Stanko stapelt lieber Liebe

Anna Maltschnig
27.02.2019
 
Stanko stapelt lieber Liebe
Stanko hatte es nicht nötig, sich größer zu machen als er war.
Was sollte das auch bringen, wo er doch tagaus, tagein im
Sitzen zubrachte; unbemerkt von der Außenwelt, hinter
blickdichten Plastiklamellen. Neonbeleuchtete Lagerhallen
waren sein Zuhause, Paletten und Pakete seine Ansprache, der
Gabelstapler sein einziger Kamerad.
Nur selten verirrte sich jemand in den „Fuchsbau”, wie man das
Lager der Möbelfirma, in dem Stanko arbeitete, liebevoll
nannte. Nur zur Inventur stolperten ein paar Mitarbeiter vom
Entwicklerteam die Kellerstufen hinunter und waren trotz
Handy-Taschenlampe sehr schnell sehr hilflos. Sie irrten in
den Labyrinthgängen des Lagers umher, aus denen nur Stanko den
Ausweg wusste. Deshalb war es ratsam, nett zu Stanko zu sein,
sofern man nicht länger in den Irrwegen zubringen wollte, als
einem lieb war.
Zu diesen Zeiten, denen die Mitarbeiter aus der Entwicklung
eher mit Schrecken entgegensahen, blühte Stanko erst so
richtig auf. Inventur, das war für Stanko quasi wie Tag der
offenen Tür. Bereitwillig gab er Auskunft über Lage und Anzahl
der gebunkerten Paletten. Endlich konnte er zeigen, was in ihm
und seinem Gabelstapler steckte; einmal im Jahr konnte er
seine verborgene Tätigkeit für die Außenwelt sichtbar machen.
Den Rest des Jahres war es ziemlich still um Stanko. Außer
den quietschenden Reifen des Gabelstaplers beim Vor- und
Zurückschieben der Ware war selten ein Laut zu hören. Es kam
schon einmal vor, dass er sich dabei ertappte, wie er mit den
Paketen zu reden begann: „Was bist du für einer? Wo musst du
denn hin?” Antworten bekam er freilich keine. Manchmal
verirrten sich auch Mäuse hierher und knabberten vorfreudig
eines der Pakete an, ließen aber schnell wieder von ihnen ab,
wenn sie merkten, dass sie es nicht mit Essbarem zu tun
hatten. Eigentlich hätte Stanko den Mäusebesuch schleunigst
melden müssen, doch in seinem Eremitendasein erfreute er sich
an der kleinen Nagergesellschaft.
Stanko hatte hier zweifellos viel Zeit zum nachdenken.
Manchmal zu viel. In dieser unwirtlichen wie unwirklichen
Umgebung konnte die Grenze zwischen Realität und Einbildung
schon einmal verschwimmen. Vieles schien möglich zu sein.
Vieles unmöglich. Eine Leiche hier unbemerkt verschwinden zu
lassen, zählte beispielsweise zu den möglichen und gar nicht
so abwegigen Dingen; einmal die Damenwelt mit seinen
Staplerfähigkeiten zu beeindrucken eher zu den unmöglichen.
Gestern erst hatte er dank seinem fahrbaren Untersatz 80
Paletten von „A” nach „B” geschlichtet. Das machte insgesamt
ca. 1000 Pakete pro Tag. Nur, ob man die Damenwelt heutzutage
damit beeindrucken konnte, schien fraglich. Deshalb musste in
der Mittagspause auch die Kollegenschaft herhalten; die könnte
seine Leistung ohnehin viel besser beurteilen. Voller
Begeisterung erzählte Stanko im Gemeinschaftsraum von seinem
neuen Stapelrekord. Doch die Mitarbeiter zeigten sich nicht
sonderlich beeindruckt. Die hatten ihre Begeisterungsfähigkeit
schon vor Jahren am Garderobenspind abgegeben und knabberten unbeteiligt an ihren Pausenbroten.
Also musste sich Stanko, zurück in seinem Kellerloch, für sich
selbst freuen. Was blieb ihm auch anderes übrig. in Momenten
wie diesen fühlte sich Stanko einsam. Wenn er sich frühmorgens
für den Dienst bereit machte, war es dunkel und wenn er abends
fertig war, auch. In seinem Liebesleben schaute es ähnlich
düster aus. Triste Bedingungen, wohin man blickte.
Eines Morgens hörte er seit langem wieder jemanden die
Kellerstufen hinabsteigen, doch die Schritte hörten sich nicht
wie bekannte an. Wenn man tagein, tagaus nicht viel zu sehen
bekommt, werden andere Sinneswahrnehmungen geschärft; so war
es auch bei Stanko. Er erkannte jeden Mitarbeiter an seinem
individuellen Stiegenschritt. Damit könnte er eigentlich bei
„Wetten, dass, …?” auftreten, dachte er für sich.
Wenn die Schritte also nicht der Kollegenschaft gehörten, wem
gehörten sie dann? Stanko hörte diesmal besonders genau hin.
Die anfänglich beschwingten Schritte wurden langsamer und
hörten schließlich auf, sobald sie am Betonboden des Kellers
zu stehen kamen. Dann erhellte eine Frauenstimme den Raum:
„Herr Stanko, wo sind Sie denn?” Das Echo von Frau Steffi
schlug sich nicht nur an der kalten Mauerwand wider, sondern
traf Stanko mitten in die Brust. Etwas verunsichert und
neugierig zugleich trat er aus seinem Versteck hervor und
schüttelte Frau Steffi verlegen die Hand.
Frau Steffi war überraschend interessiert und behandelte ihn
nicht von oben herab; auch wenn sich das durch die baulichen
Gegebenheiten und ihre Stellung in der Firma durchaus
angeboten hätte. Frau Steffi wollte wissen, wie viele Paletten
Stanko tagtäglich mit seinem Gabelstapler hievte. Welchen
Antrieb der Gabelstapler hatte und welche maximale Hubhöhe er
schaffte. Stanko war verdutzt. So tief hatte noch keine Frau
gegraben. Frau Steffi war hierher bestellt worden, um
gemeinsam mit Herrn Stanko die Lagerverwaltung zu optimieren.
Doch das war Stanko nicht genug. Er wollte sich selbst
optimieren. Für Frau Steffi. Diesmal wollte er über sich
hinauswachsen, ein Lichtstrahl gegen den „Lagerkoller”; das
wollte er sein.
Stanko versprach nicht zu viel. Er strotzte vor Selbstauskunft. Er wollte beweisen, dass er nicht nur etwas von seinem Fach verstand, sondern darüber hinaus auch noch eloquent und sozialkompetent war. Dabei halfen ihm die fiktiven Gespräche mit seinen Paketen. Aber das musste er Frau Steffi ja nicht gleich auf die Nase binden. Vielmehr wollte er ihr etwas an den Finger, genau genommen, Ringfinger stecken; so stark hatte es Stanko erwischt.
Wenn Stanko von der großen Liebe träumte, dann träumte er
davon, seine Angetraute mit dem Gabelstapler im Slalom durch
die Lagerhallen zu fahren, das Unendlichkeitszeichen am Boden
immer wieder aufs neue nachzuziehen. Hoch und runter heben
würde er Frau Steffi. Und auf maximaler Hubhöhe würde er sie
auf einer der Paletten absetzen; in einem Pappkarton wäre dann
der Ring versteckt. Frau Steffi würde er erst wieder mit dem
Gabelstapler herunterholen, wenn sie „ja” gesagt hätte; sonst
würde er sie noch ein Weilchen da oben schmoren lassen. Diese
Variante wäre freilich weniger romantisch.
Als Frau Steffi mit ihren Notizen fertig war, führte sie
Stanko wieder auf den Kellerboden der Tatsachen zurück. Sie
bedankte sich für seine Auskunft. Sie müsse das Geschriebene
erst verarbeiten; das könnte dauern. Die Zettelwirtschaft auf
ihrem Bürotisch würde ungeahnte Ausmaße annehmen; Pläne, die
sich ins Unendliche stapeln. Stanko verstand vollends. Sie
waren beide auf ihre Art Stapelnde; sie per Hand, er per
Maschine; auch er musste das Geschehene erst verarbeiten,
solange Frau Steffi, solange sie nur wiederkommen würde …
 
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