Toska

Sima Moussavian
10.02.2014
 
Toska
Alles Leben ist Leiden, so sagte es einst Buddha. Alles Leben ist Sehnen, so sage ich es oft. Mein Freund Aiden nannte es "toska" - das Russische Wort für Sehnsucht. Er sagte, Sehnsucht sei der Wunsch, die Seele zu füllen. "Duscha" jedoch, die russische Seele, sei so unendlich, wie das russische Land. Sie zu füllen sei eine Unmöglichkeit und "toska" mit unserer "Sehnsucht" kaum zu vergleichen. "Sehnsucht", das sei Sucht. Eine Krankheit, die geheilt werden könne. "Toska" dagegen sei die unheilbare, die tödliche Sehnsucht nach dem Unmöglichen.
Für ihn war sie tödlich. Gestern verstarb er - in der Luft die erinnerungsschweren Klänge von "The Fray", in seinem Inneren die Unendlichkeit von "duscha" und über seinem Fenster die Weite des Himmels.
Nun bin ich es, der sich sehnt. Ich sehne mich nach vergangenem Leben. Stück für Stück vergehe ich in einer Sehnsucht, die im Angesicht des Todes unheilbar bleibt.
Als ich von seinem Tod erfahre, stehe ich am Fenster und starre in die Nacht. Ich verzehre mich nach verwehten Augenblicken, flüchtig, wie die Schönheit einer Blüte. Ich höre den Gesang der Straßenkünstler aus der Stadt vorüber wehen. Von weit weg vernehme ich Lachen und als ich das Fenster öffne, spüre ich sanften Wind das lebendige Rauschen von Quellen vorüber tragen. Am fernen Horizont sehe ich die nebelumfangenen Berge, wie sie gen Unendlichkeit brechen und auf der Zunge schmecke ich die bittere Süße blühender Traubenkirschbäume.
Plötzlich treibt es mich um. Um, auf die Suche nach etwas Gesichtslosem, Ungreifbarem, Unwiederbringlichem. Still stehen kann ich nicht. Nicht an Straßenkreuzungen, nicht an Flussläufen. Ich laufe immer fort, denn bliebe ich stehen, würde ich in meiner Sehnsucht zergehen. Ich durchquere zwielichtige Gassen und Gewässer mit reißender Strömung. Vor Sehnsucht eingehen, vor Sehnsucht sterben - nur Metaphern, doch um ein Haar wäre es mir passiert.
Meinem Freund Aiden ist es passiert. Aiden wurde Opfer von "toska", Opfer einer brennenden, verzehrenden, unbestimmten Sehnsucht, die ihn befiel, erfüllte, quälte. Vor Sehnsucht ist er vergangen. Er ist jetzt vergangen, an einem regnerischen Sommertag, mit "The Fray" in der Luft, der Weite von "duscha" im Inneren und der des Himmels über dem Fenster.
Als ich immer fort laufe erinnere ich mich seiner.
Geboren wurde er nahe Moskau. Er wohnte in Fabriken, stahl von Lebensmittelläden und sehnte sich, zu überleben. Als er 16 wurde, lebte er noch immer, da erbte er von einem entfernten Onkel. Überlebt hatte er, doch sehnte er sich plötzlich nach Sicherheit. Mit 18 stieg er in einen Fernzug nach Deutschland, um sich auf die Suche nach Sorglosigkeit zu machen. Das Jahr darauf fühlte er sich sicher, doch sehnte er sich nun nach Bindung. Jeden Abend verbrachte er in Diskotheken, in Kneipen, Pubs und Bars. Erst mit 20 lernte er mich kennen. Nie hatte einer von uns jemandem zugehört - für mich ein Konsumgesellschafts-Problem. Aus Angst, man würde etwas Besseres verpassen, will man sich nicht festlegen. Aiden legte sich fest. Er band sich an mich, doch an mich gebunden, sehnte er sich nach Anerkennung. Er wandte sich waghalsigen Sportarten zu. Sprang von Klippen, tauchte in die Tiefe und erklomm Gletscher. Etwas aber quälte ihn noch immer. Er wollte sich entwickeln, reiste plötzlich nach Tibet, nach Brasilien, Ägypten und in den Iran. Wann immer er von einer Reise zurück war, fragte ich ihn, ob er glücklich ist. Da erzählte er mir stöhnend von seinen nächsten Reiseplänen. Erst als er überall war, begann er von Selbstverwirklichung zu sprechen. Mit einer Garagen-Band spielte er auf Stadtfesten. Je mehr er sich aber verwirklichte, desto schlimmer sehnte er sich. Die Erfüllung all seiner Sehnsüchte hinterließ Leere, die er aufs Neue zu füllen sehnte.
Warum - das frage ich ihn, als ich ihn das letzte Mal sehe. Da lächelt er müde; die trüben Augen nass vor dem Ersehnen der Unendlichkeit.
"Weil es nicht hält." erwidert er und vor meinen Augen zerläuft er in Sehnsucht nach Erfüllung und deren Haltbarkeit.
Wann immer er in die Ferne reist und auf die Unendlichkeit des Meeres blickt, bricht sein Herz entzwei, weil er sie sieht und doch nicht greifen kann. Wann immer er von einer Klippe springt und kurz zuvor in den Himmel blickt, verhängt sein erinnerungsschwerer Blick sich auf den Wolken, die unwiederbringlich an ihm vorüber wehen. Wenn Aiden auf der Bühne steht, tropft seine Miene vor Melancholie um das sich nähernde Ende. Sein Leben lang ersehnt er Sehnsuchtslosigkeit und im Wissen von der Vergänglichkeit aller Erfüllung vergeht er schließlich - die Klänge von "The Fray" in der Luft, die Unendlichkeit von "duscha" im Inneren und die Weite des Himmels dort draußen über dem Krankenhausfenster.
Während ich laufe, erinnere ich unser Gespräch über "toska" zu Ende.

"Wir sehnen uns nach verschiedenen Dingen?" fragte ich ihn damals, da seufzte er tief.
"Wir sehnen uns anders, doch sehnen wir uns nach demselben."
"Nach was sehnen wir uns?"
"Wir sehnen uns nach Leben."

Erst als ich in der Nacht seines Vergehens in die Ferne streife, erkenne ich seine Wahrheit. Ein Leben lang hat er versucht, zu leben, im Ver-Suchen aber liegt das Suchen, so suchte er also. Er suchte das Leben auf Klippen. Er suchte es auf Gletschern. Er suchte es in der Ferne und er suchte es am Abgrund des Todes. Ein Leben lang erreichte er, was er zu greifen vermochte, doch mit dem Er-reichen ist es wie mit dem Er-frieren. Wer bis zum Ende friert, den erwartet der Tod, und wer er-reicht, wer bis zum Ende reicht, für den gilt dasselbe.
Vergangen ist Aiden nicht in der Ferne. Er ist nicht von einem Berg gestürzt, nicht ertrunken, nicht in den Tod gesprungen. Aiden ist vor ein Auto gelaufen. Er sah es nicht kommen, weil er niemals hier war - im Geiste stets auf der Suche. Seine Sehnsucht nach Leben hat ihn nie leben lassen - nicht einmal als er noch lebte.
Noch immer streife ich durch die Nacht, gefangen in meiner Sehnsucht nach seinem Leben. Da sehe ich plötzlich, wo ich es finde - Leben ist nicht dort draußen - es ist hier, es ist jetzt.
Ich werde langsamer, setze mich auf einen morschen Baum und höre die Grillen zu meinem Herzschlag zirpen. Ich spüre das Blut durch meine Adern schießen und fühle die Luft in meine Lungen brechen. Ich rieche die nassen Tannennadeln und schmecke die Kühle der Nacht. Ich bin hier. Ich bin jetzt. Ich bin. Ich lebe. Am Horizont zeichnet die blutrote Sonne ein Gemälde des Morgens an den Himmel. Ich lasse mich von Jetzt zu Jetzt treiben, während die Fluten meine Sehnsucht verwaschen, als wäre sie morsches Gehölz.
Dank dir, Aiden, bin ich angekommen - angekommen im Moment. Am einzigen Ort ohne Sehnen, dem einzigen Ort ohne Leid. Im Moment liegt Sehnsuchtslosigkeit - da sind nur ich und das Leben, sonst nichts.


 
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