Stink Bugs

Angela Kreuz
16.02.2017
 
Stink Bugs
„Jemand sollte das Fliegengitter schließen.“
Mrs. Anderson thronte stocksteif in ihrem Sessel und starrte auf eine Wanze. Sie ekelte sich vor diesem Insekt. Der Panzer hatte die Farbe von abgestandenem Mokka, in dem saure Milchflocken schwammen. Unvermittelt flog die Wanze auf und brummte durchs Zimmer. Das Geräusch erschreckte sie fürchterlich, es erinnerte sie an etwas, das sie öfters im TV gesehen hatte, es war lange her; wieder und wieder waren diese Hubschrauber über den Bildschirm geflimmert, gefolgt von Detonationen. Sie wusste es nicht mehr.
Cora kam die Treppe herab und schloss die Türe. Sie sammelte die Wanzen in ihrer Faust, öffnete das Fenster und warf sie hinaus.
„Ist alles in Ordnung, Ma’am?“
Die alte Dame sah sie nur an und antwortete nicht. Cora zuckte mit den Schultern, ging in die Küche und kochte Kaffee.
Mrs. Anderson ließ die Hände in den Schoß sinken und wartete. Das brodelnde Geräusch mit dem langgezogenen Pfiff kam ihr irgendwie bekannt vor, doch sie wusste nicht mehr, was es bedeutete, der Zusammenhang erschloss sich nicht. Ob die fremde, farbige Person jemals wiederkäme? Wo war sie nur hingegangen? Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis Cora mit dem Geschirr an ihr vorüberging.
„Kommen Sie, ich habe einen Kürbiskuchen gebacken.“
Cora schob den Sessel, der auf Rollen lief, in den Wintergarten.
Hinter der Fensterfront hatten sich die Ahornbäume rot gefärbt, ein flammendes Purpurrot, das beinahe überirdisch leuchtete. Die zweigeteilten Blätter des prächtigen Ginkos waren noch grün und gingen leicht ins Gelbe über. Früher hatte Mrs. Anderson einen Malkurs besucht, sie wollte die wunderbaren Herbstfarben der Blue Ridge Mountains auf der Leinwand festhalten, doch nie war es ihr so gelungen, wie sie es beabsichtigt hatte. Blau waren die Berge nur aus der Ferne, ein dunstiges Blau, geheimnisvoll wie ein Zauberwald.
Sie griff nach der Tasse, ihre Hände zitterten und das Porzellan klapperte gegen den Silberlöffel.
„Sind wir in einem Café?“
Mrs. Anderson blickte sich um.
„Sicher“, sagte Cora und lächelte. „Im Café Wintergarten.“
„Ein hübscher Ort.“
Mrs. Anderson schaute in das schwarze Gesicht mit den weißen Zähnen.
„Und Sie sind die Bedienung?“
Cora tippte auf den Teller und setzte sich.
„Vergessen Sie ihren Kuchen nicht.“
Sie schaltete das Radiogerät ein und ging in die Küche, um Sahne zu schlagen. Nach der vertrauten Tangomusik folgte eine Sendung mit Mrs. Andersons Lieblingsmoderator. Er befragte eine Künstlerin zu ihrem neuen Projekt, einer Bilderserie aus Fotografien, die mit Texten überschrieben waren. Inspiriert hatte die Künstlerin ein einschneidendes Erlebnis während ihres letzten Mexikoaufenthalts. Sie war mit ihrem Mann in die Berge gefahren, ein Schild hatte vor der Zona de Niebla gewarnt, was sie zunächst nicht verstanden hatte; ihr Spanisch war dürftig. Plötzlich hatten sie sich im dichtesten Nebel wiedergefunden. Unsicher, wo die Straße aufhörte, fuhren sie, aus Angst die Serpentinen hinabzustürzen, im Schritttempo. Sie befürchtete, dass ein ortskundiger flotter Fahrer hinter ihnen auftauchen könnte. Während die Künstlerin auf dem Beifahrersitz kauerte und Todesängste ausstand, dehnte sich die Zeit ins Unendliche. Als sie endlich aus dem Nebel auftauchten, schauten sie hinab auf die Nebelzone, die sich wie ein Ring aus trügerischer Zuckerwatte um die Berge gelegt hatte.
„Aber – das ist meine Tochter“, rief Mrs. Anderson, als Cora mit einer Schüssel zurückkam.
„Das ist sie nicht.“ Cora beförderte mit dem Löffel Sahnehäubchen auf die Kuchenstücke. „Regen Sie sich nicht auf.“
„Ich kenne doch ihre Stimme!“
Vielleicht hatten die Stimmen eine gewisse Ähnlichkeit, die Tochter rief immer zu Weihnachten an, pflichtschuldig, als kostete es sie große Überwindung. Obwohl Cora seit über dreißig Jahren bei Mrs. Anderson angestellt war, hatte sie ihre Tochter nie zu Gesicht bekommen. Sie schaute auf die Geburtstagskarte, die an der Vase lehnte – jedes Jahr der gleiche Text.
Die beiden Söhne waren im Vietnamkrieg gefallen, ihre gerahmten Bilder hingen im Treppenaufgang. Für die alte Dame waren Tim und Bob bis heute strahlende Kriegshelden geblieben. Tochter Nancy hatte damals gegen den Krieg protestiert und war auf Demonstrationen mitmarschiert. Ihre Fotos bewahrte Mrs. Anderson in einer Schachtel im Gästezimmer auf.
Trotz allem fühlte Cora für die alte Dame Mitleid.
„Die soll sich hier bloß nicht mehr blicken lassen“, echauffierte sich Mrs. Anderson, sie schaute grimmig und zugleich unendlich traurig drein.
Die Haushälterin schaltete das Radio ab und fragte in die erdrückende Stille: „Wollen Sie noch Kaffee?“
„Lassen Sie das an!“
Mrs. Anderson fummelte an den Knöpfen. Eines Tages hatte die Tochter im Zorn das Haus verlassen und war nicht mehr wiedergekommen; danach hatte Mrs. Anderson Cora eingestellt. Offensichtlich war der Sender verdreht, eine Nachrichtensprecherstimme kam aus dem Lautsprecher.
„…der erste schwarze Präsident der vereinigten Staaten von Amerika. Zitate aus Reden setzten ein. Die meisten von euch wissen, dass ich von Beginn an gegen diesen Krieg war. Ich dachte, dass er ein tragischer Fehler war...“
„Soweit kommt es noch“, keifte Mrs. Andersons und drehte wieder ungeschickt an den Knöpfen. „Dass einer von diesen Negern Präsident wird!“
„Es ist endlich soweit“, bemerkte Cora trocken.
Sie dachte an ihre Urgroßmutter, die noch als Sklavin geboren worden war.
„Das gibt es nicht! Dann sollen sie den Neger erschießen!“
Cora stand wortlos vom Tisch auf und ging in den Garten. Mrs. Anderson starrte ihr durchs weitgeöffnete Fliegengitter nach, bis sie hinter dem Gatter verschwand.
Ein paar Brummer flogen herein. Die alte Dame schlug nach einem, der auf ihrem Arm saß; es stank bestialisch.
Mehr und mehr Wanzen kamen ins Haus. Eine landete auf ihrem Hals und versuchte, ihr übers Gesicht zu krabbeln. Mrs. Andersons schrie auf.
„Jemand sollte…“
Doch Cora hörte sie nicht mehr.
 
Twitter Facebook Drucken