Stadt - Land - Berg

Therie Enn
10.02.2014
 
Stadt - Land - Berg
Ein Hauch von Grau bedeckte Maria’s Tag. Es war der Schatten jener staubigen Fassade von gegenüber, der sich in ihrem Blick spiegelte und wie ein Schleier aus Bleistaub alles überzog, was ihre Augen streiften. Selbst ihr hübsches Sommerkleidchen konnte dieser trüben Tönung des Tages nichts entgegensetzen. Man hatte für sie, dem heißen Julitag angemessen, dünne Baumwolle in Fliederfarben mit zarten Tupfen von dunklem Violett gewählt. Maria hatte eine trotzige Miene aufgesetzt und protestiert: „Mag ich aber nicht!“ Es hatte ihr nichts geholfen.
Farbig, bunter noch als das Kleid, waren auch die Spielsachen – die mochte sie auch nicht. Eben erst war diese Dame, die sich Elvira nannte, mit einem Ball, genäht aus getupften und karierten Flicken, vor Maria hingetreten. „Willst du spielen?“, hatte sie gefragt. „Nein!“, hatte Maria geantwortet. Und sie hatte gedacht: „Warum hat man dieser jungen Dame den altmodischen Namen ‚Elvira‘ verpasst?“
„Du sollst aber spielen!“, sagte Schwester Elvira jetzt!“
„Meine Schwester heißt Johanna“, dachte Maria. Und: „Elvira ist nicht meine Schwester!“
Der Sommertag hatte sich längst hinter den Mauern breit gemacht und die sonst so befreiende Kühle zerstört. Der Schweiß unter dem Fliederkleid ärgerte Maria. Und es ärgerte sie auch – sie wusste nicht warum – dass Hans, gleich neben ihr, Elviras Ball mit beiden Händen auffing. Man sollte träumen dürfen, wenn einem danach ist – in allen Sommerfarben oder schlicht in Grau! Jemand sollte das diesem dummen Hans sagen! Der aber ließ sich gängeln wie ein Hampelmann und schleuderte das dämliche Bällchen mal zu Klara, mal zu Otto – ganz wie die strenge Elvira es befahl. Der Anblick ließ Marias Laune einfrieren.
Und anschließend Mittagessen. Was wird wohl heute kredenzt werden? Reisbrei? Grießbrei? Oder gar Spinat? Spinat! Das wäre hervorragend! Maria drückte ein Lächeln weg, damit ihre Gedanken unbemerkt blieben. Einmal den Löffel gewendet, wie eine kleine Schleuder. Das Grün würde perfekt mit der Farbe der Tapete harmonieren!
Es gab Grießbrei. Schade.
Danach Toilette gehen. Alle.
„Warum gerade jetzt?“, dachte Maria. Weil später alle ihr Mittagsschläfchen halten sollten. Das hatte sich Schwester Elvira so ausgedacht.
Nicht schlafen, träumen wollte Maria. Wann immer sie träumte, mit offenen Augen, sah sie diesen wunderbaren Berg.
„Soll ich euch zum Einschlafen eine Geschichte vorlesen“, fragte Elvira. Die Stille ringsum fasste sie wie jeden Tag als euphorische Zustimmung auf. „Es war einmal hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen…“, begann sie.
An dieser Stelle eroberte sich Maria die Stille zurück. Manche Tiere können die Ohren schließen, wusste sie. Seelöwen? Murmeltiere sicher nicht. Solche gibt es aber hinter den sieben Bergen. Gämsen auch. Die können sicher nicht die Ohren schließen. Den Blick an die weiße Decke geheftet begab sich Maria auf eine fantastische Reise hinter den einen der sieben Berge, wo sie mit Gämsen um die Wette sprang, an Almrosen und Edelweiß schnupperte und einen Blick in die Höhle eines Murmeltieres warf.
„…und wenn sie nicht gestorben sind, …“
„Ich bin ein Seelöwe!“, begeisterte sich Maria, hoffend, sie hätte es nur gedacht und nicht freudig hinausgeschrien.
„Alles ausgeschlafen?“, fragte Elvira später.
Es gab noch immer diese Wand in Grau. Für Maria jedoch lag da nicht mehr der Schatten einer Fassade. Der Fels vor ihrem Traumauge war verziert mit Steinbrech und Edelrautenkraut, trockenem Moos und Kohlröschen, die im Gipfelwind wippten. Endlich fühlte sie auch das eiskalte Nass auf der Haut, den Handrücken hinauf bis zum Ellbogen, und schließlich auf den Wangen und im ganzen Gesicht. Die Quelle war zum Bach geworden, der Bach zum Flüsschen, das über Felsen Kaskaden warf. Das Rauschen übertönte alles. Vor allem Elviras Stimme.
Und Maria war im tosenden Bergwasserkonzert nicht allein. Ein warmer Finger wischte Tropfen von ihrer Wange. Der Duft des Anderen vermischte sich mit dem von wildem Thymian.
„So lasst uns nun mit unserem Nachmittagsspiel beginnen!“, waren Elviras Worte, welche Maria im Wasserfallgetöse nicht hören konnte. „‘Stadt – Land – Berg …‘ spielen wir heute.“ Ein Kreisel rollte über das Buchstabenbrett und kippte auf dem ‚O‘.
„Eine Stadt mit O, Klara?“
„O…O…O… Odessa!“, verkündete Klara.
„Bravo! Du darfst noch einmal, Klara! Jetzt sag uns ein Land mit ‚O‘!“
Marias Wasserfall verlief sich zwischen den weißen Felsen, die von den Wettern der Jahrtausende aus dem Bergmassiv gerissen über das Tal hingestreut lagen – von der Sonne heiß, und unten vom Gletscherwasser umspült. „Heiß, wie die Hand an der Wange“, dachte Maria, während diese Hand tastend den Hals suchte, die Schultern und alles, was da sonst noch war. „Nach unten wie das Wasser.“ Es gurgelte nun nur noch leise.
Laut sagte Klara: „Osttirol!“
„Aber Klara!“, erwiderte Elvira vorwurfsvoll. „Osttirol ist doch kein Land!“
„So wie Südtirol?“, dachte Maria. Und Hans rief dazwischen: „Osterinseln!“
Elvira wollte Ordnung – keinen Tumult. „Nein! Oder: Ja. Von mir aus. Also dann eben Osterinseln. Und jetzt du Maria! Ein Berg mit ‚O‘!“
Eben hatte die Hand einen Platz auf dem Bauch gefunden. Das war nicht Marias Hand. Sie hatte in die Obstschale gegriffen, und während der Bach in ihrem Kopf immer leise plätscherte und die Hand – es war nicht die ihre – sanfte Kreise über ihren Bauch zog, schälte sie eine Banane.
„Ortler!“, sagte Maria. Endlich war ihr der Name des Felsriesen eingefallen.
„Prima! Du darfst noch einmal!“, hörte sie dumpf zwischen Bachmurmeln und Laubrauschen im Tal Elviras Stimme: „Ein Fluss mit ‚O‘, Maria! Nenn uns einen Fluss mit ‚O‘!“
Oskar war der Name zu dieser zarten Hand! Oskar – der Inbegriff der Sehnsucht! Das war Liebe am Ufer dieses namenlosen Flusses, entsprungen aus der namenlosen Quelle …
„Maria!“ Fordernd war Elviras Tonfall nun. „Ein Fluss mit ‚O‘!“
„Orgasmus“, sagte Maria.

Später am Abend tat Elvira, was sie am liebsten tat: Die Ereignisse des Tages tabellarisch in Dateien bannen. Unter die Rubrik ‚Maria Kollmar, geboren 1923‘ schrieb sie an diesem Tag: „Abnehmende Konzentrationsleistung, gelegentlich aufmüpfig bei therapeutischen Spielen, fortschreitende Demenz.“
 
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