Viel, leicht, ganz, schwer

Edith Senkel
05.04.2016
 
Viel, leicht, ganz, schwer
Asche war nicht schwer. Tragbar, dachte er, das muss doch zu ertragen sein.

Ihre Augen. Groß, blau, keine Tränen. Ein Blick.
Alte Runzelhände, ineinander verschränkt, fest, ungewohnt fest.
„Geh hinauf mit mir!“, hat sie gesagt.
Da wusste er es. Sie hätte nicht loslassen brauchen.
Ihre Augen, Augenblicke später. Groß, blau, blicklos.

Hinauf. Viele Jahre waren sie gegangen. Hinauf, hinauf.
Leichtfüßig, einst. Zusammen, immer zusammen. Auch heute.

Keine Luft, keine Luft. Er muss stehen bleiben, sich auf die Knie stützen, den Rucksack abstellen, vorsichtig, eine zärtliche Bewegung fast.
Anschauen will er ihn nicht.
Atmen, tief ein und aus. Nicht denken.

Er konzentriert sich auf ein Habichtskraut. Leuchtendes Gelb. Bienensummen, raschelnde Gräser im Sommerwind.
„Weil es nach Freiheit riecht da oben“, hat sie immer gesagt.
Er schultert seine Last.
Von wegen Freiheit.
„Weiter geht’s, alter Mann!“, hat sie immer gesagt und seine Schulter gestreift, nur so im Vorbeigehen. Fast zufällig. Fast.

Das mit der Luft ist ein Problem. Er fühlt sich atemlos.
Schafft man das?, fragt er sich.

Einundachtzig. Vorbei die Wanderjahre. Schon lange vorbei.
Der Krebs ist nicht gern gelaufen. Er lag gern im Bett mit ihr.
Sie neigte nicht zu Kraftausdrücken. „Gemeiner Bazi“, hat sie ihn genannt. Bazi. Ha! Arschgesicht hätte besser gepasst. Sagen doch die Jungen so. Fotze. Hackfresse. Alles gut. Aber Bazi! Man kann doch den Feind nicht derart verhätscheln.
Sie lag im Bett mit dem Bazi und schaute aus dem Fenster, hinauf, sehnsüchtig hinauf.

Er saß auf der Bettkante wie hingefesselt und schaute ihr beim Verschwinden zu. Wie ein Vögelchen sah sie aus. Haut wie dünnes Papier. Feine Glieder.
Weit aufgerissene Fenster. Der Geruch von Hoffnungslosigkeit hing im Raum, egal wie oft er die Bettwäsche wechselte.
Da lachte er, der Bazi, dieser Mistkerl.

Schritt für Schritt. War das damals auch schon so steil?
Kurz schwarz vor Augen.
„Es geht irgendwie weiter“, hatte sie immer gesagt.
Er keucht. Asthmaspray wäre nett. Vergesslichkeit, elende.

Ihr Taschentuch, aus Stoff. Weiße Spitze. Er riecht dran. Schweiß in seinen Augen. Er wischt ihn in ihren Geruch.
Weiter, weiter.

Menschen kommen ihm entgegen. Zwei groß, einer klein, singend alle. Was mit verkehrten Butterbroten in einem Fluss. Herrliche Sinnlosigkeit. Er lächelt. Ungewohntes Gefühl.
Zur Seite treten, das Kind anschauen und seine Neugier sehen. Freude, welch innere Freude.
Kinder hatten sie sich gewünscht. Dann wären sie am Ende nicht so allein gewesen mit dem Bazi.
So bleibt immer noch das Gefühl unbekannten Verlustes wegen nie Erlebtem.

Das Lied verklingt in der Ferne.
Der Rucksack ist wie ein Felsen, jeder Schritt Mühsal, brennende Lungen.
Die Urne drückt gegen sein Schulterblatt. Verbrennen hat er ihn lassen, den Bazi. Und sie auch, weil sie hinauf wollte, auf ihren Berg. Freiheit.
Der Blick über den See, wo der Berg einfach aufhört.
Er weiß nicht, wie tief. Tief genug, eine senkrechte Wand.
„Kaum auszuhalten, so schön“, hat sie immer gesagt.
Dann Bergkäse und ein Laib Brot, ein Bier in der Glasflasche, der erste Schluck der beste.
Ihr Lächeln, das Gesicht der Sonne zugewandt. Kein Weg dafür zu steil.
Nach jedem Streit: hinauf. Hinauf! Ihr Platz. Da, wo der Fels abbricht, ganz nah am Kreuz, einfach abbricht.

Fast da. Aber jetzt das Kraxeln. Das Licht wird schon rot. Dunkel braucht es hier nicht werden, denkt er.

„Ich überleb dich!“, hat sie immer gesagt. Aber da hat sie den Bazi noch nicht gekannt.
Er denkt an das Strahlen ihrer Augen, vorher. An Wiener Schnitzel und ihre Sachertorte. Mit Erdbeermarmelade, ausnahmsweise. Und an die Dose Erbsensuppe von gestern. Ihn schüttelt es.
Er krallt sich fest, zieht sein Gewicht ein Stück höher. Keuchender Atem, pfeifen und röcheln. Ist er das?
Nicht mehr weit. Das muss doch zu ertragen sein, denkt er, die Urne im Rücken.
Er sieht das Kreuz schon, da oben, ein kleines Stück Ewigkeit weg. Ischias, noch so ein Punkt.

Dann da sein. Ankommen, atemlos. Sonnenuntergangsstimmung. Er setzt den Rucksack ab, mit einer ganz zärtlichen Bewegung. Die Tropfen sind kein Schweiß, als er hineingreift. Kühles Metall.
Ganz leicht eigentlich, so eine Urne. Er holt sie raus. Selbst im Anfassen noch fassungslos.
„Kaum auszuhalten, so schön“, hat sie immer gesagt. Kaum auszuhalten.
Das Bier holt er auch raus, den Bergkäse und den Laib Brot.
Der erste Schluck der beste. Gierig trinken.
Ihr Taschentuch. In ihren Geruch hinein weinen.
Dann der Leichenschmaus.
Das große Messer, eine dicke Scheibe vom Brot. Kauen, schlucken, leben.
Am Ende hat der Bazi sie nicht mal mehr essen lassen, nicht mal mehr das. Sondennahrung, tropfenweise in ihren Magen gepumpt gegen die Kraftlosigkeit.
Er muss aufstoßen. Die Flasche ist leer.

Aufstehen. Er kommt kaum hoch. Der Rücken.
Die Urne nehmen. Langsam bis zum Rand. Dahin, wo alles abbricht.
Das Kreuz im Rücken, versinkendes Licht. Das hätte sie gemocht.
Der Bazi nicht. Aber der mochte gar nichts, nur rumkrebsen.

Sich nochmal sammeln.
Ihre Augen. Blau, so blau. Blitzend lebendig. Einander gegenüber sitzen. Wörterwasserfälle. Ineinander verschränkte Hände. Goldschweigen.
Es war gut jetzt.
Er öffnet die Urne. Staub und Asche. Alles fliegt, hinunter, hinüber und auch – hinauf.
Nichts ist mehr von ihr übrig.

Dunkel wird es langsam.
Ich hab eh keine Taschenlampe, denkt er.
Wenn ich mich jetzt nach vorne lehne, dann müsste es doch ganz leicht sein.
 
Twitter Facebook Drucken  Mountain Story weiterempfehlen