Tatkräftige Venus

Monika Brigo
10.02.2014
 
Tatkräftige Venus
Venus sehnt sich nach einem Geliebten. Sie wirft schmachtende Blicke, die unsichtbar bleiben. Also versucht sie es mit Bekanntschaften aus der virtuellen Welt, sie schreibt einsamen Wölfen aus Singlebörsen. Es bleibt meist nur beim Schreiben, da virtuelle Wortzauber Fantasiegeschwüre und Herzrasen verursachen und einem leibhaftigen Näherkommen im Wege stehen, es sogar unmöglich machen können.
Einmal gelingt es Venus, den Zauberbann der Worte zu brechen und eine leibliche Begegnung zu beschwören.
Der Schreck sitzt ihr noch immer in den Gliedern.
Am meisten störte sie sein Geruch: Schweiß und kalter Rauch mit einem Hauch von feuchter Wäsche. Wenn er lächelte, spreizte er seinen Mund, so dass sie die Schärfe seiner Haifischzähne fast spüren konnte.
Ungeniert legte er Venus die Hand aufs Knie. Keines der Worte, die er sprach, erinnerte in irgendeiner Weise an sein Schreiben. Als Venus stotternd danach fragte, lachte er breitspurig:
„Dafür gibt es Dichter und bestechliche Sekretärinnen!“, seine Hand knetete ihren Oberschenkel.
Venus verbat sich die Zutraulichkeit.
„Ich steh auf Zicken!“, stöhnte er in ihr Ohr. Seine Hand klebte ungerührt an ihrem Bein fest.
Venus schüttete Wein über seinen Kopf und verließ mit zitternden Knien das Lokal.
Zuhause löschte sie ihre Mailadresse.
Zäh und gnadenlos haftet die Sehnsucht an ihr. Kraft ihrer Hände will sie nun der Liebe zu Leibe rücken. Mannshoch ist das Gerüst, das sie aus Draht erschafft. Aus zerfetzten Liebesromanen, Liedern, Gedichten und Sonetten kleistert sie papierene Haut auf das Drahtgestell.
Drei Tage klebt, reißt und bespricht Venus Papier und Draht. Dann ist es soweit: vor ihr steht leibhaftig ein Mann aus Papier.
Sie bemalt ihn wie einen bunten Hund, sieht, dass ein wichtiges Glied fehlt, knetet es aus Henry Millers Wendekreisen und ihren eigenen Tagebüchern, als sie in konspirativer Vertrautheit mit der Welt lebte und ein erfahrener Liebhaber ihre Horizonte dehnte.
Tom Waits plärrt mit rauer Whiskystimme Männlichkeit in Venus’ kleine Wohnung.
Dazu benötigt sie drei weitere Tage.
Am siebten Tag beäugt sie kritisch ihr Werk. Das übernatürliche Licht verliebter Torheit spiegelt sich darin wieder.
Und Venus erkennt, dass ihr Werk Sinn macht. Sie legt sich aufs Sofa und schläft schnell ein.
Schnarchen und ein scharfer Traum zerren den papierenen Mann näher an die Schlafende.
„Chrrr, chrrr,…“
Traumgespinste wiegen ihn in knisternde Zärtlichkeit. Leiser Fischgeruch liegt in der Luft. Wie immer. Im Fenster steht die Nacht und wartet.
„Chrrr, chrrr, ...“
zersägt der schlafenden Venus zaubervorlauter Mund die finstere Stille. Unaufhaltsam schnarren Töne durch die Luft, schaben gegen Fenster, prasseln auf papierene Haut, rütteln am Drahtgerüst, donnern in den Innenraum der Kreatur – und ankern ein Herz aus Klang.
Der bedruckte Mann schnappt, erst geboren, nach Venus` Schnarchen, küsst jeden Ton aus ihrem Mund und schüttet über die Schlafende ein Meer aus Poesie.
„Chrrr, chrrr,…“
Und als Venus sich in der Früh aus der papierenen Umarmung befreit, kleben ihre Augen am Traumbild.
Verkleistert stolpert Venus durch die Arbeit, stopft Fischleiber in die Taschen schwatzender Kundinnen. Jedes Knistern lässt sie erschauern.
Nachts schnarcht sie den Mann aus Papier lebendig, er erbricht Wortschlaufen und wandelt ihren Leib in Poesie. Zärtlich sägt er Worte in ihre Ohren. Die Mängel des Geliebten übertönt sie mit Lustgesängen.
Sie wühlen sich ineinander, Wochen lang, jede Nacht ist ein papierknisterndes Fest der Liebe. Vielleicht ist sie glücklich. Rilke säuselt er ins Ohr und Neruda, manchmal ist da Villon. Dass er nicht nur aus Papier besteht, sondern auch aus Fantasie, beweist er mühelos. Manchmal wälzt er sich dekorativ auf dem Sofa. „Ein paradiesischer Zustand!“ seufzt Venus laut.
Dass das Paradies aus Papier und Träumen gemacht ist, stört Venus nicht. Sie zeigt ihm die Straßen der Stadt und spürt seine Sehnsucht, die Welt zu fassen. Wundersame Geschichten aus ihrem Mund mehren sein Staunen und seine Liebe. Die ersten Abnutzungserscheinungen übersieht sie geflissentlich. Dass er Worte verschluckt, nicht mehr in Reimen spricht und ihren Namen vergisst, verzeiht sie gnädig. - Eine Weile. - Dann zerfleddert er, zunächst leibhaftig, schließlich stolpert er über jedes Wort.
Venus trotzt, zerreißt verzweifelt Gedichte, Theaterstücke, Liebesromanzen, repariert. Selbst zärtlichste Berührung verletzt die papierene Haut. Er spuckt bedruckte Papierschlangen, ungereimt, manchmal schafft es noch ihr Schnarchen ihn ein wenig aus der Reserve zu locken und hingebungsvoll zu krächzen.
Venus weint, die Tränen erweichen Kleister und Papier. Er zerfällt zu schnell. Da rotzt sie hingebungsvoll nur mehr in Träumen.
Eines Morgens aber erwacht Venus unversehens früh. Ein Drahtgerüst liegt da, mannshoch, nackt. Alle Worte sind von ihm abgefallen. Es ist vorbei.
 
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