Was Stille bedeutet

Jürgen Werner
01.09.2012
 
Was Stille bedeutet
Sie hatten für den ganzen Tag Regen angesagt. Schneefallgrenze oberhalb 1000 Meter. Und sie behielten leider Recht, die Wetterfrösche, die sicher und vor allem trocken in ihren Radios saßen. Es hörte nicht auf zu regnen.

Der Berg war in dichten Nebel gehüllt, die Tragseile der Gondel verschwanden im Nichts. Ich stand allein an der Talstation, kein anderer Mensch, keine Gondel, nur eine Klingel. Aber irgendwo da oben, auf fünfzehnhundert Metern Höhe musste es sein, dieses Hotel: Vigilius Mountain Resort. Keine befestigten Straßen, keine Autos, geschweige denn Parkplätze. Es gab nur einen Weg. Die Seilbahn.

Es wurde schnell dunkel und mir zunehmend mulmiger. Dann war sie plötzlich da, der Nebel spuckte die Gondel wie einen Kirschkern aus, den man verschluckt hat und schnell wieder los werden möchte, bevor man daran erstickt. Sie kam direkt auf mich zu, rauschte dann doch an mir vorbei, wurde langsamer und hielt schließlich an. Sie wippte noch ein, zwei Mal nach, wie eine Kinderschaukel im Wind, die schon seit Langem verlassen und vergessen war. Dann stand sie still.

Wie von Geisterhand öffneten sich die Gondeltüren, das Tor vor der Gondel fuhr zur Seite, der Weg war frei. Ich sah mich um, immer noch allein, niemand außer mir. Noch konnte ich einfach umkehren, im Regen zu meinem Wagen gehen, Koffer in den Kofferraum und wieder nach Hause. Für einen Moment dachte ich wirklich darüber nach, während die Gondel mit stoischer Ruhe auf meine Entscheidung wartete. Für einen Stadtmenschen wie mich gehört diese Art der Fortbewegung eher zu den exotischen Dingen des Lebens. Kann schön sein, muss es aber nicht. Vor allem, wenn man sich im Dunkeln mutterseelenallein diesem Gefährt anvertraut.

Ich stieg ein. Da war sie wieder, die Geisterhand. Sie schloss das Tor und die Türen der Gondel. Ein lautes Signal, die Gondel nahm Fahrt auf. Die Talstation blieb unter mir zurück. Jetzt gab es kein Zurück mehr, nur noch den Weg nach oben.

Lana verschwand unter mir, die Lichter wurden kleiner, ich verabschiedete mich von dem Leben im Tal und wandte mich um. Mein Blick folgte den Seilen der Gondel, die irgendwo im Nebel verschwanden. Die erste Seilbahnstütze erwartete mich. Ich wusste vom Skifahren, dass man für einen Moment das Gefühl hat, die Gondel würde aus ihren Angeln gehoben und ins Bodenlose stürzen. Was nie passierte und spätestens nach der dritten Gondelfahrt alle in der Gondel eher amüsierte. Die Stütze kam näher, der Nebel verschluckte mich, machte mich blind, jetzt blieb nur noch dieses Gefühl, wenn sich der Magen für einen Moment anhebt und wieder senkt.

Geschafft. Die Gondel stieg höher und höher. Der Regen verwandelte sich in kleine Eiskristalle, die sich am Fenster festbissen. Der Nebel riss an einigen Stellen auf, die zweite Seilbahnstütze kam näher. Aber irgendetwas stimmte nicht, der Städter in mir meldete sich wieder zu Wort. Werde jetzt bloß nicht paranoid, ermahnte ich mich, während sich mein Blick auf die Öffnungen unter der zweiten Stütze konzentrierte, die wie kleine Höhlen aussahen. Irgendwas war da. Augen? Die Gondel kam näher. Das waren Augen! Wieder dieser Moment, wenn der Magen sich leicht hebt und wieder senkt. Aber dieses Mal hatte ich keinen Sinn dafür. Das, was ich gesehen hatte, waren die Augen eines Kauzes!

Ein Steinkauz, wie mir etwas später die nette Dame, die mich an der Bergstation erwartete, erklärte. Ich war wohlbehalten angekommen, wurde herzlich empfangen und zum Hotel geführt. Als ich das Vigilius Mountain Resort das erste Mal betrat, empfing mich die Wärme, Ruhe und Geborgenheit des Hotels wie eine weiche Daunendecke, unter die man sich gern kuschelt. Was ich auch tat. Ich fiel wie tot ins Bett und schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen war der Regen einem stahlblauen Himmel gewichen und die Wiesen lagen unter einer dicken, weißen Schneeschicht. Ich ließ mir den Weg zum Vigiljoch erklären und marschierte los. Ich wollte der Erste sein, der im Schnee seine Abdrücke hinterlässt. Ich wollte Eindrücke sammeln, die Zeit nutzen, die Kapelle auf dem Berg vor allen anderen erreichen. Im ersten Moment war dieses Ziel so wichtig, dass vor lauter Eindrückesammeln nur die Abdrücke im Schnee blieben. Ich schaute nicht rechts, nicht links, schließlich galt es, den Gipfel zu erreichen, Leistung zu bringen.

Eine Bewegung in den Bäumen lenkte meinen Ehrgeiz für einen Moment ab. Da war er wieder, der Kauz. Oder bildete ich mir das nur ein? Ich blieb stehen. Es konnte nur Einbildung gewesen sein. Steinkäuze gehören zur Gattung der Eulen und die sind bekanntlich nachtaktiv und nicht am Tag unterwegs, im gleißenden Sonnenlicht. Ich wollte weitergehen, aber dieses Stehenbleiben, Innehalten hatte den Städter in mir etwas zur Ruhe gebracht. Meine Sinne begannen sich zu verändern, mehr wahrzunehmen. Aber was war das, was ich plötzlich so intensiv spürte? Ich konnte es nicht greifen, geschweige denn begreifen. Ich sah mich um. Die Berge, der Schnee, die grandiose Natur?

Stille. Es war eine allumfassende Stille. Ganz gleich, wo ich mich Zuhause verkrieche, welchen Ort ich aufsuche, es herrscht nie eine derart vollkommene Stille. Als ich am Abend zuvor hier ankam, erwartete mich der Nebel. Zuhause aber, herrscht ein ständiger Nebel. Ein Nebel aus Lärm. Selten so laut, dass er einen in den Wahnsinn treibt, aber stets präsent. Hier oben inmitten der Berge, dieser grandiosen Natur, lichtete sich dieser Nebel. Der immerwährende Geräuschpegel, der alles mit seinem konturlosen Einerlei übertüncht, löste sich auf. Die wenigen Geräusche, die es hier oben gab, wurden klarer, die Konturen schärfer. Da war mein Atem, den ich plötzlich hörte, ich ging einen Schritt, das Knirschen meiner Schuhe im Schnee. Mein Herzschlag. Ich hatte noch nie so eine Präsenz des eigenen Ichs gespürt. Dieses ganz bei sich Sein. Einsamkeit in seiner schönsten Form.

Ich ging weiter. Langsamer. Bewusster. Und ich dachte an den Kauz, der in dieser kleinen Höhle der Seilbahnstütze lebt. Der diese Welt hier oben bewacht, der jeden in Augenschein nimmt, der sie betritt. Als er mich sah, dachte er sicher, dass sich da nur wieder einer dieser hektischen Städter auf den Weg in seine Welt macht. Einer, der da zu sein scheint und doch ganz woanders ist. Sein Gefühl hat ihn nicht getäuscht und vielleicht hätte sich nichts daran geändert. Ich hätte das Vigilius Mountain Resort ein Mal besucht, nichts verstanden und wäre vielleicht nie wieder an diesen Ort zurückgekehrt.

Aber er hat dafür gesorgt, dass ich stehen geblieben bin. Der Stille zugehört habe. Der Nebel hat sich gelichtet und mir die Welt in einem anderen Licht gezeigt. Eine Welt, in der ein Atemzug eine Bedeutung hat, ein Herzschlag tatsächlich Leben durch den eigenen Körper pumpt und die Natur nicht Mittel zum Zweck ist, sondern dich in ihre Arme nimmt.

Ich weiß bis heute nicht, ob der Kauz tatsächlich am helllichten Tag in den Bäumen saß und mich von dort beobachtet hat. Vielleicht hat er während der ganzen Zeit, die ich oben im Hotel war, seine Höhle in der Seilbahnstütze nie verlassen? Für mich war er in diesem Moment da. Ob leibhaftig oder in meiner Phantasie. Auf dem Vigiljoch spielt das keine Rolle.

Als ich mich einige Tage später auf den Weg zurück ins Tal machte, schien die Sonne und die Wetterfrösche in ihren Radios meinten, das würde sich auch so schnell nicht ändern. Als wenn mir der Abschied nicht so schon schwer genug gefallen wäre.

Auf dem Weg ins Tal, näherte sich die Gondel wieder der Seilbahnstütze. Ich konzentrierte mich darauf, den Kauz zu sehen, und er war tatsächlich da. Beobachtete mich, auf meinem Weg zurück nach Lana, zurück in die andere Welt. Wir sahen uns an und ich hatte das Gefühl, dass er nichts dagegen hätte, wenn ich wiederkomme. Zumindest hoffte ich das. Denn dass ich an diesen Ort zurückkehren würde, daran bestand kein Zweifel.

Seit diesen Tagen kehre ich regelmäßig ins Vigilius Mountain Resort zurück. In diese ganz eigene Welt, die Stille, Wärme und Geborgenheit.

Ich sehe den Kauz nicht jedes Mal, wenn ich mit der Gondel an seinem Zuhause vorbeifahre. Ich glaube, er traut mir. Er zeigt mir, dass ich jetzt Teil seiner Welt bin. Dass ich verstanden habe, was dieser ganz besondere Ort, was Stille, wirklich bedeutet.



 
 
 
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