Vernissage

Camilla Marrese
03.07.2019
 
Vernissage
Die Vernissage beginnt um 12 Uhr. Jetzt ist es 11:45. Wenn nicht so viel Verkehr wäre, denkt Nicolò, wäre ich sogar einmal pünktlich. Der Typ hinter ihm drückt auf die Hupe. Als ob das helfen würde, die Autoschlange mit einem Schlag wegzupusten, als ob dieser nervige Ton die Macht hätte, breite freie Schneisen in den Asphalt zu schlagen und alle rechtzeitig dorthin zu bringen, wohin auch immer sie am Samstag Morgen müssen, zum Einkaufszentrum, zum Mittagessen bei Verwandten, zur Vernissage. Das Ergebnis besteht aber lediglich darin, dass auf einmal alle im Stau steckenden Autofahrer in einer Kettenreaktion die Hupe betätigen. Wie aber können Schlangen entstehen und sich unversehens wieder auflösen?, fragt sich Nicolò, und während er das denkt, gleitet eine Hand flugs in die Tasche und holt das Telefon hervor, auf dem er nun Artikel von Experten über Autoschlangen liest. Erst im letzten Moment merkt Nicolò, dass das Auto vor ihm abrupt abgebremst hat, und kann rein instinktiv einen Aufprall vermeiden. Reglos starrt er auf das Fahrzeug vor sich, mit einem leichten Zittern in den Armen. 10 oder 15 Zentimeter Abstand, schätzt er. Ich komme offiziell zu spät zur Vernissage, sagt er laut, und auch wenn sich der Stau aufzulösen beginnt, sind die zwanzig Minuten Verspätung nicht mehr aufzuholen. Das ist im Grunde kein Problem: bei einer Vernissage braucht man nicht pünktlich zu sein. Nicolò ärgert sich trotzdem, als ob es eines wäre. Er war nie imstande, mit der Unruhe umzugehen, die eine Verspätung mit sich bringt. Er kaut an den Fingernägeln der Hand, die nicht das Steuer hält. Seit Wochen ist dieser Termin in seiner Agenda eingetragen und erzählt er seinen Freunden beim Abendessen davon, wenn er nicht weiß, was reden. Eine offizielle Einladung zu einer privaten Veranstaltung, bei der alle Anwesenden Spitzenpositionen in diesem Bereich bekleiden. Sozusagen eine jener perfekten Gelegenheiten, um jemand einen Drink anzubieten und sich von jemand einen anbieten zu lassen, Visitenkarten auszutauschen, sich dem Gegenüber als Kunstexperte zu präsentieren; es könnte ja durchaus ein zukünftiger Kunde oder ein Journalist sein, dessen Telefonnummer eines Tages sicher nützlich sein wird. Ein Event, bei dem man Fotos schießt und von sich schießen lässt, die man dann ins Netz stellt, um zu zeigen, dass man dort war. Außerdem wird der ausstellende Künstler als herausragende Erscheinung in der zeitgenössischen Kunstszene der Stadt, in der Nicolò lebt, beschrieben. Seine Gemälde sind innovativ, aber nicht so sehr, dass sie Unbehagen bereiten. Sie passen perfekt in jedes gut eingerichtete Wohnzimmer einer wohlhabenden Familie; das Wohnzimmer, in das Nicolò in ein paar Jahren seine Freunde zu einem Cocktail einladen möchte und das nach diesem Abend hoffentlich einen kleines Schritt näher rückt. Warum fährt Nicolò dann bei der Abzweigung der Schnellstraße zur Unterführung ohne zu überlegen geradeaus? Er fährt weiter und hält nicht an, als ob nichts wäre, ohne zunächst den Grund für seinen Entschluss geistig zu verarbeiten. Fast so, als ob es eigentlich keine Entscheidung wäre, sondern als ob sich nur das Auto geweigert hätte, abzubiegen, und wer ist er denn schon, um sich diesem unerbittlichen Willen zu widersetzen?
Nicolò weiß, dass die Straße etwa siebzig Kilometer lang geradeaus in die Berge führt. Er weiß das, weil er als Kind viele Jahre lang auf ihr zum Skilaufen gefahren ist. Das Haus seiner Eltern ist voll mit Fotos des jungen Nicolò, schlecht abgelichtet und etwas unscharf, in einem violetten Ganzkörperanzug, der augenscheinlich viel zu groß für ihn ist, und einem Paar Skiern, die seinen Kopf weit überragen. Irgendwann hatten sie mit dem Skifahren aufgehört. Zum Teil, weil es teuer war, nimmt er an, zum Teil, weil Guglielmo, Nicolòs Vater, beim Skifahren gestürzt war und sich am Rücken verletzt hatte – nichts Schlimmes, doch genug, um ein Jahr auszusetzen und somit den gewohnten Rhythmus zu unterbrechen. Außerdem kam Valeria, seine Mutter, hauptsächlich Nicolò und Guglielmo zuliebe mit, denn sie fuhr nicht Ski und in der Sonne zu liegen langweilte sie eigentlich nach einiger Zeit, und Lesen machte ihr schließlich auch wenig Spaß. Das Jahr darauf hatten sich Guglielmo und Valeria scheiden lassen, die Berge waren kein Thema mehr und auch Nicolò hatte keine Fragen gestellt. Wenn er jetzt zurückdenkt, weiß er nicht warum: er ging sehr gern zum Skilaufen und jedes Jahr versetzte ihn der Schnee in der Stadt, in Gedanken, dorthin. Aus irgendeinem Grund hatte er aber wahrscheinlich die Berge in eine Vorstellung aus der Vergangenheit, der Kindheit verbannt und sie dort belassen, wo sie waren. Während er so dahinfährt, entspannt er sich. Mit jedem zurückgelegten Kilometer löst er sich stückweise aus der Umklammerung von Asphalt, Autos, Mauern, Werbeplakaten, Geschäften. Es ist ein langsamer, aber unvermeidlicher Vorgang. Die Sicht weitet sich und die Augen tauchen ein in die Weite. Und die gerade lineare monotone absehbare Straße geht in Kurven über und beginnt, zu einer Abfolge von Kehren zu werden.
Ich werde mich an nichts erinnern, denkt Nicolò. Es ist zu lange her. Doch dann, bei der zweiten Kehre der letzten Serie, blitzt es auf: er erinnert sich, und er erinnert sich gut daran. Es ist keine klare Erinnerung, ganz und gar nicht, es ist eher wie ein Déjà-vu: das unbestimmte Gefühl, vor langer Zeit schon da gewesen zu sein, genau diesen Augenblick bereits erlebt zu haben, aber nicht zu wissen, wann und wie. Der Unterschied ist, dass die Erinnerung Nicolòs durchaus reale und konkrete Wurzeln hat, wenngleich sie sich in unklarer Art und Weise manifestiert. Die Straße, die er aus dem Gedächtnis verloren zu haben glaubte, wird ihm jetzt aber mit jedem Meter, mit jeder Kehre vertraut wie die Straßen, die er jeden Tag benutzt, um nach Hause zu fahren, zur Arbeit, in die Bibliothek, zur Bar. Nur mit etwas mehr Nostalgie.
Als Nicolò den Skiausrüstungsverleih betritt, wird ihm klar, dass der Eigentümer immer noch derselbe ist: ein Herr mittleren Alters, der ihm schon vor dreißig Jahren mittleren Alters zu sein schien, kahlköpfig und mit einem dichten weißen Schnurrbart.
Die Skischuhe drücken an den Zehenspitzen, er hatte es vergessen. Eine Beeinträchtigung und ein leichter Schmerz, die aber wunderschön sind, und sich auf dem schmutzig-nassen Boden des Verleihs zu bewegen ist wie sich auf dem Mond zu bewegen, eine zugleich sehr schwerfällige und körperlose Bewegung. Nicolò lächelt dem Herrn zu. Er schnallt die Skier an und als er das Geräusch der Bindung hört, findet er es schön und vertraut. Er macht sich auf und fährt die erste Piste ab, die vom Geschäft zu den Anlagen führt. Er nimmt die direkte Linie. Er ist nicht mehr so locker und sicher, doch die Piste ist leicht und es ist ihm egal, er lässt die Skier laufen, ohne anzuhalten. Der Geruch des Schnees ist derselbe wie vor vielen Jahren, genauso wie das Gefühl des Körpers, der wie in einem kontrollierten freien Fall in die Tiefe stürzt. Das Weiß auf dem Boden und das satte Grün der Tannen. Er steigt in den Sessellift, der jetzt nicht mehr zwei eiskalte Metallsitze hat, sondern sechs, und die sind bequem mit einem blauen Material bezogen. Als er vom Boden abhebt, schließt er die Augen. Es beginnt leicht zu schneien und er spürt das Prickeln von Schnee und Wind auf den Wangen.

Übersetzung: Werner Menapace
 
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