Urlaub vom Urlaub

Irmela Mayer
31.12.2009
 
Spät im Jahr 2009 machten wir Urlaub. Bis wir endlich wussten, wo wir diese kostbaren Wochen verbringen wollen wäre beinahe das Jahr ohne einen einzigen Urlaubstag an uns vorbeigezogen. Endlich fuhren wir im September in die Toskana – ans Meer. Wir wollten nichts als Ruhe, den wundervollen Blick auf tiefblaues Wasser, Sonne, keine Termine, keine Verpflichtungen und wenig Familie. Sogar den Hund ließen wir zu Hause.

Nach langen Stunden im Auto erreichten wir unser Ziel. Wir fanden es schön dort – obwohl – alles ein wenig anders war als in der Beschreibung versprochen. Da stand nämlich geschrieben, dass das Meer zu Fuß erreichbar sei und das Haus von uns alleine bewohnt würde. Wir freuten uns trotzdem – wir waren weit weg von zu Hause und hatten Sonne, einen wunderschönen Blick auf das blaue Meer, auf Pinien und Zypressen und blühende Kletterpflanzen an jeder Ecke. Die ersten Tage schliefen wir auf der schattigen Veranda unsere Erschöpfung der vergangenen Woche weg. Waren wir wach schauten wir auf das glitzernde Wasser, das weit unter uns lag. Allmählich bekamen wir Lust auf mehr und fuhren zum Meer – um die Sonne noch intensiver zu genießen und das Gefühl vom heißem Sommer und Strand und flirrender Hitze und warmen Sand unter den Fußsohlen in uns auf zu nehmen und bis weit über Weihnachten hinaus in uns zu bewahren. Dazu brauchten wir jeden Tag das Auto, denn der Weg war weit. Somit mussten wir uns auch jeden Tag einen Parkplatz suchen.

Direkt neben einigen Mülltonnen fanden wir meist einen, er war zum Glück schattig. Aber es stank hier sehr nach altem Müll und anderen schlecht riechenden Dingen. Auf dem Weg über die vielbefahrene Straße zum Strand kamen wir noch an vielen stinkenden Tonnen vorbei. Der Strand war sauber und sehr italienisch. Die Menschen lagen nahe beieinander und ließen die Sonne auf ihre schönen oder auch nicht so schönen Körper brennen.

Es war ein buntes, fröhliches und lautes Strandleben. Von Tag zu Tag brannte die Sonne heißer, das Meer war sehr warm und trug den Hauch von Sonnenöl auf sanften Wellen zum Strand. Trotzdem gefiel es uns. Obwohl die Hitze und die vielen Menschen ein bisschen anstrengend waren. Auch wir ließen die Sonne unseren Körper verbrennen und schlenderten abends mit den vielen anderen Urlaubern durch die Gassen des kleinen Hafenstädtchens. Wir aßen Spagetti mit Muscheln und - wir begannen nach einigen Tagen, uns nach Hause zu sehnen. Nur so, mal kurz, kaum erwähnenswert.

Wir vermissten ein Bett ohne Sand und eine Nacht ohne Mücken, den Bauch ohne Sonnenbrand und zwischen den Zehen keinen Sand und Bauch ohne Sonnenbrand und zwischen den Zehen keinen Sand und den herrlich frischen Joghurt aus dem Laden nebenan. Aber wir hatten uns etwas vorgenommen! Nicht wie in den vergangenen Jahren die lange Strecke in einem Rutsch zurück ins traute Heim zu rasen – denn wir waren inzwischen etwas reifer und älter geworden – und hatten auch keine ungeduldigen Kinder mehr dabei.

Auf dem Heimweg wollten wir einmal noch eine kleine Pause machen – vor dem Brenner in den Bergen Südtirols. So fanden wir das vigilius. Das Auto stellten wir in eine saubere Tiefgarage. Sonnentrunken schwebten wir mit der Seilbahn hinauf – weit hinauf. Als wir die Kabine verließen empfing uns die kühle Bergluft mit der Frische und Freude einer unerwarteten Begegnung. Leise glitt die Glastür eines ungewöhnlichen Hauses auf und wir waren umhüllt von Freundlichkeit, Großzügigkeit und atemberaubender Schönheit.

Alles war außerordentlich geschmackvoll, edel, gepflegt und durchdrungen vom zarten Duft der Bergwiesen und dem unbehandeltem Holz des Hauses. Und kein Sandkorn und keine Mücke störte diese Behaglichkeit. Es machte uns Freude all die schönen Details zu entdecken, zu berühren und zu betrachten. Es stimmte uns zufrieden darin so freundlich aufgenommen und geborgen zu sein. Eigentlich wollten wir nur Zwischenstation machen.

Als die Kinder fragten, wann wir denn nun endlich heimkommen würden, fanden wir keine Antwort. Wir lebten in den Tag hinein und ließen die Minuten und Stunden verstreichen. Wir ruhten, wanderten, schauten in die Ferne und bewunderten die erhabene Bergwelt um uns herum. Wir waren geblendet vom Glimmer in den Steinen auf unseren Wegen und eingelullt vom zufriedenen Schnauben der sanftäugigen Kühe. Ungewöhnlich für uns – das vollständige Fehlen der Sehnsucht nach zu Hause.

Wir blieben - länger als eine Nacht - und wir fühlten uns Stunde um Stunde besser, so blieben wir fünf wundervolle Tage. Minuten, Stunden und Tage waren erfüllt vom Hier und Jetzt. Das Leben war im Gleichklang.

Der Geist wurde ruhiger, gleichzeitig hellwach um auf all das Schöne zu reagieren. Wir machten hier Urlaub vom Urlaub. Wir hatten einen Ort gefunden, der es schaffte uns festzuhalten, das vigilius.
 
 
 
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