Was ist die Vigiliuswiege

Silke Schumann
24.06.2009
 
Erinnern Sie sich?
Sie haben sie gesehen.
Man konnte sie nicht übersehen.

Ein kleines Bündelchen aus trockenem Holz. Zwei, drei trockene Äste auf Handlänge, obendrauf ein Büschel dürren Reisigs.

Die Vigiliuswiege.

Gehalten von einem Bindfaden auf Höhe des goldenen Schnittes, draußen an den großen Fenstern hängend, schwingend ihre Position anzeigend.

Bestimmt erinnern Sie sich. Bestimmt haben auch Sie das filigrane Bündel zunächst übersehen, sich später gewundert und schließlich sein Dasein einfach hingenommen.

Aber sind Sie näher rangegangen? Haben Sie mal genau nachgeschaut?

Nun, falls es gerade Winter war, haben Sie nichts verpasst. Sie hätten nichts gesehen. Aber waren Sie vielleicht im Frühling oder Sommer da?

Ja?
Ja, dann haben Sie ein buntes Treiben übersehen.

Zu Mittag, wenn die Sonne brennt, versammelt sich allerlei sechsfüßiges Getier, mit großen oder kleinen Flügeln, manche kommen auf einen Sprung vorbei, andere landen elegant.

Fast alle waren seit dem Morgengrauen unterwegs, sind staubig von der Arbeit an Blüten, trunken vom Saugen an Stängeln oder erschöpft vom Bohren und Knabbern.

Die Vigiliuswiege schaukelt leicht im Wind, taumelt sacht entlang der Fensterscheibe und bietet für die kleinen Gesellen ein Refugium des Innehaltens.

Da ziehen sie das eine oder andere Beinchen unter den Bauch, machen sich lang, schnarren und schnorren, zirpen oder plappern.

Plaudern über Woher und Wohin, teilen Erlebtes und Erlittenes in flüsterndem Dialekt oder träumen in sich hinein. Kippen später die Sonnenstrahlen in einen Winkel, machen sich bereit für ihre zweite Schicht. Glätten hauchdünne Flügel, bringen Fühler in Form, spannen Sprungbeine, schärfen ihren Blick. So manches Häuflein Blütenstaub, Nektartröpfchen oder Gespinst bleibt dabei in der Wiege zurück. Bis zum nächsten Wolkenbruch lagert sich so eine weich-klebrige Schicht auf den Reisigästchen an.

Am Nachmittag bleibt die Wiege meist allein, nur Flügler kleinerer Sorte nutzen das Bündelchen als Umsteigstation von einer Windrichtung auf die andere.

Erst wenn die Sonnenstrahlen überkippen und von unten die Gipfel beleuchten, wimmelt es wieder lebendig. Zu krabbeligen Schattendingern mit Greifärmchen gesellen sich kurzbeinige Knirpse mit und ohne Panzer, surrende Schnüffelnasen, Bauchkrabbler und elfengleiche durchsichtige Flügelwesen.
Einige haben Instrumente mitgebracht, um den Rhythmus der Nacht einzuspielen. Die meisten kommen jedoch, um mit dem Her und Hin, dem Auf und Ab der Wiege den Tag ausschwingen zu lassen.

Während sich die Frühaufsteher an den Enden des Bündelchens schon eingenistet haben, wiegen sich die nachtaktiven Freunde tanzend um den Bindfaden der Mitte.

Der letzte Windhauch verebbt kurz vor Mitternacht. Die Wiege kommt zur Ruhe. Wankend entschwindet ein zurückgebliebener Tänzer hinaus in die Nacht. Dunkelheit umfängt die Wiege, behütet ihre kleinen Gäste träumend bis zum Morgengrauen.

 
 
 
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