Wald-Philosophie

Silke Voithofer
10.02.2014
 
Wald-Philosophie
„Was machst du da?“
„Ich zerlege einen Bären.“
„Warum?“
„Ich habe ihn selbst erlegt. Jetzt will ich wissen, wie er schmeckt. Hast du schon einmal Bärenfleisch gegessen? Ich nicht. Die Arbeit beginnt am Anfang, verstehst du?“
„Ich denke schon. Brauchst du das Fell?“
„Ich weiß es nicht, so weit bin ich noch nicht. Willst du das Fleisch essen?“
„Ist das eine Einladung?“
„Ja!“
„Warum nicht? Danke. ... Noch einmal zum Fell. Es gefällt mir sehr.“
„Vielleicht werde ich es verkaufen.“
„Aha. Und was ist mit den Zähnen? Die sind riesig.“
„Möchtest du sie haben?“
„Nein. Ich wüsste nicht wozu. Sie machen mir ein bisschen Angst. Auch von den Krallen will ich nichts wissen, obwohl man daraus wohl originellen Schmuck machen könnte. Ich mache mir nichts aus Äußerlichkeiten. Warum sich schmücken, wenn es am Ende nur Ballast ist?“
„Ich habe nichts zu verbergen. Ob ich was zu verschenken habe, muss ich mir noch überlegen. Wir stehen schließlich an der Geiz-ist-Geil-Schwelle. ... Da ist viel Blut. Kannst du dir das ansehen?“
„Eigentlich nicht!“
„Meine Hände sind schon ganz warm.“
„Ich glaube, du schwitzt.“
„Das ist so, wenn man arbeitet.“
„Steht dir keine Pause zu?“
„Ich schaffe mehr ohne Rast. Ich mache das für mich selbst, also kann ich es mir einteilen. Ob meine Ich-AG funktioniert, werden wir am Ende des Tages sehen.“
„Beim Abendessen?“
„Ja!“
„Werden wir gemeinsam essen? Ich meine, uns auch gegenüber sitzen?“
„Ja.“
„Wo soll ich hin?“
„Bleib da, wo du bist.“
„Okay. ... Ich sollte noch erwähnen, ich mag keine Innereien. Du hältst gerade sein Herz in den Händen.“
„Ich weiß. Es ist kalt. Es beschämt mich fast ein wenig. Sollte ich nicht Liebe spüren, oder Romantik, oder wenigstens Mitleid, oder Melancholie?“
„Das wären Interpretationen und Traditionen und Gelerntes und was weiß ich, was noch alles. Ich muss es wissen, sagt man zumindest. Ich bin eine Frau. Du sagtest, das Herz ist kalt? Das wundert mich nicht. Es ist ein Stück Bärenfleisch, von einem Bär, der schon seit einiger Zeit zerlegt wird. Das heißt, er ist schon eine Weile tot!“
„Du hast Recht.“
„Das habe ich meistens.“
„Kann sein. Ich kenne dich noch nicht so gut.“
„Das wird sich ändern.“
„Ja.“
„Wirst du die Jäger informieren?“
„Sollte ich das? Gehört der Wald nicht uns allen? Ich muss zugeben, darüber habe ich nicht nachgedacht. Die Jagd liegt mir nicht. Ich könnte weder einen Hirsch noch ein Reh töten. Es wäre mir zuwider.“
„Mit einem Bären hast du offensichtlich kein Problem.“
„Es ist mir passiert, um ehrlich zu sein.“
„Ach ja?“
„Ja.“
„Wie?“
„Ich weiß nicht. Ich kann mich nicht erinnern. Vielleicht war er auch schon tot und ich habe ihn gar nicht selbst erlegt. Ich bin mir nicht mehr sicher. Ist das alles denn wichtig?“
„Ich denke nicht. Es geschehen öfter Dinge ohne unser Zutun. Man kann nicht alles ergründen. Es ist jetzt, wie es ist. Ich finde, du machst das Beste daraus.“
„Ehrlich?“
„Ja, ehrlich. ... Sollte ich dich fragen, ob du Hilfe brauchst?“
„Nein. ... Willst du mir denn helfen?“
„Um die Wahrheit zu sagen: Nein. Tote Tiere tun mir Leid. Ich kann kein Blut sehen und Fleisch an sich finde ich ekelhaft. Wenn ich darüber nachdenke, ist mir schlecht.“
„Warum bist du dann hier geblieben?“
„Ich finde dich interessant. Das hat nichts mit deinem Tun zu tun.“
„Das finde ich seltsam. Macht einen sein Handeln nicht aus? Ich finde, es ist Teil der Identität. Aber vielleicht liege ich in diesem Punkt auch falsch.“
„Ich bin seltsam. Die Meisten sagen das über mich. Ob es zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Ich finde mich gut so, wie ich bin. Auch wenn das nicht immer so war. Ob lediglich Taten jemanden ausmachen, darüber lässt sich streiten. Es wäre eine Endlosdiskussion. ... Stört es dich, dass ich hier bin?“
„Nein.“
„Und dass ich dir nicht behilflich sein will?“
„Nein.“
„Gut.“
„Ist dir wirklich schlecht?“
„ Wie ich sagte, wenn ich darüber nachdenke, ja.“
„Tut mir Leid. Aber es muss sein!“
„Ich weiß. Und es muss dir nicht Leid tun. Es ist schließlich deine Zeit, deine Welt und dein Bär!“
„Richtig. Trotzdem braucht man ein Gegenüber.“
„Das streite ich nicht ab.“
„Zum Mein soll es auch ein Dein und im Idealfall auch noch ein Uns geben. Die heilige Trinität.“
„Ich bin immer noch d'accord.“
„Mir ist entfallen, was ich kritisieren wollte,... also,... worauf ich eigentlich hinaus wollte.“
„Vielleicht fällt es dir später wieder ein.“
„Beim Abendessen?“
„Ja.“
„Wenn wir uns gegenüber sitzen? Wenn wir uns in die Augen sehen?“
„Ja. ... Ich glaube jetzt ist der Zeitpunkt zu gestehen, dass ich kein Fleisch esse. Ich bin Vegetarierin.“
„Das wusste ich bereits.“
„Woher?“
„Ich höre dir zu.“
„Ach so. Schön. Ist es jetzt schlimm, dass sich deine Arbeit nicht lohnt? Deine Schweißperlen an der Stirn werden dicker, seit du dich mit den Knochen plagst.“
„Ich weiß. Mein Schweiß tropft schon auf das Fleisch.“
„Ja genau.“
„Asche zu Asche. Staub zu Staub. Auch der Mensch ist ein Tier. Somit ist mir das ziemlich egal.“
„Ich werde also nichts essen?“
„Wahrscheinlich nicht.“
„All deine Mühe umsonst?“
„Keineswegs.“
„Und wieder machst du das Beste daraus.“
„Das Leben ist eine Endlosschleife.“
„Ja?“
„Ja!“
„Sollte ich noch zum Gipfel?“
„Das kann ich nicht entscheiden.“
„Aber mit deinem Urteil ausstatten. Den Weg, die Aussicht, oder was auch immer empfehlen, oder eben nicht.“
„Das möchte ich nicht!“
„Ich glaube, ich kann das verstehen. Ich glaube, ich kann dich verstehen.“
„Das ist doch gut.“
„Ja. ... Die Sehnsucht treibt mich und lässt mich trotzdem hier bleiben.“
 
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