War grau

Herbert Rosendorfer
22.08.2008
 
Die Baumgrenze, schien mir, verläuft knapp oberhalb des Dorfes. Hier fiel es mir auf, wie unendlich viele Abstufungen die Farbe Grau hat, nicht nur hellgrau und dunkelgrau.

Steingrau, hechtgrau, milchig-grau, nebelgrau … gar nicht zu reden von den Abweichungen in die Nähe anderer Farben: rötliches, gelbliches, grünliches Grau. Die Kirche war geschlossen. Das Tor hing so locker in den Scharnieren, dass ich es eintreten hätte können.

„Es rentiert sich nicht“, sagte der graue Alte mit seinem grauen Hut; der blaue Schurz, obwohl verwaschen, fast grell in diesem ganzen Grau. „Leer, die Kirche. Gibt schon lang keinen Pfarrer mehr hier. Früher ist der Kurat aus dem Tal ab und zu gekommen, um eine Messe zu lesen. Rentiert nicht mehr für uns. Wir sind nicht nur von Gott, wir sind auch von der Geistlichkeit verlassen. Seit die Brücke eingestürzt ist und nur noch der Notsteg da, kommt fast niemand mehr. Ich wundere mich, wie Sie heraufgekommen sind.“

Montarglei. Meine Großmutter war von hier fortgegangen, als sie neun Jahre alt war, ist nie mehr zurückgekehrt. Ich habe sie oft gefragt: „Warum nicht?“ „Wär schad ums Geld und um die Zeit“, hat sie gesagt, es klang wie ein Fluch.

Der Alte konnte sich dunkel an die Familie meiner Großmutter erinnern. Ich saß in seinem steinernen Haus in der Stube, trank seinen Schnaps, der – bilde ich es mir ein? – grau schmeckte. „Ein Gasthaus hat es früher gegeben“, sagte er, „es hat Zum Grünen Bären geheißen. Es soll in den alten Zeiten grüne Bären hier heroben gegeben haben, mit Pelz wie aus Fichtennadeln. Ich glaube es nicht, ein Märchen, wahrscheinlich. Die Leute haben viel so Zeug zusammengelogen hier heroben, wenn die Nächte lang waren. Waren berühmt dafür.“

Nur noch wenige leben in Montarglei, junge Leute gar nicht mehr. „Ja“, sagte der Alte, „nur noch wir. Und die Leute werden alt hier, uralt.“ Er beugte sich zu mir, redete leise, als verrate er mir etwas, mir, der ich ja sozusagen hierher gehöre. „Ganz uralt. Und sogar danach. Tote. Du verstehst. Auch die Toten leben hier noch, gehen herum, sagen nichts, schauen durch einen durch. Sind spiegelbildlich, du verstehst? Das ist uns beim Sepzin Abraham aufgefallen, den sie vor dem Krieg, also vor dem vorletzten Krieg beim Wildern das linke Auge ausgeschossen haben. Und als Toter fehlte ihm das rechte Auge. Dadurch ist es uns aufgefallen, dass die Toten, die hier herumgehen, quasi ihr eigenes Spiegelbild sind. Nein, für immer bleiben sie nicht. Mit der Zeit verschwinden sie. Sind weg. Sind dann einfach weg. Wie bitte?“ Er lachte. „Freilich hast du keinen gesehen, obwohl – du bist sozusagen von hier … trotzdem. Sie zeigen sich ungern, wenn einer hier ist, den sie nicht kennen.“

Wenig später bat ich den Alten, dass er mich auf den Friedhof begleite, denn ich wollte …

Dies sind die Seiten 93 und 94, herausgerissen aus einem Buch. Eine Gurke war darin eingewickelt, die ich auf dem Markt in Naumburg an der Saale gekauft habe. Wer das Buch kennt, wird gebeten, sich beim vigilius oder bei mir zu melden.
 
 
 
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