Staatsreise

Stefano Girardi
16.02.2017
 
Staatsreise
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich schon hier oben bin, aber ich weiß mit Sicherheit, dass mindestens der halbe Kontinent unter meinen Augen vorbeigezogen ist. Das Mädchen, das mich zurück ins Meer warf, hatte sich die roten Haare ausgewrungen, indem sie sie mit den Händen eindrehte. Kurz zuvor war ich ihr zwischen den Wellen gefolgt und davor noch unter Wasser, wo sie zum Meeresgrund hinabgetaucht war und Tausende von Fischen bestaunt hatte.

Sie brauchte nur ihr Haar etwas kräftig zusammenzudrehen und ich fiel samt den anderen Schwestern, denen es ebenso erging, zurück ins Wasser. Dann trug uns die Sonne in die Höhe und der Wind jagte uns zwischen die Wolken und dann immer höher und immer schneller.

Das Meer zog sich weit zurück, weil ihm die Küste nachrannte, die ihrerseits von der Ebene verfolgt wurde. Wie viele Felder habe ich unter mir vorbeiflitzen sehen und mittendrin Teiche, Seen und Flüsse, von wo mich andere Schwestern grüßten. Dann hob sich die Erde und die Bäume hörten auf.

Der Wind wurde kälter und trieb mich noch höher hinauf.

Fast schien es, als ob er mich an die Felsen schmettern würde, doch kurz davor drückte mich eine wärmere Strömung empor zum Himmel. Wie fern war mein Meer! Inzwischen waren es fast sechs Monate, dass ich mich nicht mehr von da fortbewegte, und ich begann mich an jene Glückseligkeit zu gewöhnen.

Ganz anders als diese beißende Luft. Alle meine Moleküle beginnen zu vereisen!
Doch diese Reise gefällt mir. Ich fühle mich mächtig.

Ich habe erzählen hören, dass viele einen Haufen Dollar bezahlen, um eine Reise wie diese zu machen!

Aber na ja, kalt ist etwas untertrieben. Ich würde sagen: eiskalt.

Ich spüre, wie alle Verbindungen steif werden und hoffe, dass mir nichts Ungewöhnliches zustößt. Das passiert mir zum ersten Mal. Und dann dieser Wind, der immer schneller wird! Ich fühle mich gar nicht wohl. Außer der Kälte spüre ich noch etwas anderes. Es wachsen mir sonderbare Formen, die länger werden und an denen sich kleine Krallen bilden. Meine Güte, was für eine Sensation!

Mir ist nicht mehr so kalt, aber ich begreife nicht, was vor sich geht.

Der Wind bläst nun nicht mehr. Er scheint verschwunden zu sein, wie von der Nacht verschluckt.

Meine Reise geht weiter, aber es ist nicht mehr die verrückte Fahrt von gestern, es sieht eher aus wie ein Tanz.

Mir kommt fast vor, als würde ich sinken, oder als ob der Berg emporstiege. Nein, ich bin es, die sich ihm nähert.

Ich fühle mich wie von einem Mantel umfangen, doch ich habe nichts an. Es muss die Kälte gewesen sein, die mir diesen Streich spielte. Ich muss allerdings sagen, dass es mir ganz gut gefällt.

Doch was schimmert denn da so hell? Sicher kein Strand, ich sehe kein Meer. So viel solches Weiß habe ich aber bestimmt noch nie gesehen. Es sieht aus wie eine riesige Wolke, die sich schlafen gelegt hat. Aber nicht die grauen Wolken. Duftige Wolken, voll wie ein Flötenkonzert, die dich einladen hineinzutauchen und sie zu umarmen.
Ich sinke jedoch weiter und der Tanz ist angenehm. Ich habe auch Zeit, mich ein bisschen zurechtzumachen nach dem ganzen Wind. Und ich kann das Tal sehen und die Hügel und in der Ferne andere Berge, an die ich nicht herankommen werde.

Gott sei Dank.

Am Beginn der Reise glaubte ich fast, ich würde mit ihnen zusammenstoßen, und nun schwebe ich immer langsamer dahin. Da ist nur etwas, das aus dem Wald emporragt. Es sieht aus wie eine Lanze, die zum Himmel zielt. Nein, es ist keine Lanze. Vielmehr ein Turm, der sich spitz den Wolken entgegenreckt, als ob er zeigen möchte, dass er, der Turm, sie immer überragen wird, egal, wie tief sie herabsteigen.

Jetzt spüre ich die Kälte von vorhin nicht mehr, eigentlich spüre ich nichts.

Das Geräusch der Wellen ist eine ferne Erinnerung und das Geschrei der Möwen wurde vom Pfeifen eines großen Vogels abgelöst, der seine Kreise zieht.

Noch ein paar Meter und ich komme zum Stillstand, neben anderen Schwestern im Kostüm, so wie ich.

Jetzt ist mir fast warm!

Es ist angenehm, nicht mehr den Wind zu spüren und vereint zu sein mit anderen, die mir ähnlich sind. Merkwürdig diese Stille ringsum und der Duft von Harz, den ich ganz stark wahrnehme.

Sicherlich kommt er von jenen Bäumen, die ganz anders sind als die, die ich kannte.
He, was sind das für Manieren! Du hast mich überfahren und entschuldigst dich nicht einmal? Was glaubst du denn, wer du bist!

Aber wer treibt sich denn bei so einer Kälte herum? Ich strecke mich und kann zwei parallel verlaufende Spuren sehen und vor diesen jene Silhouette, die mich überrannt hat.
Sie gleicht dem Mädchen im Meer, doch die war fast nackt, während diese hier in einem bunten Overall steckt. Du liebe Güte. Was ist denn heute los?

Und noch einer. Gib doch Acht, du bringst mir ja sämtliche Kristalle in Unordnung. Was die nur haben, dass sie so rennen!

Zum Schluss verschwinden beide im Wald und stoßen ihren keuchenden Atem in die Luft.
Danach nur mehr Stille.

Die Sonne ist in den Pyjama geschlüpft und hat sich schnell hinter den Bergen zu Bett gelegt, während es kälter zu werden beginnt. Ich schmiege mich an die anderen und verhalte mich ruhig.

Besser nicht den Kopf hinausstecken. Die Stille ist aber nicht so schwarz wie die Nacht.
Ich höre leise Musik. So wie damals, wenn die Flut stieg und begann, in jede Felshöhlung einzudringen, in jedes Loch und jede Spalte, um den Wassertieren das Leben zurückzubringen.

Die Musik kommt von einem Haus aus Stein und Holz, das von Laternen beleuchtet wird, die tanzen wie Sterne.

Ich sehe andere Menschenwesen, die sich hinter Fenstern umarmen oder die in bequemen Sesseln versunken sind und lächeln.

Ihren Gesichtern nach sind sie glücklich.

Um sie herum huschen unaufdringlich andere menschliche Wesen, die Ersteren helfen, es zu bleiben.

Schließlich schlafe ich ein und die Nacht vergeht mir.

Es wecken mich die Wärme der Sonne und das Rauschen anderer Läufer, die sich vom frühen Morgen an abplagen wie die von gestern. Die Szene wiederholt sich Woche für Woche, bis der Tag so klein wird, dass ihn die Nacht zu verschlingen scheint. Dann nimmt das Licht seltsamerweise wieder zu und die grauen Tage beginnen mit den sonnigen zu ringen. Es scheint gestern gewesen zu sei, dass ich auf dieser Wiese gelandet bin, dabei sind fast sechs Monate vergangen.

Endlich spüre ich die Gelenke knirschen. Höchste Zeit! Ich war schon dabei zu versteifen! Und ehrlich gesagt, sich jeden Morgen von den Sonnenstrahlen hätscheln zu lassen, erinnert mich an das Meer und ich beginne mich danach zu sehnen.

Was ist denn heute los? Hier bewegt sich alles und die Verbindungen lösen sich langsam.
Was für ein Genuss, sich nach so langer Zeit wieder zu strecken! Nicht mehr lange und ich kann wieder los.

Hurra! Wieder unterwegs. Kalt, es ist noch kalt, aber wenigstens wird mir warm, wenn ich mich bewege.

Ich bin in einem Rinnsal gelandet, das aus der Wiese in einen Bach mündet, und schieße so schnell nach unten, dass ich gerade noch ein Schild sehen kann: Vigiljoch. Wer weiß, was das heißt, ich kann aber sagen, dass der Ort schöner ist als der Name!

Das scheint mir nun weniger ein Rennen als vielmehr ein endloses Spiel zu sein.

Auf und ab, über lächelnde Steine gleiten, an denen ich abpralle und neuen Schwung hole.

Diesmal ist die Musik wirklich laut! Lauter fast als der Sturm.

Immer weiter und immer schneller geht es dahin und pfeift mir der Kopf vom Getöse.
Der Bach schwillt immer stärker an und manchmal hüpft er meterweit, bevor er breit wird, sich ein wenig ausruht und dann weitereilt. Ich kann mich nicht entscheiden, ob das schöner ist oder der Flug mit dem Wind.

Zum Schluss nehme ich einen Geruch wahr, den ich kenne. Er ist herb, aber angenehm, wie die Ruhe, die mich schaukelt.

Ich treibe noch ein paar Stunden dahin, bis ich fast zum Stillstand komme, dann spüre ich den Rhythmus der Wellen.

Das heißt, ich bin wieder zu Hause.
 
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