Vier Minuten

Rudolf Binder
15.09.2011
 
Vier Minuten
Komm, mir ist kalt!
Er wusste nicht so recht, ob die Aufforderung ihm oder ihrem Hund galt, ging aber ein paar Schritte vorwärts, blieb stehen, drehte sich um und sah sie an. So sanft, wie ihre Stimme geklungen hatte, war wohl eher der Hund gemeint gewesen. Sie stand da, in ihrer dicken Winterjacke und mit dem großen, gestrickten Schal und zog an der Leine. Der Kleine lief weiter. Er mochte den Hund nicht. Für seinen Geschmack war er ungefähr vier Nummern zu klein geraten, eher modisches Accessoire als des Menschen bester Freund und außerdem mit der für Hunde dieser Größe typischen Aggressivität. Sie hatte den Hund als Geschenk von ihrem Exfreund, seinem Vorgänger, erhalten. All das, kombiniert mit dem lächerlichen Namen, mehr als genug Gründe das Tier unsympathisch zu finden. Als die beiden wieder auf seiner Höhe waren, knurrte der Hund leise. Es beruhte wohl auf Gegenseitigkeit.
Es schneite und ein paar Minuten lang gingen sie wortlos nebeneinander her. Er wollte sie noch bis zur Straßenbahnhaltestelle bringen, dort hinten am Ende der Allee. Dann würde er zwar zu Fuß nach Hause gehen müssen, aber so konnte er noch ein bisschen mehr Zeit mit ihr verbringen. Bis auf eine ältere Dame, die auf der anderen Straßenseite in die entgegengesetzte Richtung ging, war niemand zu sehen. Er schwieg. Eigentlich war die Situation gerade ideal um endlich auszusprechen, was er schon den ganzen Abend loswerden wollte. Seitdem es aus war, hatten sie einander nicht mehr gesehen, sich für diesen Abend in dem Café verabredet, das unpraktischerweise das Lieblingslokal beider war, und nach ein paar Minuten Smalltalk hatte sich das Gespräch kaum um etwas anderes als ihr Lieblingsthema, ihre Arbeit, gedreht. Er beschränkte sich auf gelegentliches Nicken, interessierte Blicke und kurze Zwischenfragen, so alle zehn Minuten, damit war sein Anteil an der Unterhaltung aus ihrer Sicht mehr als ausreichend erfüllt.

Wie spät ist es denn jetzt?
Sie standen an der Haltestelle und schauten auf die Anzeigetafel. Vier Minuten blieben ihm noch.
Was hast du?
Sie lächelte ihn an, ihre hellblauen Augen leuchteten zwischen den Strähnen ihrer dunklen Haare hervor.
Er wollte sie bitten, es doch noch einmal mit ihm zu versuchen. Wollte ihr sagen, dass sie ihm noch eine Chance geben sollte, dass er wusste, dass er Fehler gemacht hatte und dass sie die Hoffnung nicht aufgeben sollte, dass es vielleicht doch noch klappen könnte mit ihnen. Trotz der Schwierigkeiten, trotz der Momente in denen er überreagiert hatte und trotz der tausend Kleinigkeiten, die sie an ihm störten, von denen er gar nichts wusste und dennoch in diesem Moment bereit gewesen wäre sich dafür zu entschuldigen. Selbstachtung ist kein Kriterium Liebender. Und er wollte sie küssen, unbedingt, den ganzen Abend schon.
Vier Minuten, viel zu wenig Zeit.
Das ändert nichts!
Er nahm ihre Hand.
Ich weiß!
Er musste lügen, um diese Worte aussprechen zu können. Keine schwere Aufgabe. Für ihn änderte es alles. Der Kuss bedeutete Linderung nach all dem Schmerz, er bedeutete Zuneigung und vor allem Hoffnung.
Ich weiß!
Sie lächelten einander an. Es hatte sich nichts geändert. Und doch alles. Für ihn.

Zu Hause sperrte er die Einganstür auf, trat in das halbdunkle Vorzimmer, in der Küche brannte Licht, er hatte wohl vergessen es abzuschalten, als er gegangen war und blickte in den Spiegel, der über der Kommode hing.
Es war ihm den ganzen Heimweg über gar nicht aufgefallen.
Er lächelte immer noch.





 
 
 
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