Wandertag

Nora Spiegel
20.02.2018
 
Wandertag
Am Bahnsteig im kleinen Ort Lana herrscht fröhliches Chaos. Wanderstöcke klappern über den Asphalt, in Rucksäcken wird nach Müsliriegeln und Wasserflaschen gekramt. Es ist ein wolkenlos klarer Tag im Spätherbst, der erste seit zwei verregneten Wochen. Tagesausflügler, Touristen, Familien: Alle sind sie wild entschlossen, dem Herbst einen letzten schönen Wandertag abzutrotzen. Um exakt neun Uhr und drei Minuten fährt der Regionalexpress aus Innsbruck zischend ein. Die Türen öffnen sich, eine bunt zusammengewürfelte Wandertruppe purzelt regelrecht aus dem letzten Wagon. Es sind acht junge Männer, einige bärtig, manche glattrasiert, allesamt dunkelhäutig und mit Rucksäcken ausgestattet, die das Logo der Tiroler Landesregierung tragen. Sie blicken um sich, überwältigt vom Lärm und den vielen Menschen, die sich Dinge auf Deutsch und Italienisch zurufen.
„Willkommen in Lana – welcome to Lana!“ Eine kleine, rundliche Frau mit wilden, feuerroten Locken hat die Gruppe entdeckt und winkt ihnen enthusiastisch zu. Sie versammeln sich vor dem weißen Bahnhofsgebäude und jeder bekommt einen Klebestreifen, auf den er mit einem Stift seinen Namen schreibt.
„Ich bin Elena – I’m Elena and I’ll be your guide today“, verkündet die junge Frau. Sie spricht langsam und laut. Fati pustet vorsichtig auf seinen Streifen, damit die Buchstaben nicht gleich wieder verschmieren und reicht den Stift an Mohammed weiter.
„Guys, we are here to enjoy ourselves, okay? So if you need anything, anything at all, tell me, don’t be shy! Water, snacks, a break – just say the word, okay?“ Alle nicken und lächeln, manche murmeln ein schüchternes „okay“.
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In der Schwebebahn schrumpfen die Menschen, Autos, Häuser und sogar die umliegende Berglandschaft rasend schnell. Fati lehnt die Stirn gegen die Scheibe und sieht zu, wie sich das Tal von ihnen entfernt, während Elena auf Deutsch und Englisch erklärt, warum und seit wann Südtirol nicht zu Österreich, sondern zu Italien gehört. Er kennt diese Geschichte schon, er lernt gerade mit Julia, seiner Deutschlehrerin, auf den Einbürgerungstest. Ali aus dem Irak möchte wissen, ob Elenas Großeltern während des Kriegs in Südtirol geblieben sind. Gerade als Elena zu einer Antwort ansetzt, öffnen sich die Türen der Seilbahn.
Es empfängt sie ein angenehmer Geruch nach Harz und Erde, frischem Gras und Wildblumen. Die Bäume, die hier oben wachsen, heißen Lärchen, erklärt Elena. Ihre Schritte auf dem knirschenden Kies des Wegs sind laut in der Stille. Je weiter sie in die herbstliche Bergwelt eintauchen, desto leiser werden ihre Stimmen. Fati konzentriert sich ganz auf den Rhythmus seiner Schritte und das Rascheln der Blätter unter seinen Schuhsohlen. Bald lässt er den Rest der Gruppe hinter sich, erst ein paar Meter, dann sind sie hinter der letzten Schleife des Wegs verschwunden. Er versucht die Stille in sich aufzusaugen, wie ein Schwamm. Zeltlager, Bettenlager, Gemeinschaftsküchen, Gemeinschaftsräume – wann war er das letzte Mal wirklich allein? Er ist so in seinen Gedanken versunken, dass er fast einen älteren Herrn angerempelt hätte, der ihn plötzlich mit forschem Schritt überholt.
„Griass di“, sagt der weißhaarige Mann und schaut ihn neugierig von der Seite an.
„Guten Tag“, antwortet Fati und hofft, dass der Mann schnell weitergeht und ihn noch ein paar Momente mit der Stille allein lässt.
Doch der alte Mann hat sein Tempo schon an seines angepasst und spaziert mit hinter dem Rücken verschränkten Armen neben ihm her. Er trägt eine braune Wanderhose und ein rot-weiß kariertes Hemd, dazu einen buschigen Vollbart und einen altmodischen olivgrünen Wanderrucksack.
„Auf Besuch hier, oder?“, fragt er und hebt eine buschige Augenbraue.
„Ja, und Sie?“
„Auch, ich komme aus Innsbruck. Kennen Sie Innsbruck?“
„Ja, Innsbruck ist eine schöne Stadt“, sagt Fati und versucht alles so auszusprechen, wie Julia es ihm beigebracht hat: „schön“ mit „oe“, nicht mit „o“!
„Ha! Sie hätten vor ein paar Jahren nach Innsbruck kommen sollen, bevor diese ganzen Ausländer bei uns eingefallen sind“
Gleich darauf wirft der Mann einen entschuldigenden Blick auf Fati.
„Damit meine ich natürlich Immigranten, Asylwerber, wie sie alle heißen! Nicht Touristen wie Sie! Der Tourismus, der ist eine gute Sache.“
Fati nickt.
„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Ausländer, wirklich nicht! Sollen die doch zu uns kommen, gerne, wir haben genug Arbeit! Aber integrieren müssen sie sich, unsere Kultur verstehen, sich anpassen!“
Der Mann schaut ihn eindringlich an.
„Wissen Sie, was ich meine?“
„Zum Beispiel ins Theater gehen?“, schlägt Fati vor.
„Ja, ja, genau! Und in die Berge!“, ruft der Mann.
„Ich mag die Berge“, sagt Fati, „ich mag die Stille und ich mag die Natur“.
„So geht es mir auch! Die Berge sind Teil unserer Kultur! Genau das meine ich!“, sagt der Mann zufrieden.
„In meinem Land gibt es auch Berge. Meine Familie hat in den Bergen Urlaub gemacht, früher, in Maalula“
„Wirklich? Wo liegt das, Maalula? In Südspanien?“, fragt der Mann interessiert.
„Nein, in Syrien“, sagt Fati.
Der Mann und Fati gehen schweigend nebeneinander her. Der Kies knirscht unter ihren Sohlen und die Blätter rascheln.
Fati genießt die Stille.
 
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