Unser Café

Martina Berscheid
16.02.2017
 
Unser Café
In der Luft hängt der Geruch meiner Kindheit, nach Kaffee, Butterstreuseln und Zimt. Wie damals sitze ich an dem runden Tisch neben dem Gummibaum.
Ich vermisse das Klappern der Teller, das Rascheln von Zeitungen, das Stimmengemurmel und Lachen. Stille hat sich niedergelassen wie ein ungebetener Gast.
An der Tür hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Wegen Krankheit geschlossen“.
Meine Augen brennen vor Müdigkeit. Am frühen Morgen hat mich der Anruf von Mutters Nachbarin aus dem Schlaf gerissen. Mutter sei am Abend beim Adventsschmücken von der Leiter gestürzt und liege mit Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus. Ich habe aufgelegt und auf meine zitternden Hände gestarrt.
Habe hastig gepackt und den ersten Zug genommen. Stand Stunden später vor der Tür und blickte mit klopfendem Herzen auf die goldene Schrift: Café Kieser.
Kieser. Mutters Name. Und meiner.

Die Leiter habe ich weggeräumt, die Strohsterne, mit denen sie schon früher das Café zur Weihnachtszeit dekorierte, liegen vor mir auf dem Tisch. Oft habe ich Mutter dabei zugesehen, wie sie sie aufhängte, die Arme streckte, mit der ihr eigenen Eleganz.
Ich war vierzehn, als ich anfing, sie zu beobachten. Besonders erinnere ich mich an einen Tag im Mai. Die Sonne puderte pastelliges Licht auf die Erde, erdbeerrosa Wölkchen tummelten sich am Himmel, und über der Stadt lag ein Hauch von Vanille. Mutter stand am Fenster, schob sich das Haar aus der Stirn und staunte über diesen Morgen. Ihre Rüschenbluse knisterte bei jeder Bewegung. Gedankenverloren band sie sich die weiße Spitzenschürze um.
Ich studierte die Bewegung ihrer Hände, maß den Schwung ihres Mundes. Mein Blick glitt an ihren schlanken Beinen hinunter, verharrte an den Füßen in schwarzen, hochhackigen Lackschuhen.
Und ein dunkles Gefühl wucherte in meiner Brust, das auf die Liebe, die ich für sie empfand, einen Schatten warf.
Abends probierte ich heimlich ihre Lackpumps an. Ich posierte vor dem Spiegel und versuchte, Mutters anmutigen Schritt nachzuahmen, aber mehr als ein Stolpern brachte ich nicht zustande.

Draußen wirbeln Schneeflocken. Die Mienen der Passanten sind so trüb wie der Himmel. Ein Cappuccino wäre jetzt genau das Richtige.
Ich lausche dem Zischen des Kaffeevollautomaten. Mutter hat sich lange gegen „das moderne Ding“ gewehrt. Für manche Gäste brüht sie nach wie vor Filterkaffee auf. Und natürlich für sich selbst: stark, schwarz, mit zwei Löffeln Zucker.
Der Kaffee im Krankenhaus ist ihr zu dünn.
„Scheußliche Brühe“, begrüßte sie mich, als ich sie vorhin besuchte, und deutete auf ihre Tasse.
„Was genau ist denn passiert?“ Ich klang wie eine Ermittlerin.
Sie lächelte. „Der Teufel hat mir einen Stoß versetzt.“
Ich biss mir auf die Lippen.
„Es wäre wunderbar, wenn du dich um das Café kümmern würdest“, sagte sie leise. „Ich weiß nicht, wie lange ich ausfalle.“
Sie zog meinen Arm zu sich heran und drückte mir einen Schlüsselbund in die Hand. „Du kannst natürlich die Wohnung haben.“
Bittend blickte sie mich an mit ihren nugatbraunen Augen, grauschwarze Locken umrahmten ihr Gesicht. Sie war schön wie eh und je.
„Ich kann nicht bleiben“, log ich, stand auf, umarmte sie hastig und verließ die Klinik. Aber die Schlüssel hielt ich immer noch in der Hand.

Ich trinke den Cappuccino im Stehen und lasse den Blick schweifen. Über die blassgrüne Tapete, an die ich einmal mit Kakaopulver Strichmännchen gemalt hatte, die mit rotem Samt bezogenen Holzstühle, die bei jeder Bewegung knarrten, das dunkle Parkett, über das Mutter in ihren Lackschuhen stöckelte. Hinter der Theke hängen noch die Schwarz-Weiß-Fotos an der Wand, von einem älteren Ehepaar, er mit einer Bäckermütze auf dem Kopf. „Sind das Ihre Eltern, Frau Kieser?“, fragten die Gäste, und Mutter antwortete: „Ja, sehen Sie nicht die Ähnlichkeit?“ Dabei waren es irgendwelche Leute. Mutter hatte die Fotos auf dem Flohmarkt gekauft.
Zu meinen Großeltern hatten wir nie Kontakt, sie hatten sich wegen meines Vaters mit meiner Mutter zerstritten. Von ihm weiß ich nur, dass er meine Mutter schwanger sitzen ließ und so blond, groß und schlaksig war wie ich es bin.
Mein Herz pocht. Ich hätte Zeit für das Café. Mein Sabbatjahr hat gerade begonnen, und es gibt niemanden, der auf mich wartet.
Plötzlich entdecke ich an der Eingangstür einen Mann im schwarzen Mantel. Er starrt auf das Schild, zögert einen Moment und klopft.
Ich seufze und öffne.
„Wir haben geschlossen.“ Ich zucke zusammen, weil mir das „wir“ entschlüpft ist.
Der Mann mustert mich. Ich schätze ihn auf Ende siebzig. Sein Gesicht ist voller Falten und Flecken, über der Oberlippe sprießen graue Stoppeln. Wie ein alter Kater sieht er aus.
„Teresa?“, fragt er leise, und an der Stimme erkenne ich ihn. Friedrich.
Er kam regelmäßig ins Café, und die Gäste nannten ihn heimlich einen Penner, weil sein Anzug zerschlissen war und er selten zahlen konnte.
„Wenn du Leute durchfütterst, machst du nie Gewinn“, warf ich Mutter vor, obwohl ich Friedrich mochte und er mir Leid tat und ich insgeheim stolz war auf die Großherzigkeit meiner Mutter.
Sie lächelte und strich mir über die Wange. Dann schritt sie zu dem kleinen Tisch am Fenster, wo Friedrich saß und sie anhimmelte, und servierte ihm Mokka und Linzertorte. Wie immer stammelte er: „Hab’s Geld vergessen, morgen“, und Mutter nickte bloß.

„Hallo Friedrich. Komm rein“.
Er schlurft an mir vorbei und setzt sich an seinen Tisch. An seinem Mantel fehlt der unterste Knopf.
„Kaffee?“
Er nickt.
„Was ist mit Marga?“, fragt er mit brüchiger Stimme, als ich den Kaffee vor ihm abstelle.
Ich setze mich zu ihm und erzähle, was passiert ist.
Er rührt in seiner Tasse.
„Warum bist du damals weggegangen, Teresa? Marga war krank vor Kummer. Hat sie dir nie gesagt, oder?“
Ich schlucke und bekomme kein Wort heraus.
Sanft berührt er meinen Arm. „Bleib da! Du gehörst doch hierher, ins Café. Und ohne dich wird Marga es nicht halten können“.
Er trinkt aus und verabschiedet sich.
Lange sitze ich da und denke nach, bis es zum Heimfahren zu spät ist.
Langsam steige ich die Treppe hoch in die Wohnung.
Im Flur fällt mein Blick aufs Schuhregal, auf Mutters schwarze Pumps. Ich nehme sie heraus. Mit dem Zeigefinger streiche ich sanft über den Lack.
Und stelle sie zurück an ihren Platz.

Ein paar Tage später stehe ich frühmorgens hinter der Theke. Zur Manschettenbluse trage ich eine schwarze Jeans und eine weinrote Kellnerschürze. Meine Füße stecken in cremefarbenen Ballerinas. Ich atme den Duft nach Kaffeebohnen und frisch gebackenem Apfelkuchen.
Die Türglocke klingelt. Ein Ehepaar betritt das Café.
„Guten Morgen“, begrüße ich sie und lächle.
 
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