Tinky-Winky

Klaus Papula
20.02.2018
 
Tinky-Winky
Als ich Gärtner werden wollte, wusste ich nicht, dass ich meine Tage damit verbringen würde, Verkehrsinseln zu bepflanzen. Ich dachte an britischen Landadel in Tweed zwischen Hyazinthen und Rhododendronbüschen, also ging ich nach Cornwall. Damals war ich sechzehn, jung, voll im Saft, Rosamunde Pilcher war im Kommen. Wenn ich mit einer rubinroten Gräfin von Hardenberg oder einer zartrosa Chippendale for mylady im Knopfloch abends loszog, umringten mich die Mädchen vom Orden der englischen Fräulein in ihren Schuluniformen, schnupperten an den Rosen, während ich über die feinen Wurzelgeflechte der Galeolaorchideen erzählte, Rhizomsysteme in feuchtem Untergrund, die mit explosiven Zeichen auf die geübten Finger des erfahrenen Gärtners reagieren. "Sie gehören zu den selbstbestäubenden Arten, eine unglaubliche Verschwendung der Natur", bemerkte ich kopfschüttelnd, während ich Blütenblätter in die feuchten Hände der Schülerinnen drückte. Die Mundwinkel der Mädchen zuckten nervös, ihre Lippen schimmerten samtig wie die vorgestülpten Öffnungen fleischfressender Kannenpflanzen, ihre Augen glänzten wie Sonnentau im sommerlichen Abendlicht über den goldenen Wiesen Cornwalls. Das waren schöne Zeiten, sie sind vorbei.
Heuer werde ich fünfundfünfzig, wiege 220 Pfund und knie bis zum Arsch im Dreck der Insel eines Kreisverkehrs. Um mich donnern Trucks, gelenkt von tätowierten Typen mit gebrochenen Nasen. Von oben schüttet es aus Kannen, von unten fressen mich die Egel an. Britannien ist ein nasses Land. Aber ich habe meinen Frieden geschlossen mit diesem Land, diesen Menschen, ihrem Gott, der jetzt auch mein Gott ist. Ich stecke in der lila Uniform der Stadtwerke und trage lila Ohrenschützer, die mich taub gegen den Verkehr machen. Meine Freunde nennen mich Tinky-Winky nach einem von den Teletubbies. Meine Feinde, die Truckfahrer, auch. Manchmal werfen sie mir Erdnüsse zu, wenn Sie mich in der Erde wühlen sehen. Sie wissen, dass ich mich nicht wehren kann. Sie wissen, dass ich ohnmächtig bin. Es gibt mich oben, es gibt sie unten. Dazwischen liegt das Niemandsland der Granitsteine, die Asphalt von Erde trennen. Erst wenn der lila Pickup mit der Warnblinkanlage kommt und den Verkehr anhält, kann ich von meinem Hügel hinunter und hinten auf den Pickup klettern. Für einen Moment sehe ich dann den Tätowierten in die Augen. Für einen Moment bin ich einer von ihnen. Ansonsten ist mein Platz auf den kreisrunden Hügeln. Andere bauen Villen auf Hügel oder ein Opernhaus. Ich baue Zierkohl und Radicchio auf die Hügel dieser Stadt. Das ist meine Aufgabe. Dafür wurde ich geboren, nicht für die Schülerinnen der englischen Fräulein. Keiner kennt die 23 Kreisverkehre dieser Stadt wie ich. Mein Platz ist im Auge des Taifuns der Zufahrtsstraßen. Gott, der am 3. Tag die Pflanzen schuf, hat mich an diesen Ort gesetzt. Wenn er mich einmal abberuft, wird er mich fragen, ob ich meine Aufgabe erledigt habe, und ich werde antworten: "Yes, Sir, es ist vollbracht."
Es gibt gute Tage und schlechte Tage, wie in jedem Job. Die guten Tage vergehen schnell. 300 rosa Endivienköpfe am Vormittag, 150 Pelargonien am Nachmittag und dazwischen 180 Primeln in den Farben Zitrus und Himmelblau. Stolz sitze ich nach vollbrachtem Tagewerk am Hügel und warte auf den lila Pickup.
Über die schlechten Tage helfe ich mir mit einem Ritual: Ich öffne gegen Neun den Gürtel meiner lila Arbeitshose, schließe den Gürtel zwei Löcher versetzt, spüre zufrieden, wie die Hose jetzt locker sitzt. Dann bücke ich mich zu den Kisten mit den Pflanzen.
„Eine lose Hose hat einen eigenen Willen“, sage ich zu mir, "sie findet ihren eigenen Weg."
Gegen zehn ist das Lila schon weit nach unten gerutscht. Behaartes Fleisch breitet sich aus. Kreisförmig bewege ich mich langsam wie ein alter fleischfarbener Bär mit großen lila Ohren den Hügel hinauf. Die Pelargonien wachsen hinter mir spiralförmig empor. Um elf sind von mir nur mehr zwei gewaltige Backen zu sehen. Die schweren Dieselmotoren der Trucks heulen wütend zu mir hoch. Die Tätowierten fahren um mich herum – manche mehrmals am Vormittag – und beißen sich auf die Zähne. Sie spucken zum Fenster hinaus. Ich präsentiere, was sie nicht sehen wollen. Aber so ist das Leben. Für keinen scheint immer die Sonne.
Ich erreiche gegen zwölf auf meinen Knien den Gipfel des Hügels.
"Der gelbe Ziersalat muss sehr tief in die Erde", denke ich, beuge mich vor, recke meinen Hintern in die Höhe und grabe ein Loch. Die Tätowierten umkreisen mich wie finstere Planeten einen gleißenden Stern. Ich zähle bis fünfzehn, spätestens dann kracht es. Auffahrunfälle gehören zu den häufigsten Unfallarten in einem Kreisverkehr. Ich ziehe die Hose hoch, schließe den Gürtel, setze mich auf den Gipfel und schaue den Tätowierten zu, wie sie mit roten Köpfen aus ihren Maschinen klettern. Kühlflüssigkeit rinnt unter den Trucks hervor. Motoren werden abgestellt. Das Tosen und Dröhnen um mich herum ist vorbei. Eine große Stille tritt ein.
"Dieser Hügel ist mein Berg Sinai, dieser Hügel ist mein Berg Ararat. Der Berg trennt die Gerechten von den Sündigen", predige ich zufrieden zu mir selbst und schaue auf die da unten. Wenn die ersten Ungeduldigen zu hupen beginnen, stapfe ich hinunter. Gerne stelle ich mich nun fragenden Polizisten als Zeuge zur Verfügung. Die Tätowierten knirschen mit den Zähnen, ballen die Fäuste. Wer noch keine gebrochene Nase hat, hat heute gute Chancen aufzuholen.
So wird aus dem schlechten Tag dann doch noch ein guter. Tinky-Winky wackelt mit den Ohrenschützern, bis der lila Pickup kommt. Ich bin sicher: Wenn Gott, der am 3. Tag die Pflanzen schuf, fragt, ob ich meine Aufgabe erledigt habe, werde ich sagen: "Yes, Sir, ich habe mein Bestes gegeben".
 
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