Verdrehte Welt

Ulrike Dubis
15.09.2011
 
Verdrehte Welt
Ignatius Irgendwer hatte einen Traum.

Darin erschien ihm ein weißleuchtender Engel mit güldenem Haar, Flügeln aus diamantbesetzten Schwanenfedern und dem friedvollen Blick einer schnurrenden Katze. Sie standen einander gegenüber, auf einer grünen Wiese, die keinen Anfang und kein Ende besaß und überhaupt nach allen Seiten endlos war. „Oh, Ignatius Irgendwer! Oh, Ignatius Irgendwer! Ich bin zu dir hinabgestiegen, weil ich dir eine Nachricht zu überbringen habe. Ich habe dir mitzuteilen, dass du stirbst.“
Ignatius Irgendwer schreckte aus dem Schlaf. Kerzengerade und mit weit aufgerissenen Augen saß er in seinem Bett, schweißgebadet. „Was war denn das jetzt für ein Blödsinn?“ schimpfte er in sich hinein, winkte abwehrend und legte sich wieder hin, woraufhin er gleich wieder einschlief. „Oh Ignatius Irgendwer! Oh Ignatius Irgendwer!“ sprach der Engel wieder zu ihm. Und wieder standen sie auf der grünen Wiese, diesmal aber war sie nach allen Seiten von unendlich hohen Zäunen aus leuchtenden Metallpfeilern umgeben. „Ignatius Irgendwer, glaubst du etwa, ich habe den ganzen Tag Zeit hier herumzuhängen? Aufgeschreckt wie ein dummes Hendl tauchst du einfach in die Alpha-Welt ab, bevor du mich überhaupt ausreden lässt. Aber egal. Also: Ich habe dir gesagt, dass du stirbst. Das bedeutet natürlich nicht, dass du sofort stirbst. Wie du weißt, stirbt jeder Mensch einmal, und weil du jetzt ungefähr bei der Hälfte deines Lebens angelangt bist, ist es an der Zeit, dass ich komme, um dir diese unabwendbare Tatsache vor Augen zu führen. Sie wird ab sofort dein Leben bestimmen.“ Ignatius Irgendwer antwortete nicht. „Nun“, sprach der Engel weiter, „da du dies nun weißt, möchte ich dir einen Rat erteilen: Du tust tagein tagaus immer dasselbe. Wenn du so weitermachst, wird dir an deinem Totenbett das Gefühl aufkommen, du hättest dein Leben an ein System verschenkt, das in Wirklichkeit nur eine Illusion war. Du wirst denken, dass du etwas versäumt hat, weil du dich nie der Versuchung hingegeben hast“. Da machte Ignatius Irgendwer zum ersten Mal den Mund auf: „Und was soll ich bittesehr tun?“, sagte er. „Dein persönliches Geheimniswort lautet: Verdrehte Welt, verdrehte Welt, verdrehte Welt…“ Das sang der Engel vieltausendmal, drehte sich immer schneller und verjüngte sich schließlich wie ein umgekehrter Strudel himmelwärts.
Um 7.37 Uhr läutete Ignatius Irgendwers Wecker. Um 7.38 Uhr rieb er sich den Schlaf aus den Augen und streckte sich drei Mal durch. Um 7.39 Uhr nahm er ein Glas aus dem Küchenschrank, füllte es halb mit Wasser und schluckte seine Antihistamintablette. Um 7.40 Uhr steckte er zwei Scheiben Brot in den Toaster und stellte die Butter auf die Heizung, damit sie streichfähig würde. Um 7.41 Uhr schaltete er die Kaffeemaschine ein und gab ein Stück Würfelzucker in seine Tasse. Um 7.42 Uhr kleidete er sich an, zuerst Unterhosen, dann Socken, dann Hemd, dann Hose, dann Krawatte, dann Blazer. Um 7.45 Uhr aß er eine Scheibe Brot mit Butter, um 7.47 Uhr trank er den Kaffee, um 7.49 Uhr aß er die zweite Scheibe Brot. Um 7.52 Uhr putzte er seine Zähne, um 7.55 Uhr kämmte er sein Haar nach hinten und strich es mit Gel glatt, um 7.58 Uhr zog er Schuhe und Mantel an, nahm seine Aktentasche und verließ um 8.03 Uhr das Haus, um den Bus Nummer 84 um 8.13 Uhr zu erwischen. Um 8.53 Uhr steckte er seine Stechkarte in den Apparat, nahm den Fahrstuhl in den zehnten Stock und um 8.56 Uhr schaute die Sekretärin des Chefs von ihrem Schreibtisch auf und sagte: „Guten Morgen“. „Morgen Guten“, hörte sich Ignatius Irgendwer antworten. Die Sekretärin kicherte ein bisschen. Ignatius Irgendwer betrat sein Büro, stellte seinen Sessel auf die gegenüberliegende Seite des Schreibtischs, verdrehte seine Bürosachen und setzte sich hin. Um 16.58 Uhr packte er seine Aktentasche, nahm den Fahrstuhl ins Erdgeschoß und steckte um 17.01 Uhr seine Stechkarte in den Apparat. Am Abend drehte er seinen Fernseher ab, obwohl gerade seine Lieblinssendung Monk lief, und stellte sich vor den Spiegel und sprach: „Ignatius Irgendwer. Das kann es aber nicht gewesen sein. Ist das alles, was du drauf hast?“
Am nächsten Morgen kämmte Ignatius Irgendwer sein Haar von hinten nach vorn und festigte es mit doppelt viel Gel, weil es sich natürlich widersetzte, in die verkehrte Richtung gekämmt zu werden. Um 8.02 Uhr, eine Minute früher, verließ er das Haus, damit er auch im Rückwärtsgehen den Bus erwischte. Er betrat rückwärts das Büro der Sekretärin des Chefs und sagte „schönen guten Abend. Wollen Sie mit mir ins Kino gehen? Es läuft gerade ‚Verdrehte Welt’ und diesen lustigen Film wollte ich mir schon längst mit Ihnen anschauen.“ Die Sekretärin kicherte wieder ein bisschen und sagte ja. Am Abend gingen sie ins Kino. Danach bat er sie darum, dem Rosenverkäufer eine Rose für ihn abzukaufen und dann, ihn nach Hause zu begleiten. „Sonst ist alles viel zu normal“, sagte er.
Sehr bald wusste die ganze Firma von Ignatius Irgendwers verdrehten Leidenschaften. Aber irgendwie fanden es alle kurios und nett, weil er ihnen so viel sympathischer war.
Eines Tages verabschiedete sich Ignatius Irgendwer auf der Straße von der Sekretärin, mit der er sich nun öfters traf, und ging winkend rückwärts über die Straße. Doch da erfasste ihn ein Auto, das viel zu schnell um die Ecke gebogen war. Das war das Ende für Ignatius Irgendwer.
Auf Geheiß der Sekretärin bereitete ihm die Firma zu seinen Ehren ein wunderschön verdrehtes Begräbnis, auf dem der gesamte Trauerzug rückwärts zur Kirche ging und sie Chopins Marche Funèbre vom letzten bis zum ersten Takt durchspielten.

Ignatius Irgendwer fuhr aus seinem Bett hoch. Es war schon acht. Er stürzte aus dem Bett, griff nach seinem Hemd, hielt einen Augenblick inne und holte sich dann doch Jeans und T-Shirt aus dem Schrank. Ignatius Irgendwer warf seinen Laptop an, schrieb ein kurzes Mail, legte einen Zettel für die Putzfrau auf den Tisch, packte seine Reisetasche, ging in die Garage und fuhr zum Flughafen.
Ignatius Irgendwer begab sich an den Schalter für Last-Minute-Reisen und hatte großes Glück. Eine freundliche Dame mit dem friedvollen Blick einer schnurrenden Katze bediente ihn, und sie sagte: „Herr Ignatius Irgendwer, Sie haben großes Glück, für die von Ihnen gewünschte Destination ist gerade noch ein einziger Platz frei. Dort ist es um diese Jahreszeit ganz besonders schön. Ihr Flug geht in einer Stunde.“ Dann händigte sie ihm sein Ticket aus, und dann sagte sie: „Herr Ignatius Irgendwer. Ich wünsche Ihnen guten Flug nach Irgendwo.“
 
 
 
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