kurzer Blick aufs Gebirge. Da wäre ich gern. In der klaren Höhe den Kosmos atmen, nah bei den Sternen sein. Frei sein, eins mit der unberührten Natur.
Das wär’ was.
Da wachsen die Alpen auch nicht aus dem alten Sofa, und auf dem großen Gletscher kleben nicht die Reste von Sabines Pizza. Die hat schon getobt, wenn man nicht ‚Ssabiihn‘ sagte. Ob die noch lebt? Egal. Augen zu.
Nein! Augen auf. Scheiße, das Referat. Herrjemine. Morgen. Hegels Logik. Noch nicht mal reingesehen.
Ach, egal, zu spät. Augen wieder zu.
Nein! Augen wieder auf. Verdammt! Diesmal nicht. Los jetzt! Eimer Kaffee.
Oder lieber das halbe Gläschen da von gestern? Schmeckt nicht wirklich, wärmt aber gut durch. Ja, besser. Geht doch.
So. Bloß keine Panik. Es ist nicht Dracula, es ist bloß ein Text. Kann man lesen. Und verstehen. Sind schließlich dieselben Buchstaben wie immer. Also dann, vorne fängt’s an.
Vorwort, Einleitung, quackeldiquack, dafür ist keine Zeit. Aha, hier. Abschnitt 1. Los geht’s:
Das reine Seyn und das reine Nichts ist also dasselbe. Was die Wahrheit ist, ist weder das Seyn, noch das Nichts, sondern daß das Seyn in Nichts, und Nichts in Seyn, – nicht übergeht, – sondern übergegangen ist. Ihre Wahrheit ist also diese Bewegung des unmittelbaren Verschwindens des einen in dem andern: das Werden.
Och nöö. Das ist nicht fair.
Die Berge kleben majestätisch und ungerührt an der Wand. Die sind über sowas erhaben.
Da müsste man jetzt sein. Durchatmen und in der Sonne liegen.
Das Sein ist das Nichts und beide sind nichts als das Werden. Prost Mahlzeit.
Allerdings eins steht schon mal fest: Exemplarische Analyse. Von diesem Murks kein weiterer Satz mehr. Und zu diesen dreien wird irgendwas ranmeditiert.
Wo meditiert sich’s am besten? Richtig. Ab in die Badewanne.
Schön heiß, Schaumbad rein, Berglärchennadeln, hmmm..., und hinterher.
Schon viel besser. Augen zu. Ohren unter Wasser. Summen. „Ommm.“ Geil. Das brummt bis ins Gemächt.
Mal sehen. Werden. Wie wird man denn in Wirklichkeit? Ohne verdrechselten Hirnschwurbel? Wie fängt alles an?
Man fängt an als Zellhaufen, teilt sich so vor sich hin, und irgendwann, nach paar Wochen, fängt man an, was zu spüren. Erstmal, ommm, in sich selbst. Ohne dass man’s weiß und versteht natürlich. Aber wie würde man’s erzählen, wenn man’s erzählen könnte?
„Ommmm.“
Einatmen – Ausatmen – – Ein...
Im Anfang ist ein Hauch, unendlich sanft, ist nahezu nicht da. Von wo? Niemand, der fragt. Nur: Hauch. Ganz ohne Namen.
Der Hauch also steigt aus dem großen Nichts, und da er da hervorkommt, ist das große Nichts das große Sein und beide eins und sind ein Werden. Das ist der Anfang.
Der Hauch weitet sich aus, wird dichter, größer, wird ein Strömen. Langsam und lange und ganz sanft. Wie lange? Niemand, der fragt.
Es wallt und ebbt das Strömen, auf und ab, ein Pulsen.
Alle Zeiten, alle Räume Pulsen. Der Kosmos all ein Pulsen. Von Ewigkeit zu Ewigkeit ein Pulsen. Aufwallen und verebben. Ja.
Aufwallen spannt, Verebben leichtert. Dem nach. Ein Regen. Es regt sich folgend, dem Leichtern folgend.
Das Regen bringt den Kitzel mit, der steigert sich und bricht, wie eine Welle bricht, hinab in alte Ruhe. Ja. Kräftiger dies, schärfer, als das alte Pulsen. Dreimal ja. Wenn die getürmte Welle bricht, gibt sie sich freudig hin dem Fall ins Tal der sanften Ruhe, und löst dort sich auf. Erlöst.
Neue Anregung nun. Wie das? Warum? Woher? Niemand, der fragt. Der Kosmos ist auf einmal nicht nur Meer, ist auch ein Gegenstrom; der hemmt die Regung, begegnet ihr mit neuem Kitzel. Auf einmal ist Geräusch, ein Gluckern, ein Brummen, ein Klopfen. Auf einmal ist ein Bild da, eine Trübe, wabernd, mit Farben, Licht und Schatten. Auf einmal schmeckt es.
Süß. Damit erscheint die ganz besond’re Würze: die Differenz. Der Genuss verfeinert sich, nicht mehr nur Auf und Ab, vielmehr erscheint er als das Süße, das Gluckern, das Licht. Der Kosmos wird Komposition, ein reizend spielendes Orchester, im Takt eines immergleich strömenden Pulses. So bildet weiter der Kosmos als Reichtum sich aus. Alles, Alles gut. Alles Glück.
Und so könnte er noch weiter und weiter spielen, sich anregen, freuen, ausbilden, sich auflösen und neu erstehen. Bis in alle Ewigkeit.
Davor erschaudern ist nicht ganz weise. Wer jenes Wonnespiel nicht will, der kann nicht anders, der ist fort gezwungen worden.
Denn von Beginn ist da der Hauch, das Strömen, das Pulsen, der sich weiter bildende, reicher werdende Kosmos. Und er ist von Beginn auch Ereignis, Empfindung und ordnendes Aufbewahren, ist Blut, Nerv und Hirn. Des Körpers kosmischer Genuss seiner selbst findet sich wieder im Kopf als Sympathie für diesen Genuss, als freudiges Merken und Fühlen, als Miterleben. In solcher Neigung wächst das Hirn selbst auf, bildet sich aus, formt sich im Innern, gibt sich Struktur. In solcher Konstellation stehen sämtliche Teile des Körpers:
Blutdurchflossen sympathisch genießend das kosmische Glück. So ist von Anfang an eine Grundstimmung in jedem Menschen, so ist er dem glücklichen Genuss, dem: Alles ist gut, zugeneigt. Von Anfang an ist der Mensch ein Gewächs des Glücks, an jeder Faser, in jeder Struktur, in seiner gesamten Architektur. Des Körpers und Geistes heim’liger Leim ist der fahrlässig albernde Binnenreim.
Das kosmische Spiel also geht über sich selbst hinaus zum Außen und Innen, damit setzt Zeit ein, die vorher nicht war. Und damit verliert der Geist die Balance. Das strömende Blut war Alles und ist es jetzt nicht mehr, das Pulsen war Alles und ist es jetzt nicht mehr. Die Töne, die Süße, das Regen waren Alles und sind es jetzt nicht mehr. Der Geist taumelt und kann sich unmittelbar nicht neu besinnen. Denn nun bricht das Außen herein, mit Kälte und Hitze, mit Hunger und Durst, vorher noch mit unmäßiger Enge. Die nennt sich Geburt.
Katastrophe. – – –
Doch in und nach all dem Unglück strömt das Blut weiter, schlägt das Herz weiter, brechen verschiedene Reize Mal um Mal ins Tal der Ruhe und lösen sich auf, sind erlöst für ein Weilchen; zwar niemals mehr Alles, aber Erinnerung an und Verheißung von Glück. So wird der Geist Sehnsucht. Sehnsucht nach Allem, Sehnsucht nach Glück.
Augen auf. Huh, kalt. Finger schrumplig. Höchste Zeit. Raus jetzt.
Ist da noch was in der Buddel? Ja. Halbes Gläschen zum Wachwerden. Prost.
Schön geträumt. Was? Weiß nicht mehr. Was jetzt? Ach, herrje. Natürlich. Hegel.
Wird ja doch nix. Adorno hat gesagt, bei dem Mann weiß man manchmal buchstäblich nicht, wovon überhaupt die Rede ist. Na also. Lieber nächstes Semester. Tja.
Vielleicht mal Sabine anrufen? Zusammen nach Süden trampen? In die Berge?
Das wär’ was.
Die herrliche, unberührte Luft, die Weite. Nachts Arm in Arm auf der Wiese mitten im Himmel liegen. Die Sterne über uns. Das Glück in uns.
Gottogott. Schwulst Ende. Telefon.
„Hallo? Ssabiihn?“
 
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