Vronis Box

Peter Schwendele
17.01.2014
 
Vronis Box
Das Licht im Stall war noch ein wenig trüber als sonst. Sie stand unschlüssig in der Tür und ließ ihre Zehen in den zu großen moosgrünen Gummistiefeln tanzen. Ihr Blick strich über die unregelmäßig über die Decke verteilten Lampen, die wie umgedrehte Blaulichter von 70er-Jahre-Feuerwehrautos bodenwärts hingen. Genervt stellte sie fest, dass eine weitere Glühbirne hinter den fliegendreckgesprenkelten Gläsern den Geist aufgegeben hatte. Kurz überlegte sie, zurück ins Haus zu gehen und das Paket anzubrechen, das auf einem Holzregal in der grottenartigen Vorratskammer im Keller lag. Einhundert blitzblanke Glühbirnen warteten dort seit Weihnachten auf ihren Einsatz. Immer schon hatten die Eltern praktische Geschenke geliebt, und der Vater schob einen regelrechten Hass auf die neuen, EU-normierten Energiesparlampen. Er hatte sie in eine ungelenke, aber innige Umarmung gezogen, als das Glühbirnen-Bataillon von dem bunten Papier befreit war. Mit so etwas konnte man ihm mehr Freude machen als mit irgendwelchem teuren Schnickschnack.
Sie schob den Gedanken beiseite. Es gab jetzt Wichtigeres zu tun, und das Licht würde ausreichen müssen. Sie fühlte sich zerschlagen, ausgepeitscht vom Leben, das so gnadenlos sein konnte, zusätzlich zermürbt von dem zähflüssig verlaufenen Tag. Die Fahrt in die Stadt hatte offiziell keine neuen Erkenntnisse gebracht. Im Testament des Vaters, das der glatzköpfige Notar verlas, als wäre es eine Gebrauchsanweisung für eine Waschmaschine, stand nur, was ohnehin schon alle wussten: Er wollte, dass das Leben, wie er es gekannt hatte, weiterging, er wollte, dass ihre beiden Brüder sich mit dem bescheidenen Geldbetrag, der auf der Bank lag, zufrieden gaben, er wollte, dass sie den Hof weiterführte. Das hatte er ihr oft genug gesagt; schon als sie noch ein junges Mädchen war, spürten sie beide, dass ihr der Hof am Herzen lag. Ohne Murren hatte er sie dennoch gehen lassen, weit weg in seinen Augen, zum Studieren, weil er auf seine Weise ein offener Mensch war, und weil er sich sicher war, dass sie wiederkommen würde.
Wenn er sich bestätigt fühlte, hatte der Vater immer genickt, ein kurzes, abgehacktes Zucken, zwei-, dreimal hintereinander, eine Marotte, der er in den letzten Monaten oft nachgeben konnte, weil sie wieder mehr Zuhause war als in der Stadt. Sicher, er brauchte jemanden, der sich um ihn kümmerte, seit dem Tod der Mutter Anfang des Jahres, aber sie war auch deswegen so häufig auf dem Hof, weil ihr immer klarer wurde, dass ihr wackliges Dasein als freie Journalistin für diverse PR-Magazine sie innerlich nicht ausfüllte. Wenn sie abends die Kühe in den Stall trieb, wusste sie, dass sie auf die Lügenwelt dort draußen problemlos verzichten konnte. Nicht nur in der Hinsicht war sie genauso wie der Vater.
Bruno und Paul tickten anders. Auch sie packten mit an, wenn es notwendig war, ungern, aber nicht völlig pflichtvergessen, doch für sie war der Hof nicht mehr als ein Klotz an ihren Beinen. Den halben Nachmittag hatten sie heute wieder auf sie eingeredet. Sie solle vernünftig sein, das Vieh und die Maschinen, die noch nicht ganz verrostet waren, verkaufen, den Stall abreißen, das Wohnhaus vermieten, falls jemand bereit sei, Geld zu zahlen, um in dem dunklen Loch zu wohnen.
„Wenn doch wenigstens die 65000 Euro von damals noch da wären, dann könnt‘ man vielleicht noch was retten. Was hat der Alte bloß mit dem ganzen Geld gemacht?“, fragte Bruno, der Ingenieur, und rührte vorsichtig in seinem Latte Macchiato. 65000 Euro hatte der Vater, so hieß es, vor etlichen Jahren von der Gemeinde bekommen, für das Waldgrundstück, auf dem eine Quelle sprudelte, die man dringend für die Wasserversorgung benötigte.
„Wenn ich 65000 Euro hätte, würde ich was anderes damit anfangen, als sie in diesen abgetakelten Hof zu stecken“, sagte Paul, der Berufsschullehrer. Und sie hatte, ganz kurz, ohne es zu merken, zweimal zuckend genickt, so wie früher der Vater, aber nicht, um Paul recht zu geben.
Sie griff nach der Mistgabel und sog den Stallduft tief ein. Sie liebte diese Mixtur aus den wärmenden Ausdünstungen der Tierleiber und der strengen Würze des Mists und der Jauche, die sie nebenbei produzierten. Während sie den Gang, der die Viehverschläge trennte, entlangging, begann sie trotz oder wegen ihrer Erschöpfung vor sich hin zu träumen: Wenn sie recht hatte, konnte sie hier einen modernen Boxenlaufstall für die Kühe einrichten. Und eine neue Melkmaschine anschaffen. Und das Wohnhaus renovieren. Und …
Erst als sie ganz hinten vor Vronis Box stand, stach der Schmerz wieder zu. Hier war er gelegen, der Vater, hier hatte sie ihn gefunden, vor genau einer Woche. Auf den Tod der schon länger kränkelnden Mutter waren seinerzeit alle zumindest ein wenig vorbereitet gewesen. Beim Vater, der den Hof bis zuletzt knorrig und scheinbar unverwüstlich umgetrieben hatte, war es ein totaler Schock gewesen. Der Herzinfarkt riss ihn in wenigen Minuten aus dem Leben. Kreidebleich war er in ihren Armen gelegen, hatte kein Wort mehr herausgebracht. Mit letzter Kraft zeigte seine gekrümmte Hand auf Vronis Box. Sie dachte, er wolle ihr nur mitteilen, dass er am Ausmisten gewesen sei und hatte beruhigend auf ihn eingeredet, versucht, seinen fliehenden Blick wieder einzufangen.
Sie löste den Metallhebel und zog die verwitterte Tür zu dem Verschlag auf die Seite.
„Hopp, mach Platz“, sagte sie, so munter sie konnte, und drängte Vroni, ihre 700 Kilo aus der Box zu schieben. Während die Kuh verwirrt und unschlüssig auf halbem Weg stehen blieb, griff sie energisch zur Mistgabel und begann zu suchen.
Zehn Minuten später hatte sie das Versteck im Boden aufgebrochen und kniete vor dem Geld. Sie musste es nicht zählen, um sicher zu sein, dass es exakt 65000 Euro waren. Mit der einen Hand griff sie nach den Scheinen, mit der anderen wühlte sie, wie ein Kind, im Mist, den sie aufgeschaufelt hatte, und reckte eine Portion davon in die Höhe. Ihre Augen wanderten hin und her, von links nach rechts und wieder zurück. „Ein bisschen Geld und endlos viel Mist“, hörte sie den Vater, gewohnt trocken, in ihrem Kopf sagen, und als sie nach vorn blickte, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.
 
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