Von unschuldigen Händen und reinem Herzen

Giulia Zoratti
09.04.2018
 
Von unschuldigen Händen und reinem Herzen
Michail hatte ein Geheimnis, das ihn zu uns in die Berge verschlagen hatte. Etwas, das ihn veranlasst hatte, ein Leben in völliger Abgeschiedenheit zu führen. Er wandte sich vor vielen Jahre an mich, als die Pfarrei einen Klosterwächter suchte. Ich war beauftragt worden, eine Person zu finden, der es nichts ausmachte, monatelang isoliert zu sein.
Michail präsentierte sich in meinem Büro im Anzug und mit leichtem russischem Akzent. Er hatte einen Hochschulabschluss in Italienischer Literatur und interessierte sich für Theologie. Zuerst dachte ich, er wolle mich beeindrucken, und so stellte ich ihm, neugierig geworden, ein paar Fragen: er sprach so akkurat von seiner Liebhaberei, dass ich mich meiner Seminarstudien schämte. Selbstverständlich nahm ich ihn. Als er mir die Dokumente reichte, sah ich das Foto einer Frau aus seinem Notizbuch hervorgucken. Ich vermutete, dass es seine Freundin war, stellte ihm aber keine Fragen.
Bei seinem ersten Klosterbesuch legte Michail den Weg mehrmals zurück, um seine geliebten Lektüren mitzunehmen. Er begann Anfang August zu arbeiten, er machte einen heiteren, fast euphorischen Eindruck. Seine Bücher waren die einzige Gesellschaft, die er sich wünschen durfte, und ich gebe zu, auch wenn ich es jetzt bereue, dass ich ihm auch noch welche gebracht habe, in der Hoffnung, seine Einsamkeit zu lindern.
Als ich ihn Mitte Herbst zum ersten Mal besuchte, empfing mich Michail mit einem Lächeln und einer heiseren Stimme, die das Sprechen nicht mehr gewohnt war. Er zeigte mir begeistert die Arbeiten, die er im Kloster durchgeführt hatte, und ich muss zugeben, dass er fleißig gewesen war. Er hatte auch die alte Bibliothek mit ihrer Fülle von Manuskripten entdeckt, die durch die Feuchtigkeit zerstört und wertlos geworden waren, und er versuchte möglichst viele davon zu retten. Ich nickte zufrieden angesichts seiner Bemühungen. Wieder zu Hause, überkam mich eine unbestimmte Unruhe. War es etwa meine zum Neid neigende Bewunderung gegenüber Michail, die mich kein Auge zumachen ließ? Doch es war nicht das, was mich bedrückte, ich spürte, dass da etwas anderes war. Ob mein Misstrauen daraus resultierte, dass ich einen Menschen sah, dem die völlige Einsamkeit nichts als Freude bereitet?
Ich suchte Michail ein zweites Mal auf. Es war Winter. Etwas in ihm war zerbrochen. Diesmal grüßte er mich nicht einmal. Also lächelte ich und machte mich auf den Weg durch die eiskalten Räume des Gebäudes. Alles war aufgeräumt und sauber, genauso wie ich es im Herbst gesehen hatte. Nur er schien sich allmählich verbraucht zu haben. Ich machte mir Sorgen um seine Gesundheit und schlug ihm vor, uns in seine Küche zu begeben, den einzigen Bereich des Klosters, der von einem Kamin beheizt wurde. Ein heilloses Durcheinander. Halbleere Tassen und Gläser standen auf dem Boden, der Tisch war übersät mit Büchern. Ich versuchte Michail zu fragen, ob er sich an diesem Ort wohlfühlte.
„Ich habe lange darüber nachgedacht“, begann er. „Das ist der einzige Platz, wo ich mich retten kann“.
Ich dachte gleich, dass er von der Rettung der Seele sprach. Diesmal täuschte ich mich nicht.
„Was meinst du?“
„Ich bewundere Ihre Unschuld. Ich möchte sein wie Sie, unter den Leuten leben ohne Probleme…“
„Wenn dich etwas bedrückt, dann sollst du wissen, dass ich dir eine Beichtgelegenheit verschaffen kann“.
„Ich glaube nicht an die Beichte. Jeder muss mit seinen Sünden leben, oder die wahre Reue kommt nie“.
Seine Antwort verwirrte mich und ich versuchte nachzuhaken, aber ohne Erfolg.
Als ich im Begriff war zu gehen, verwies ich auf den unbestreitbaren historischen Wert des Klosters. In den vergangenen Jahrhunderten hatte es wiederholt als Lager für die Waffen der Soldaten und als Bezugspunkt für die während der Kämpfe festgelegten provisorischen Grenzen gedient. Michail nahm sofort einen interessierten Ausdruck an.
„Das war eine Grenze? Limen? Jetzt verstehe ich“.
Ohne weitere Erklärungen grüßte mich der junge Mann und schloss das massive Klostertor. Auf dem Rückweg kam mir der Pfad viel länger vor als sonst. Während ich dahinstapfte, dachte ich zurück an Michails Worte. Limen. Das bedeutet Grenze, schließt aber viel mehr ein: Eingang, Anfang. Ich war überzeugt, dass der junge Mann sich selbst suchte in diesen Bergen und dass er nach diesem Jahr sicher ein neues Leben beginnen würde. Doch das Limen ist auch eine Schranke, das Ende. Daran hatte ich nicht gedacht. Ich verstand seine letzten Worte nicht, sie blieben ohne sichere Übersetzung, wie viele alte Texte, die er liebte.
Im Frühling erhielt ich einen beunruhigenden Brief, der in groben Zügen vom Russischen ins Italienische übersetzt worden war und der mich zwang, meinen nächsten Klosterbesuch vorzuverlegen. Im Brief schrieb eine Frau, sie wolle, dass Michail so bald wie möglich in sein Herkunftsland reise, um an einem Prozess teilzunehmen: mein Wächter hatte ein schwangeres Mädchen angefahren. Die Begleitumstände waren nicht ganz klar. Anscheinend gab es kein Vorfahrtsschild. Sie war leider ins Koma gefallen und, so stand geschrieben, vor Kurzem gestorben. Michail dagegen hatte eine Strafe bezahlt und war nicht weiter belangt worden. Die Frau forderte Gerechtigkeit für ihre Tochter und für das nie geborene Enkelkind. Ich las den Brief noch ein paarmal und legte das zerknitterte Papier dann auf den Schreibtisch. Ich suchte im Internet nach möglichen Hinweisen auf den Vorfall und fand auch bald welche. Fotos des Mädchens im Koma wurden auf den Straßen geschwenkt, man forderte Rache. Auch Michails Gesicht war zu sehen, begleitet vom Wort KILLER.
Ich begab mich sofort zum Kloster. Nachdem ich die Schwelle überschritten hatte, ging ich in die Küche und sah, dass die ganzen Lebensmittel bereits vergammelt waren. Ich suchte Michail in der Bibliothek. Dort fand ich ihn zusammengekauert auf dem Boden, neben sich noch verschiedene Bücher über die Vergebung der Sünden.
Die Untersuchungen ergaben, dass er sich durch das Essen von Beeren vergiftet hatte. Unachtsamkeit, sagten sie.
Auf der Fahrt hinunter in die Stadt, auf dem Weg zum Polizeirevier, hielt ich mehrmals an, um die Harmonie des Waldes zu betrachten: Ich hatte keine Eile. Der Frühling, der sich im Grünen ausbreitete, schien mich über das Seelenschicksal des jungen Mannes zu beruhigen. Trotzdem musste ich an jenem Abend lange über den Tod meines Freundes weinen. Ich wusste, dass es Selbstmord war: Jene Bücher, die Michail liebte, haben mich gelehrt, dass es dafür keine Vergebung gibt.

Übersetzung: Werner Menapace
 
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