Unter derselben Sonne

Gabriele Chiapparini & Camilla Marrese 
09.04.2018
 
Unter derselben Sonne
Nina schaut aus dem Fenster. Giulio sitzt auf dem Bett, hinter ihr. Er betrachtet ihren Rücken.
„Ès ist wunderschön“, sagt Nina. Die letzten Flocken eines heftige Schneefalls legen sich sanft auf drei Tage Sturm. „Wenn Orte wie dieser nur leichter erreichbar wären…”.
„Wenn sie das wären, würdest du kaum sehen, was du gerade betrachtest”, erwidert Giulio.
„Du hast recht“.
Ninas Rücken ist von einer entwaffnenden Schönheit, straff und geschmeidig zugleich. Eine Weile bleiben sie so. Giulio wartet, er möchte nicht drängen, an diesem Ort ist Eile fehl am Platz.
Nina dreht sich um, rückt an Giulio heran und presst ihren Bauch gegen sein Gesicht, umarmt seinen Kopf, streichelt seine Haare, er legt die Arme um ihre Taille, mit einer Sanftheit, die ihm seit Langem nicht mehr vertraut war. An ihren Schoß gelehnt denkt er zurück, an gerade mal drei Monate zuvor, als das für ihn noch unvorstellbar gewesen wäre. Sie 23, er 43. Ein Altersunterschied von zwanzig Jahren. Zwei grundverschiedene, anscheinend unvereinbare Welten. Sie hatten sich unbefangen unterhalten, und vielleicht auch deshalb hatte keiner der beiden gedacht, dass es möglicherweise ein peinliches Missverständnis sein könnte. Das Gespräch war dann ungezwungen von einem Thema zum anderen gewechselt. Sie war zweifellos schön und er wusste, dass er auf seine Art anziehend war, doch er hatte nicht im Traum daran gedacht, dass die Sache diese Wendung nehmen könnte. Giulio steht auf und sieht ihr ins Gesicht. Nina lässt eine Spur von Traurigkeit erkennen. In ihrem Alter kann sie noch nicht für sich behalten, was ihr durch den Kopf geht. „Was ist los“?
„Ich will nicht zurück“ antwortet Nina.
Giulio sieht sie an, lächelt. Er löst sich von ihr, sie aber zieht ihn sofort wieder zu sich heran. Sie küssen sich. „Soll ich etwas zu essen machen? Hast du Hunger?“
„Ja, während du herrichtest, stelle ich mich unter die Dusche“, antwortet Nina.
Giulio geht in die Küche und stellt einen Topf mit Wasser auf. Er holt die Tortellini aus dem Gefrierfach, die er aus Bologna mitgebracht hat. Die heimische Kost in den Bergen ist vorzüglich, er versteht sich aber nicht darauf, sie zuzubereiten, er kann sie immer nur dann genießen, wenn er es schafft, eines der Restaurants in der Gegend aufzusuchen, doch bei diesen Wetterverhältnissen braucht man 40 Minuten mit dem Auto über schneebedeckte Schotterwege, bis man die Staatsstraße und dann die nächste Ortschaft erreicht.
Während er wartet, bis das Wasser siedet, geht er zum Fenster und schaut hinaus, der Schnee fällt nur noch spärlich. Nach dem ersten Mal hatten sie sich ein weiteres Mal getroffen, zufällig oder auch nicht, immer am gleichen Ort. Sie hatten die Unterhaltung des ersten Abends fortgeführt: was machst du, was mache ich, womit beschäftigst du dich, was gefällt dir, welche Pläne hast du für die Zukunft. Auch diesmal war der Abend schnell vergangen. Er hatte erfahren, dass Nina studiert. Architektur in Venedig. Schön!, hatte er sich gesagt. Sie hatten so viele gemeinsame Interessen, dass sie bei den folgenden Treffen nie wussten, wo sie anfangen sollten. Er hatte ihr ein bisschen von sich erzählt: er war Geschäftsmann mit zwei kleinen Lokalen in der Stadt, die momentan gut liefen. Er hatte ein paar Beziehungen hinter sich, einige ernsthafte, andere weniger, zurzeit war er Single und fast stolz auf sein Gleichgewicht, das im Leben meist selten und schwer zu finden ist. Er hätte diesen Zustand gern eine Weile aufrechterhalten. Nina war erst vor Kurzem aus einer wichtigen Beziehung ausgestiegen. „Kann man in diesem Alter wichtige Beziehungen haben“?, hatte er sich gefragt. Er brauchte sich dann aber nur daran zu erinnern, wie er das erste Mal verliebt war – da war er jünger als sie jetzt – und wie sehr er gelitten hatte. Er schämte sich, dass er nicht ernstlich daran gedacht hatte, was sie nur wenige Monate zuvor möglicherweise durchgemacht hatte.
Giulio hört das Wasser hinter der Badezimmertür rauschen. Er geht zum Herd und stellt die Flamme klein, um auf Nina zu warten.
Als sie sich zum Essen hinsetzen, nur die Tischecke zwischen ihnen, sind Ninas Haare noch teilweise nass. Giulio streicht mit den Fingerspitzen darüber. Die feuchte Wärme der Brühe und des Zimmers gegen die trockene Gebirgskälte. Eines der schönsten Gefühle, die es geben kann, wie das Gewitter (oder die Schneefälle), während man unter der warmen Decke liegt. Ohne viel zu reden, genießen sie einfach nur dieses Privileg.
Nach dem Essen legt sich Giulio in das ungemachte Bett und schläft ein. Nina verstaut die letzten Sachen in ihrem Koffer, in aller Ruhe, und bevor sie ihn weckt, setzt sie sich kurz neben ihn. Sie betrachtet ihn, während er schläft. Dann lässt sie ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Das einfallende Licht erscheint ihr als ein Licht, das sie noch nie gesehen hat. Es isoliert den Raum, formt ihn, es ist dicht, unwirklich. Das Zimmer ist eine Blase, eine Klammer, eine Pause. Ein Bett in der Leere. Nina hält inne und überlegt, dass das Jahr, in dem sie geboren ist, dasselbe sein könnte, in dem Giulio zum ersten Mal mit einem Mädchen zusammen war, und dass er vielleicht genau in jenen Tagen Autofahren lernte, oder vielleicht bereits Auto fuhr; dass er gerade eine Arbeit suchte, als sie in die Grundschule eintrat, und so weiter. Derlei Überlegungen können krank machen. Und schließlich, denkt Nina, während sie Giulios Waden mit dem Federbett zudeckt, ist es jetzt egal. Es ist eine Frage des Loslösens: von der Gesellschaft, von Anschauungen, von induzierten und selbstinduzierten Gedanken, von Blicken, von etwaigen Kommentaren der anderen und, hin und wieder, auch von der Vorstellung, die man sich von sich selbst gemacht hat.
In diesem Zimmer, an diesem Ort fern von allem und von allen, wo das Weiß eine Grenze schafft und sie zugleich niederreißt, fragt sich Nina, was von einem Menschen bleibt. Der Körper, zunächst. Haut. Was du siehst, spürst und berührst und was, herausgelöst aus dem alltäglichen und erbarmungslosen Kontext der „realen“ Welt, absolut wird, weitab von zeitgebundenen Werten. Der Kopf, die Stimme, Worte, Gesten. Das alles will sie mitnehmen. Nina erhebt sich vom Bett und geht wieder ans Fenster. Es hat aufgehört zu schneien. Es ist Zeit zurückzufahren.

Übersetzung: Werner Menapace
 
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