Teamgeist

Annette Rubin
10.02.2014
 
Teamgeist
Kallweit hatte die Schnapsidee mit dieser Tour gehabt. Da musste er als Kallweit’s
Stellvertreter natürlich mitziehen. Die elf Mitarbeiter trafen sich an diesem
Sonnabendmorgen an der Talstation der Seilbahn. Die meisten waren gut gelaunt, die
anderen taten so als ob. Er dachte mit Sehnsucht an sein Bett, an das gemütliche
Frühstück mit Britta und an das Tennismatch mit seinem Nachbarn, das er deshalb
absagen musste.
Teambuilding und Survivaltraining waren das Ziel. Das war auch nötig. Denn mehr als
die Hälfte der Mitarbeiter war im letzten Jahr neu dazugekommen. Einer ehrgeiziger als
der andere. Kallweit liebte solche Mitarbeiter. Doch es knirschte in der täglichen
Zusammenarbeit. Einzig mit Hella, der Sekretärin von der Zeitarbeit, konnte er mal
einen Scherz machen. Kallweit, Hella und er waren etwa gleich alt. Die Neuen waren
mehr als zwanzig Jahre jünger. Es glich einem Wunder, dass Kallweit einen wie
Gladisch, Anfang fünfzig, wortkarg, keiner der bei den Gesprächen und Hobbys der
Jungen mitmischte, eingestellt hatten. Gladisch war Maschinenbau-Ingenieur mit
Erfahrung in der richtigen Sparte und genau den brauchten sie für das neue Projekt. Die
Unternehmensberatung hatte zwar genügend Kunden und Aufträge, doch die
Konkurrenz schlief nicht. Erst vor wenigen Wochen hatten sie einen großen Utility-
Kunden verloren. Jeder musste sein Bestes geben und das Team nochmals das
Doppelte, so die Devise.
Alle trugen Rucksäcke. Er hatte sich das Seil geschnappt, denn sie wollten den Fluss,
der jetzt im Mai breit und reißend war, mit Hangeln am Seil überqueren. Das klappte
gut, sie halfen sich dabei gegenseitig. Dann stiegen sie zur Berghütte auf. Dort war die
Übernachtung geplant; sie war mit dem Nötigsten ausgestattet. Sie saßen auf dem
Vorplatz beieinander. Der Hüttenwirt tischte ihnen ein bescheidenes Abendbrot auf.
Bierflaschen kreisten. Zuerst ging es um die Projekte, die jeder stemmte, dann wurde es
lauter und privater.
Er war müde und hätte sich gerne auf die Holzbank hinter der Hütte gesetzt und in das
abendruhige Tal gesehen, seinen Gedanken nachgehangen. Doch das hätte einen so gar
nicht teambildenden Eindruck erweckt. In der aufziehenden Dämmerung tschilpten
einige Schwalben und auf der Wiese mit den Butterblumen brummten letzte Hummeln. Die
Ruhe hier oben erinnerte ihn an seine Kindheit. Er war in einer Kleinstadt
aufgewachsen. Während sich seine Mutter mit der jüngeren Schwester beschäftigte,
spielte er auf der Wiese hinter dem Mietshaus. Nichts war an jenen Morgen zu hören
als das Vogelgezwitscher und die Bienen, die über dem Klee surrten.
Er hörte wie Gladisch’s Name genannt wurde und dann ein kollektives Lachen. Wo war Gladisch eigentlich? Die anderen waren ihm jetzt egal, er würde sich auf die Bank hinter der
Hütte setzen. Er entfernte sich und steuerte auf die Hütte zu. Als er um deren Ecke bog,
saß Gladisch dort und starrte in die Weite.
"Schöne Aussicht von hier, nicht wahr?", fing er an.
"Die kenne ich."
"Wie das?"
"Wir wohnten hier oben, ganz in der Nähe. Mein Großvater hatte eine der Wiesen noch
beackert."
"Dann sind Sie von hier?"
"Damals wollte ich bloß weg hier, keine Landarbeit machen. Und die Ruhe war
Friedhofsruhe. Unsere Youngsters", er wies mit dem Daumen hinter sich, "sehen das
auch so."
"Ja, hier oben fällt so einiges von einem ab, man kommt auf ganz andere Gedanken. –
Wie haben Sie sich bei uns eingelebt?" Er wusste, dass Gladisch in dem knappen Jahr
zwar notwendige kollegiale Kontakte geknüpft hatte, jedoch keine freundschaftlichen.
Zum Mittagessen hielt er sich bei privaten Themen zurück. Autos, Bars, Geldanlagen
waren nicht sein Metier. Einmal erzählte Gladisch, nicht ohne Humor, wie er am
Wochenende mit seiner Freundin in einem Faltboot auf dem See unterwegs und
eingeregnet war. Richtig Lust hatte er bekommen, auch so eine Tour zu machen.
Gladisch lud ihn sogar ein, das nächste Mal mitzukommen. Er hatte abgelehnt. Das
fehlte noch, Freundschaft mit einem Außenseiter. Außerdem war Britta das zu
unbequem.
"Ich weiß, mein Integrationsfaktor könnte höher sein."
"Sie müssen ja nicht mit allen ..."
"Ich schätze die jungen Kollegen, sie packen die Aufträge ohne Zögern an, machen ihre
Späße dabei. Das gefällt mir. Ich prüfe jeden Witz erst auf seine Erdanziehungskraft."
Er schmunzelte. "So gesehen sind wir doch ein Team."
Er staunte über Gladisch, dass dieser über das Team nachdachte.
"Die lachen manchmal auch über Sie."
"Das weiß ich. Damit komme ich klar. Haben wir früher auch über die Älteren."
"Und ... wann fahren Sie mit dem Boot wieder los?"
"Erst mal nicht, denn Inka hat sich das Handgelenk gebrochen und allein macht es nicht
solchen Spaß."
Das hätte er von Gladisch nicht gedacht. Ärgerlich, neulich hatte er ihm abgesagt.
Inzwischen war es dunkel geworden.
"Ja dann, ... morgen früh letzte Etappe. Ich geh schlafen."
Am Mittag des nächsten Tages hatten sie ihr Ziel erreicht, einen Pavillon mit großen
Glasfenstern und grandioser Aussicht auf die Nachbaralmen, in dem es das
gemeinsame Mittagessen geben sollte. Kallweit stand mit ihm am Geländer und beide
sahen in die umliegenden Täler, auf die Bergwiesen voller blauer Glockenblumen,
gelber Himmelschlüssel, weißer Margeriten und auf einen kleinen See.
"Also mit dem Gladisch haben wir uns getäuscht, der passt nicht ins Team. Ich dachte,
der taut auf, aber er ist ein Kauz.", fing Kallweit an. "Liegt sicher auch am Alter."
Ihn fröstelte. Gladisch war zwei Jahre jünger als er.
"Wie weit ist er mit dem Auftrag Bergsson?”
"Er arbeitet noch dran."
"Hat er sich wieder verrechnet?" Er erschrak, wenn Kallweit so fragte, stand es schlecht
für Gladisch. Dieser hatte sich verrechnet, weil er ihm die falschen Zahlen für die
Maschinenrüstzeiten geliefert hatte. Das hatte Gladisch erkannt, mit Windeseile die
Berechnungen korrigiert und noch eine Ablaufphase eingespart.
"Nein, er ist gründlich. Und rechtzeitig fertig geworden ist auch."
Kallweit ließ nicht locker. "So ein Fehler darf ihm bei seiner Erfahrung nicht passieren.
– Ich habe da so eine Bewerbung von einem Absolventen mit passenden Praktika
liegen, den könnte ich mir auf Gladischs Stelle gut vorstellen."
Jetzt musste er es sagen. Er war für Gladischs Rechenfehler verantwortlich. Er atmete
die frische Luft, den würzigen Duft der Lärchen tief ein.
"Ich habe Gladisch falsche Zahlen für die Berechnung der Rüstzeiten gegeben."
"Ach." Nach einer Pause, "Sie mögen ihn?"
"Wie finden Sie die Bergwiese?”
"Was soll das jetzt?"
"Wie finden Sie sie?"
"Schön. Schön bunt."
"Genau. Ich meine nur, dass nicht alle die gleichen Hobbys haben müssen, nicht alle
über das gleiche lachen müssen. Bei ihm fällt der Groschen später, aber er fällt und an
die richtige Stelle."
"Guido, Sie verblüffen mich."
 
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