Vader

Klaus Papula
27.02.2019
 
Vader
Ich führe ein einfaches Leben. Ich arbeite hart, ich esse Fleisch, ich trinke Bier, ich verdaue. Ich habe einen Baum gepflanzt, ein Haus gebaut. Fast hätte ich mich fortgepflanzt. Ich habe einen Hund. Meine Nachbarn dagegen haben einen weißen Hasen und essen kein Fleisch. Sie trinken stilles Mineralwasser, sie verweigern Alkohol, sie fahren einen Opel mit grüner Plakette, und wenn sie mich dabei sehen, wie ich in den Garten pinkle, entschuldigen sie sich. Ich klopfe ab und ignoriere sie, wie ich die Urintropfen auf meiner Hose ignoriere. Mein Nachbar pinkelt nicht in seinen Garten. Er geht dazu auf die Toilette. Das ist ok. Auch meine Nachbarin, eine dünnhäutige Blondine, hat noch nie in den Garten gepinkelt, soweit ich das beurteilen kann. Nicht einmal die Zwillingstöchter pinkeln in den Garten. Auch nicht der Junge. Ich werde mich aber nicht entschuldigen, sollte es sich ein Familienmitglied überlegen und ich dabei Zeuge werden. Ich verstehe das. Es ist ihr Land, es ist ihr Boden. Auf den eigenen Rasen pinkeln macht gute Gefühle. Ein letzter Rest Besitznahme der Wildnis. Besitzverhältnisse im Grundbuch zu klären ist eine Sache für Sesselschwitzer.
Der weiße Hase meiner Nachbarn heißt Sissi, ein verwöhntes Ding. Sissi sitzt in ihrem hübschen rosa Käfig an der Hausmauer und knabbert den ganzen Tag an Biokarotten. Sie ist ein Kuschelkissen für die Kinder, kein echtes Lebewesen.
Meine Hündin, ein ehrliches Tier, eine serbische Bulldogge heißt mit Namen Darth Vader. Sie soll meinen Besitz bewachen. So war es schon immer. Der Herr schläft, der Hund wacht. Irgendetwas stimmt nicht mit ihr. Sie läuft den ganzen Tag mit eingezogenem Schwanz umher. Jeden Abend kommt ein Igel in den Garten. Kürzlich musste ich zusehen, wie die Dogge den Igel aufspürte und zu winseln begann.
Ich brachte Vader zu einem Trainer, den sie den Hundeschinder nennen. Ich gab ihr rohe Leber und pürierte Stierhoden zu fressen, um ihre Wolfsnatur zu entfesseln. Ich setzte sie prachtvollen Rüden aus, um ihre niedrigsten Instinkte zu provozieren. Die Rüden begannen sich nach einer Minute vor Langeweile gegenseitig zu beißen. Der Hundeschinder besoff sich. Leber und Hoden fraß der Igel.
"Als Hund bist du tot", sagte ich zu Vader und tätschelte ihr den Kopf. Ich war am Ende.
Heute Morgen die Überraschung: Eine Blutspur im Wohnzimmer.
„Vader“, rief ich leise, „komm zu Herrchen.“
Ich hörte ein Kläffen, ein gesundes, kraftvolles Hundekläffen. Die Bulldogge stand plötzlich vor mir: die Vorderläufe durchgestreckt, der Brustkorb gebläht, Schaum blubberte aus dem Maul und Blut, das schwer auf den Teppich tropfte. Zwischen ihren Zähnen ein roter Fetzen Fleisch. Der Igel war diesmal zu weit gegangen. Vader hatte ihr wahres Ich entdeckt. Ihre Wolfsnatur. Den Killerinstinkt. Endlich. Das ist unumkehrbar.
"Du hast dein Herrchen heute sehr glücklich gemacht", sagte ich mit den Tränen kämpfend. Sie senkte den Kopf, knurrte.
"Gib Herrchen die Beute".
Sie ließ den blutigen Fetzen auf meinen Schoss fallen. Ich sah weiße Fellreste. Einen weichen Stummelschwanz, der vom Schmutz verkrustet war. Zwei langgezogene blutige Lappen, die einmal Hasenohren waren.
"Sissi ist nicht mehr", dachte ich überrascht. Das würde Probleme mit sich bringen.
Ein Hund, der zu leben beginnt. Ein Hase, der stirbt. Das ist ok. Das ist das Gesetz der Natur. Mir war das klar, aber meinen Nachbarn das klarmachen: Ich sah mich an der Tür der Nachbarn, einen Plastiksack mit den Überresten des Hasen in der Faust, die ängstlich fragenden Augen der Kinder, die Mutter plötzlich schluchzend im Hintergrund, der Vater, wie er flüsternd vor Schmerz die böse Nachricht wiederholt („tot – sie ist tot“), dann wieder die Kinder, die losbrüllen, der Vater mit Tränen in den Augen, die Mutter, die mit dem Finger auf mich zeigt und hysterisch "Mörder, Mörder!" schreit.
Sicher war ich stolz auf Vader. Die Mädchenjahre meiner Prinzessin waren vorbei. Sie war eine Bulldogge geworden, eine gnadenlose Jägerin. Aber ich erkannte, dass dieser Stolz nicht geteilt werden würde. Ich musste eine Lösung finden.
Ich warf den Kadaver des Hasen in die Badewanne und ließ das Wasser lauwarm einlaufen. Nachdem ich die Blutspuren im Haus beseitigt hatte, schäumte ich den Kadaver mit Teppichreiniger ein, ließ ihn zwanzig Minuten einwirken, spülte den Schaum wieder aus und zog den Stöpsel. Dann holte ich den Fön und die Bürste meiner Ex, die sie zurückgelassen hatte. Ich gab mir Mühe, ließ mir Zeit. Nach einer Stunde war ich fertig. Das Ding sah passabel auf. Um ehrlich zu sein: Eigentlich hatte Sissi nie besser ausgesehen. Im Kühlschrank fand ich noch eine Karotte und steckte sie ihr ins Maul. Dass es keine Biokarotte war, würde sie nicht schmecken.
Ich wartete auf die Dämmerung. Vader war eingeschlafen und schnarchte, wie es viele tun nach großer Tat. Vorsichtig trug ich den toten Hasen auf meinen Händen durch die Wohnung und schlich zur Tür hinaus. Die Grillen zirpten, der Mond schob seine bleiche Kugel zwischen die Dächer. Ich zwängte mich durch den Buchenzaun auf Nachbars Grundstück. Im Licht der Laterne leuchtete der leere Käfig. Geduckt lief ich zur Hausmauer. Ich klemmte den Deckel des Käfigs auf, legte das Ding hinein. Sissi war wieder an ihrem Platz. Alles war gut.

Am nächsten Morgen verrichtete ich meine Notdurft im Ostteil des Grundstücks, als ich die Zwillinge aus der Haustür laufen hörte. Ich zuckte zusammen. Gleich kämen Schmerzen auf sie zu. Innerlich. Gefühle von Wut, Verlust, Trauer. Tränen. Auch Fragen nach dem Warum. Wie das halt so ist.
„Guck mal!“, rief eine der beiden. Sie standen jetzt vor dem Käfig.
„Gestern haben wir Sissi unter der Eiche begraben, und heute liegt sie wieder in ihrem Käfig“, sagte die eine.
Ich pinkelte mir augenblicklich auf die Schuhe.
„Mama!“, rief die andere zur Haustür gewendet, „komm schnell, Sissi ist wieder da, und eine Karotte hat sie auch! Ein Wunder!“.
Der Junge kam aus dem Haus gestürmt, stocherte mit einem Stöckchen im Kadaver und meinte: „Tot ist sie trotzdem.“
Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf stieg. Gleich würde die Blondine kommen. Sie würde zuerst ungläubig den Kopf schütteln, und wenn sie mich sieht, würde sie Fragen stellen. Unangenehme Fragen. Peinliche Fragen. Dann würde sie lachen. Ich schlich zum Hintereingang meines Hauses.
Als ich das Vorzimmer betrat, winselte Vader kurz, sprang mich an, und leckte mir übers Gesicht. Wahrscheinlich wollte sie mich trösten. Dann legte sie ihren Kopf in meinen Schoß und grunzte zufrieden. Was soll ich machen? Das ist einfach ihre Natur.
 
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