TÜTEN-PIET

Lisa Echcharif
20.02.2018
 
TÜTEN-PIET
Schon als ich meine Ecke im Stadtpark verlasse, spüre ich dieses Ziehen in meinem linken kleinen Finger. Meine Ecke, ja! Ich bin nicht gerne unter den anderen. Auch wenn das sicherer wäre. In meiner Lage. Ich bin lieber für mich. Die anderen halten mich für einen Snob. Du wirst schon sehen, was du davon hast.

Das Ziehen in meinem linken kleinen Finger, der aus dem zerschlissenen Handschuh hervorlugt, verstärkt sich. Ich reibe meine Hände. Wärme soll das Ziehen vertreiben. Ich hätte besser auf das Ziehen gehört. Bevor die sich grölend überschlagenden Stimmen es überdecken und der harte Schlag meines Herzens das Kommando übernimmt. Jetzt schließt sich mein linker kleiner Finger mit all den anderen fester um meine Tüten.
„Hey, Jungs! Der Penner da vorne hat bestimmt noch Alk übrig! Kommt!“
Schon ist der achtarmige Krake über mir, zerrt an meinen Tüten. Verschlingt mich mit Haut und Haar. Ich habe nichts, will ich schreien. Mein Mund weigert sich. Die ersten Tüten reißen. Teile von mir rollen über den Weg.
„Hey, wo hast du deinen Stoff versteckt, Alter?“
Der saure Atem der jungen Männer schlägt mir ins Gesicht.
Die nächste Tüte platzt. Ich löse mich auf. Nein! Ich muss mich befreien. Einer legt mir ein Bein. Schmerz rast durch meinen Knöchel, das Bein hinauf. Ich falle. Wieder einmal.
„Halt! Sofort aufhören!“
„Verzieh dich, Alte. Kümmere dich um deinen eigenen Dreck!“
Jetzt wird die Frau aufgeben. Ich kenne das Spiel. Die jungen Männer auch.
Doch ihre Stimme lässt mich hochschauen. Alles an ihr, bis hin zur Studentenumhängetasche wirkt praktisch. Dabei ist sie bestimmt an die Fünfzig und sie steht völlig ruhig da. Klirrend wie vereistes Metall, ohne den Hauch von Angst spricht sie in ihr Handy. „Müller, guten Tag. Im Stadtpark südlich des Kiosks wird ein Mann überfallen.“
Sofort lässt einer der Männer von mir ab und geht drohend auf sie zu. Aber noch während sie sich ruhig in Richtung der aufgelaufenen Gaffer bewegt, pfeift ihn einer seiner Kumpel zurück.
„Kommt, wir verschwinden. Da ist eh nichts zu holen!“
Als Gruß gibt er mir noch einen Tritt mit, den meine Tüten abfedern.
Schon erscheint das praktische Gesicht über mir. Zwei Hände strecken sich mir entgegen.
„Alles in Ordnung? Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf. Geben Sie mir Ihre Hand.“
Ehe ich reagieren kann, zieht sie an meinen Händen. Auch ihr Griff ist praktisch. Meiner schließt sich fester um meine Tüten.
Der Schmerz in meinem Bein lässt mich aufstöhnen.
„Oje, sind Sie verletzt?“ Sie lässt von meinen Händen ab, zieht aber jetzt an meinen Tüten. „Wir müssen Sie von dem Zeug befreien, um zu sehen, was passiert ist.“
Eine Dose Cola rollt über den Weg.
„Nein! Weg!“, krächze ich. Mehr bekomme ich nicht heraus. Sie darf nicht an meine Tüten.
Alles in mir schreit Gefahr. Ich werde meine Sachen verlieren. Sie werden sie mir nehmen, mich ohne alles zurücklassen. Wo ist die wichtigste Tüte? Was ist überhaupt drin in den Tüten? Ich weiß es nicht bei allen. Sie dürfen nicht hineinsehen, niemand soll sehen, was ich mit mir herumschleppe.
Ich versuche, die Praktische wegzuschieben. Irgendwo lacht jemand.
„Wenn Sie nicht wollen, kann ich nichts für Sie tun“, sagt die Frau, lässt mich los und geht weg. „Da vorne“, höre ich sie. „Er will sich nicht helfen lassen.“
Dann stehen zwei Polizisten vor mir. Ich möchte mich aufrichten. Der Schmerz und meine Tüten verhindern es.
„Bist du in Ordnung?“, fragt ein Polizist. Ich nicke.
„Hier kannst du aber nicht sitzenbleiben“, meint der andere und schon greifen sie mir unter die Arme und heben mich hoch. Als sie merken, dass ich nicht laufen kann, gehen sie an meine Tüten.
Nein, nicht meine Tüten. Ohne sie bin ich nichts. Unter all den Habseligkeiten bleibt nichts übrig. Alle werden sehen, dass da nichts ist, armseliges Nichts. Nackt werde ich vor ihnen stehen. Man kann sich nicht nackt in der Öffentlichkeit zeigen. Nackt ohne Wärme, ohne Schutz, ausgeliefert dem Wind, den Blicken der anderen.
Ich habe gar nicht bemerkt, wie ich um mich schlage. Bis ich auf einmal meinen Namen höre.
„Piet!“
Renate. In ihrem grauen Wollpullover, der nach Bratfett und Heimat riecht, steht sie vor mir. Die von der Kälte geröteten Wangen leuchten mit ihren roten Haaren um die Wette.
„Piet. Alles ist gut. Niemand wird dir deine Tüten nehmen.“
Ich sehe sie an.
„Ich passe auf. Sie bringen dich zum Kiosk, okay?“
„Aber er braucht einen Arzt“, sagt einer der Polizisten, als ich endlich auf der Bank vor Renates Kiosk sitze.
„Ich kümmere mich darum“, sagt sie.
Endlich Ruhe.
Renate drückt mir einen Becher Kaffee in die Hand. „Soll ich dich fahren?“
Ich schüttle den Kopf.
„Du sagst Bescheid, wenn du soweit bist.“
Das Ziehen in meinem kleinen Finger ist weg. Renate auch. Feierabend. Es dauert fast zwei Stunden, bis ich begreife, dass sie die Tür zum Lagerraum aufgelassen hat. Und dann noch eine halbe, schmerzvolle, bis ich in meine Decke gerollt auf den Lagerraumboden liege. Meine Tüten in Griffweite. Vielleicht lasse ich mich morgen von Renate zum Arzt bringen.

 
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